Aus den Augen – Eine Kurzgeschichte

Celia ist sieben Jahre alt, als es das erste Mal passiert. Doch erst viel später wird sie verstehen, was es bedeutet. Und welche Nachteile es mit sich bringt…

Lesezeit ca. 20 Minuten


Celia war sieben, als sie das erste Mal zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wurde. Sie war so aufgeregt, dass sie stundenlang mit ihrer Mutter durch das Geschäft streifte, um das perfekte Geschenk zu finden.

Im Nachhinein glaubte Celia, dass die Einladung ihrer Mutter sogar noch mehr bedeutet hatte als ihr selbst. Es war einer der wenigen Tage gewesen, an denen ihre Mutter nicht ein einziges Mal die Worte „zu teuer“ gesagt hatte.

Anikas Haus war für die Geburtstagsfeier entsprechend dekoriert. Überall waren Luftballons und Girlanden aufgehängt und in der Küche stand ein riesiger Schokoladenkuchen auf dem Tisch. Den durften sie aber natürlich erst nach dem Spielen essen, hatte Anikas Mutter gesagt.

Celia war überrascht, wie sauber es überall in dem Haus war. Selbst dort unter Anikas Bett, wo sich Celia in fast jeder Versteckrunde zurückzog, lag nichts. Unter ihrem eigenen Bett standen Kisten mit Spielsachen. Aber ihr Zimmer war auch nicht so groß wie Anikas.

Das Bett war perfekt zum Verstecken. Von hier aus konnte sie durch die offene Tür die Treppe nach unten sehen und beobachten, wie die anderen Mädchen suchend die Stufen auf und ab liefen. Sie kreischten, wann immer eine von ihnen entdeckt wurde und Celia presste eine Hand auf den Mund um nicht laut zu loszulachen. Sie würde das Spiel gewinnen, da war sie sich sicher.

Celia war immer die letzte, die aus ihrem Versteck gekrochen kam, doch in dieser Runde wollte sie gefunden werden. Wieso kamen die anderen denn nicht darauf, unter dem Bett nachzusehen? Wenn sie zu Hause Verstecken spielte, fand ihre Mutter sie doch auch immer.

Sie hörte die anderen ihren Namen rufen, sah sie die Treppe hinauf und hinunter rennen. Doch niemand fand sie.

Als sie die Stimmen der anderen schließlich nur noch dumpf von unten hören konnte und niemand mehr die Treppe entlang lief, kroch sie doch aus ihrem Versteck.

„Gewonnen!“, rief sie siegessicher und hüpfte die Treppe hinunter.

Die anderen sechs Mädchen saßen schon um den Küchentisch verteilt und sahen sie merkwürdig an. Vor jeder von ihnen stand ein rosa Pappteller mit dem Schokoladenkuchen.

Es war kein freier Platz am Tisch.

„Oh, Kleines“, hörte Celia Anikas Mutter sagen. „Was ist denn hier los?“ Sie griff in die Plastetüte um noch einen Teller herauszuholen und schob einen Hocker an den Tisch.

„Niemand hat mich gefunden. Ich habe das Spiel gewonnen“, sagte Celia dann. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an. Anikas Mutter drückte ihr den Teller mit einem Rest Kuchen in die Hand.

Die anderen Mädchen sagten nichts. Anika blinzelte Celia kurz an und sagte dann: „Stimmt. Dann hast du gewonnen.“

Aber auch das machte es nicht besser.

Celia war froh, als ihre Mutter sie endlich abholte.

So froh, dass sie ihr nichts von dem Kuchen erzählte.

Anika lud Celia danach nie wieder zu einer Geburtstagsfeier ein.

 

***

 

Celia hasste den Sportunterricht.

Sie hatte noch nie verstanden, warum das als Fach an der Schule überhaupt gelehrt werden musste, doch jetzt — mit 15 Jahren — war sie der festen Überzeugung, dass es nur der Demütigung aller unsportlichen Menschen diente.

Warum sonst sollte jemand auf die Idee kommen, einen brusthohen Kasten mitten in der Halle zu positionieren, damit jeder Schüler nacheinander drüber sprang? Oder grazil hüpfte? Oder — wie Celia — sich jede mögliche Ausrede einfallen ließ, um das Ganze zu umgehen?

Doch egal wie kreativ Celia sich anstellte, ihre Mutter kannte keine Gnade. Manchmal müsse man im Leben Dinge tun, die man nicht mochte und man müsse sie oft auch mit Menschen tun, die man nicht leiden konnte. Es sei eine gute Übung für’s Leben.

Celias Mutter war auch nicht diejenige, die in diesem Moment am liebsten im Erdboden verschwunden wäre.

„Wenn’s geht heute noch, Celia“, rief ihr Sportlehrer. „Die anderen wollen schließlich auch noch was machen.“

Sie wollte gerne sagen, dass die anderen definitiv vor gehen konnten, wenn sie so scharf darauf waren. Aber von hinten bekam sie nur einen Schubs. Offensichtlich fanden die anderen auch, dass sie endlich mal an der Reihe war.

Sie setzte ihre Füße in Bewegung. Schneller, dachte sie, und dann springen. Ganz einfach.

Doch je näher sie kam, desto größer wurde der Kasten. Da sollte sie drüber springen? War die Matte dahinter überhaupt weich genug? Was, wenn sie zu weit sprang?

Oder nicht hoch genug?

Noch während ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss, entschieden ihre Beine wie von selbst, den Anlauf aufzugeben. Ihr Kopf hingegen hatte die Nachricht nicht mitbekommen und versuchte, das Sprungsignal noch zu senden.

Und so flog sie unsanft mit einem halben Hüpfer gegen den Kasten. Ihr Oberkörper landete mit einem lauten Klatschen auf dem harten, stinkenden Leder. Ihre Beine baumelten in der Luft.

Wenn man nach dem Gelächter der anderen urteilte, sah sie bescheuert aus. Mehr als bescheuert.

Celia bemühte sich, die Luft in ihre Lungen zu pressen. Atmen. Alles nicht so schlimm.

„Vielleicht versuchst du’s einfach noch einmal“, kam die Stimme ihres Lehrers von der Seite. Sie konnte hören, wie er sich das Lachen verkneifen musste. Das Lachen der anderen wurde dadurch nur noch lauter.

Warum konnte sich jetzt kein Loch auf tun und sie verschlucken? Es musste ja nicht groß sein. Nur groß genug für sie und dieses scheußliche Sportgerät unter ihr.

Also doch irgendwie ziemlich groß.

Das Gelächter hinter ihr ebbte langsam ab.

„Okay, jetzt beruhigen sich alle wieder“, hörte sie die Stimme des Lehrers. „Wir wollen ja heute noch damit fertig werden. Der nächste.“

Celia hörte die dumpfen, immer schneller werdenden Schritte ihrer Klassenkameradin und hatte gerade noch genug Zeit, sich seitlich von dem Kasten rutschen zu lassen, bevor Anika auf das Sprungbrett hüpfte und sich von dort federleicht auf die Matte katapultierte. Sie reckte ihre Arme in die Luft, als wäre sie bei den Olympischen Spielen.

Celia, die sich noch immer nicht vom Boden aufgerappelt hatte, starrte sie mit offenem Mund an.

Anika hätte ihr wenigstens genug Zeit geben können, um sich aus der Gefahrenzone zu entfernen. Rückwärts kroch sie ein paar Meter weg und richtete sich dann auf. Die blutige Schramme an ihrem Knie war die perfekte Ausrede. Sie würde so tun, als ob sie sich waschen wollte und dann einfach bis zum Pausenklingeln in der Umkleide warten. Danach war ohnehin Schluss für heute.

Ihr Sportlehrer bemerkte gar nicht, wie sie sich aus der Halle schlich.

Als Celia am nächsten Morgen das Schulgebäude betrat, machte sie sich auf alles gefasst. Ihre peinliche Aktion hatte sicher schon die Runde gemacht. Bei ihrem Glück hatte wahrscheinlich sogar irgendjemand ein Foto oder ein Video davon.

Sie zog sich ihre Kapuze über den Kopf und schlich durch die Hallen. Niemand sprach sie an.

Und niemand redete über sie.

Die Ruhe vor dem Sturm, da war sich Celia sicher. Die anderen würden mit den Sticheleien bis zum Unterricht warten, aus dem sie nicht fliehen konnte. Unter ihrer Kapuze steckte sie sich die Kopfhörer in die Ohren. Sie hatte ein bisschen Übung darin, andere zu ignorieren. Das würde sie jetzt brauchen.

Vielleicht war es auch das, was ihre Mutter gemeint hatte. Manchmal müsse man Dinge tun, die man eigentlich nicht tun wollte. Dabei wollte sie tatsächlich einfach nur hier sitzen und sich auf den Unterricht konzentrieren. Sie brauchte die guten Noten für ein Stipendium.

Zu ihrer Verwunderung sagte auch im Unterricht niemand etwas. Weder in Bio, noch in Deutsch oder Musik. Niemand rempelte sie auf dem Gang an.

Auch am nächsten Tag nicht.

Oder an dem danach.

Erst als Celia am Freitag im Mathe-Unterricht ihren Arm für eine Frage hob, holte die Realität sie ein. Alle Blicke schossen auf einmal zu ihr, als wären sie sich erst jetzt bewusst geworden, dass Celia dort saß. Und nach der anfänglichen Verwirrung sah sie es. Das Lachen. Das Grinsen. Den Spott.

Als es zur Pause klingelte und sie sich schnellstmöglich aus dem Zimmer schleichen wollte, stellte ihr jemand ein Bein.

 

***

 

Celia betrat das Firmengebäude mit einem Lächeln im Gesicht. Ihre Mutter hatte ihr für ihren heutigen Geburtstag Kuchen versprochen, auch wenn Celia nicht sicher war, ob es wirklich welchen geben würde. Ihre Mutter war in letzter Zeit ein wenig zerstreut. Als sie den Pförtner mit einem Nicken begrüßte, schaute dieser sie nur mürrisch an.

„Ihren Ausweis, bitte.“

Celia schüttelte den Kopf. Seit zwei Jahren arbeitete sie hier und noch immer erkannte er sie nicht. Normalerweise ignorierte er sie einfach. Sie reichte ihm ihren Mitarbeiterausweis und er hielt ihn neben ihr Gesicht.

Nachdem er eine Weile zwischen ihr und dem Foto auf dem Ausweis hin und her geschaut hatte, legte er den Ausweis auf seinen Tisch.

„Ich muss Sie bitten, hier zu warten“, sagte er dann und wies mit der Hand auf die Stuhlreihe beim Eingang.

„Wie bitte?“, fragte Celia. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet, dass es kurz vor acht Uhr war. Sie musste nach oben, wenn sie heute pünktlich gehen wollte.

„Bitte warten Sie hier“, wiederholte der Pförtner und wartete, bis sie sich einige Schritte entfernt hatte. Dann nahm er den Hörer seines Telefons ab.

Nach etwa zehn Minuten kam Greg, ihr Chef, atemlos aus den Aufzügen gestürzt.

„Was ist denn bitte so wichtig, dass Sie mich hier herunter holen?“, brüllte er durch die gesamte Halle. Unwillkürlich zuckte Celia zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Der Pförtner wechselte in leisem Ton ein paar Worte mit Greg und zeigte dabei immer wieder auf sie.

„Frau Greyson?“ Greg stand vor ihr und schob seine Brille nervös etwas höher auf seine Nase.

„Greg?“, antwortete Celia. „Was ist denn los? Stimmt etwas mit meinem Ausweis nicht?“

Greg runzelte die Stirn und erst jetzt bemerkte Celia, wie er sie genannt hatte: Frau Greyson.

Nicht Celia.

Greg hatte ihren Ausweis in der Hand und hielt ihn nun, genau wie der Pförtner vorhin, neben ihr Gesicht.

„Woher haben Sie den denn?“, fragte er, wie beiläufig und Celia musste lachen.

„Von Ihnen, Greg. Den haben Sie mir vor zwei Jahren ausgestellt. Was ist denn eigentlich los? Ich wollte heute pünktlich gehen.“

Wieder schaute sie auf ihre Uhr. Schon Viertel nach acht. Na gut, dann würde sie auf ihre Mittagspause verzichten.

Greg schob erneut seine Brille nach oben.

„Pünktlich gehen?“

„Ja, ich habe doch heute Geburtstag. Ich habe gestern die Müller-Akte noch fertig gemacht und kann heute mit den Anträgen beginnen.“

Sie konnte Gregs Gesicht entnehmen, wie verwirrt er war.

„Die Müller-Akte…“, sagte er und kratzte sich am Hinterkopf. „Tatsache…“

Nach einem Moment winkte er ihr zu, ihm zu folgen. Die Fahrt in die zwölfte Etage schien eine Ewigkeit zu dauern.

Und als sie ihr Büro betrat, blieb die Zeit komplett stehen.

Auf ihrem Stuhl saß eine junge Frau. Sie war etwa in Celias Alter und gerade damit beschäftigt, ein Bild von sich und einem Hund neben dem Bildschirm aufzustellen.

„Was ist hier los?“, brachte Celia hervor. Ellen schaute von ihrem Bildschirm auf.

„Oh, gleich zwei Neue?“, fragte sie. „Du willst uns wohl verwöhnen, Greg?“

Der hingegen kratzte sich noch einmal am Hinterkopf.

„Die Müller-Akte. Kann ich die mal sehen?“, fragte Greg und Ellen nickte. Sie griff zielsicher hinter sich in den To-Do-Stapel, doch schüttelte dann nur den Kopf.

„Ich bin mir sicher, ich habe sie gestern hier her gelegt.“

Mit wenigen Schritten war Celia beim Schrank und zog die Akte hervor.

„Ich habe doch gesagt, dass ich sie gestern fertig gemacht habe“, sagte sie dann, lauter als nötig.

Greg nickte langsam und wies sie dann wieder an, ihm zu folgen. Er ließ sie in einem Konferenzzimmer Platz nehmen. Als er zurück kam, war es schon kurz nach zehn.

„Frau Greyson, ich weiß nicht, was hier passiert ist“, begann er. „Sie sind in unserem System angelegt, aber… Ich kann mich nicht erinnern, Sie eingestellt zu haben.“

Das musste ein Scherz sein, dachte Celia. Doch im selben Moment wusste sie, dass es keiner war. Sicherlich war sie nicht die aufgeschlossenste Mitarbeiterin gewesen. Und ja, vielleicht hatte sie die Weihnachtsfeiern für gewöhnlich ausgelassen und stattdessen zu Hause ein gutes Buch gelesen. Aber… Vielleicht hätte sie doch ein Foto auf ihren Schreibtisch stellen sollen, wie alle anderen es taten.

„Aber ich bin angestellt“, sagte sie dann langsam.

Greg reichte ihr ein Stück Papier. Die Worte „Auflösung des Arbeitsverhältnisses“ standen fett oben darüber.

„Ich weiß nicht, wie Sie das angestellt haben, oder woher Sie all die Informationen haben“, sagte er dann langsam. Celia kannte diesen Tonfall. Er benutzte ihn sonst nur in Verhandlungen, wenn er seinen Gegenüber zu etwas überreden wollte. „Ich denke, es ist das Beste, wir beenden dieses Missverständnis auf ordentliche Art und Weise.“

Missverständnis?

„Ich verstehe nicht ganz.“

„Die Kündigungsfrist beträgt vier Wochen, Frau Greyson. Sie sind ab sofort freigestellt.“ Er legte einen Stift vor sie. „Auch wenn Sie nie hier gearbeitet haben“, fügte er dann leise hinzu.

Celia öffnete ihren Mund um zu protestieren, doch Greg fuhr mit der Hand durch die Luft und die Worte starben in ihrem Hals.

„Wie gesagt, ich habe Sie nicht eingestellt. Und die Mitarbeiterinnen, mit denen Sie angeblich in einem Büro saßen, kennen Sie nicht. Ich möchte hier keinen… Problemfall.“ Er sah ihr fest ins Gesicht. „Sie sind freigestellt. Gehalt bis Monatsende. Die Herren von der Security werden Sie nach unten begleiten.“

Celia hatte nicht einmal mehr die Möglichkeit, nach Worten zu suchen. Ihre Hand unterschrieb wie von allein.

Das letzte Fünkchen Hoffnung, dass dies doch alles nur ein sehr ausgeklügelter Scherz auf ihre Kosten war, erstarb, als sie draußen vor dem Bürogebäude abgesetzt wurde. Das war kein Scherz.

Celia hatte zwei Jahre für eine Firma gearbeitet und nachweislich Erfolge erzielt, aber niemand von ihren Kollegen konnte sich auch nur im entferntesten an sie erinnern.

Das Schluchzen in ihrem Hals drohte sich entweder in ein Lachen oder ein Weinen zu verwandeln. Celia schluckte es herunter. Gut, wenn sie jetzt so zeitig Feierabend hatte, konnte sie auch noch schnell Geld von der Bank holen.

Die Bank war leer, als Celia eintrat. Es war schließlich kurz vor Mittag. Hinter dem Schalter zählte die einzige anwesende Mitarbeiterin ihre Kasse. Celia stellte sich vor den Schalter und wartete.

Die Frau ignorierte sie und drehte sich dann vom Schalter weg.

„Nichts los heute, was?“, fragte plötzlich ein junger Mann, der mit seinem Schlüsselbund spielend aus dem Pausenraum kam. Er grinste seiner Kollegin zu. Auch er beachtete Celia nicht. „Wir sollten eher schließen und Mittag machen.“

„Wegen der zehn Minuten“, sagte die Frau am Schalter seufzend, „werde ich keine Abmahnung riskieren. Ich wette, genau jetzt kommt noch jemand.“

Hallo? Sie war doch hier. Beherzt griff Celia nach ein paar Scheinen, die sie durch den Schalter erreichen konnte und wedelte damit herum. Doch keiner der beiden beachtete sie.

Na gut, dann würde sie eben mit dem Geld heraus marschieren. Spätestens dann müssten sie sie doch bemerken.

Doch als sie auf der Straße stand, die Geldscheine in der Hand, schloss der Bankangestellte hinter ihr die Tür zu und drehte das Geöffnet-Schild um.

Celia schaute von ihren Händen zu der Tür und zurück. Hatte sie gerade… Geld gestohlen? In ihrer Hand befanden sich etwa 50 Euro, die sie eben einfach eingesteckt hatte, ohne dass die Angestellten sich darum gekümmert hätten.

Celia brach in Gelächter aus. Das war doch verrückt.

Sie konnte doch nicht einfach Geld aus einer Bank entwenden und dann gehen. Andererseits konnte sie auch nicht einfach zwei Jahre hart in einer Firma arbeiten, nur damit diese sie jetzt nicht mehr kannte. In ein paar Monaten wäre eine Gehaltserhöhung fällig gewesen.

Vielleicht meinte das Schicksal es heute doch gut mit ihr.

 

***

 

„Hallo“, sagte Celia sanft und setzte sich auf einen Sessel. Ihre Mutter lächelte zwar immer, aber als sie Celia erblickte, strahlte sie regelrecht.

„Hallo“, erwiderte sie. Sie sah winzig aus, wie sie dort auf der Couch saß. Dünner als letzte Woche, falls das denn überhaupt möglich war. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß.

Früher hatte Celias Mutter mit ihren Händen gesprochen. Es gab keinen Moment, in dem sie ruhig in ihrem Schoß gefaltet gewesen wären, aber die Krankheit hatte vieles verändert.

„Wie geht es dir heute?“, fragte Celia. „Ich habe Kuchen mitgebracht.“

„Ich bin doch auf Diät“, sagte ihre Mutter und strich sich über den nicht vorhandenen Bauch. „Das wissen Sie doch.“ Dennoch schaute sie auf das Stück Kuchen, das Celia vor ihr auspackte.

„Das muss ich vergessen haben“, sagte Celia und schluckte eine Träne herunter. Heute war anscheinend wieder einer dieser Tage.

Einer der Tage, an dem ihre Mutter sich nicht einmal mehr erinnern konnte, wer Celia war.

„Darf ich ein Stück haben?“, fragte ihre Mutter plötzlich und zeigte auf den Kuchen. „Ich liebe Kuchen. Meine Tochter bäckt mir manchmal welchen, wissen Sie. Aber sie ist so beschäftigt. Viel unterwegs. Sie kommt nicht oft.“

Celia nickte nur. Sie packte den selbst gebackenen Schokoladenkuchen auf einen Teller und stellte ihn vor ihre Mutter.

„Das Wetter ist schön heute“, sagte diese, ohne den Kuchen anzurühren. Wieder nickte Celia nur.

Auf ihre Mutter war immer Verlass gewesen. Celia war in den letzten Jahren so oft übersehen oder ignoriert worden und sie hatte gelernt, es sich zunutze zu machen. Sie hatte andere Einnahmequellen gefunden und sich mit ihrer Mutter ein komfortables Leben einrichten können. Das war es wert gewesen. Celia brauchte niemanden, solange ihre Mutter immer wusste, wer sie war.

Doch die Frau, die ihr da gegenüber saß und mittlerweile ein kleines Stück vom Kuchen abbrach um es mit den Fingern zu essen, war nicht mehr ihre Mutter. Ihre Mutter hätte die Kuchengabel benutzt, die Celia ihr hingelegt hatte. Sie hätte sie in die Arme genommen, als sie gekommen war und ihr über die Haare gestrichen.

Kein Geld der Welt konnte das ändern.

Manchmal während dieser Besuche kamen die Erinnerungen zurück. Aber heute nicht. Heute saß Celia einfach nur da und zwang sich dazu, über Belanglosigkeiten wie das Wetter zu reden, ein Buch zu empfehlen und sich nach einer halben Stunde überhastet unter einem Vorwand zu verabschieden.

„Kommen Sie nächste Woche wieder?“, fragte ihre Mutter mit einem Leuchten in den Augen. „Ihr Kuchen ist fast so gut wie der von meiner Tochter. Sie kann nicht so oft kommen, wissen Sie. Vielbeschäftigt, die junge Generation.“

Celia lächelte.

„Natürlich“, sagte sie und küsste ihrer Mutter das Haar. Sie blieb nicht lang genug, um die Reaktion darauf abzuwarten.

Die Tränen kamen erst, als sie das Pflegeheim verlassen hatte.

 

***

 

„Kannst du den nächsten übernehmen?“

Joe nickte, als Celia sich die Schürze über den Kopf zog.

„Du hast doch eh schon seit einer halben Stunde Feierabend“, sagte er.

Celia steckte ihm die Zunge raus, zog sich die Mütze auf den Kopf und warf ihren Schal locker um den Hals. Die Klingel über der Tür läutete als sie das Kaffeehaus verließ. In schnellen Schritten querte sie die Straße. Hinter ihr ertönte ein aufgebrachtes Hupen.

„Vielleicht guckst du erstmal, bevor du auf die Straße rennst!“

„Danke, dass Sie auf mich Acht geben“, rief Celia dem Autofahrer zu und lächelte. Dann verschwand sie in einer Seitenstraße.

Türklingeln waren Celias Lieblingsgeräusch. Und die Türklingel des Blumenladens war eine der schönsten.

„Einen Moment bitte“, sagte der junge Mann hinter dem Tresen und kassierte einen Mann mit einem Rosenstrauß ab. „Ich habe besonders schöne Margeriten heute bekommen.“

Da stand er hinter ihr und lächelte sie an. Wie jede Woche.

Celia verzog das Gesicht und schüttelte dann lachend den Kopf.

„Ich nehme dasselbe wie immer“, sagte sie dann. Das Namensschild des Verkäufers verriet, dass er Paul hieß. Es war ein schönes Namensschild, mit einem Weinblatt dekoriert. Celia hatte es gleich beim ersten Mal bemerkt.

Paul seufzte.

„Das habe ich befürchtet. Rosen und Vergissmeinnicht. Aber Vergissmeinnicht sind um diese Jahreszeit wirklich nicht leicht zu bekommen.“

Celia winkte ab.

„Ich weiß. Deswegen komme ich ja hier her. Weil Sie der einzige sind, der sie besorgen kann“, sagte sie. Paul wurde ein bisschen rot im Gesicht. „Sie sind sehr kundenorientiert“, sagte sie deshalb schnell hinterher.

Sie nickten beide. Wenn Paul lächelte, bekam er kleine Fältchen in den Augenwinkeln. Das sah sehr sympathisch aus, fand Celia.

„Sie sind für meine Mutter“, sagte sie dann und wandte sich ab. Er sah sie eindeutig zu eindringlich an. Sie hörte, wie Paul sich hinter dem Tresen an die Arbeit machte.

„Vielleicht können Sie mir mal von ihr erzählen“, sagte er langsam als er ihr den Strauß reichte und sie bezahlte. Immer mit einem großzügigen Trinkgeld. Ihre finanzielle Situation war nicht mehr ganz so sorgenfrei wie vor ein paar Jahren, aber Trinkgeld gab sie immer. Vor allem Menschen wie Paul. Menschen, die sie ansahen. „Also, bei einem Kaffee oder so.“

Celia schaute überrascht auf und Pauls Lächeln war ein bisschen zaghaft.

„Ja“, sagte sie langsam. „Vielleicht.“ Dann lächelte sie zurück, nahm die Blumen und verließ hastig den Laden.

Der Friedhof war nur eine Viertelstunde mit dem Bus entfernt. Immer noch lächelnd steckte Celia ihre Nase in die Blumen.

Ihre Mutter hatte Duftrosen geliebt.

Nächste Woche würde sie Kaffee mit in den Blumenladen bringen. Kaffee, den sie selbst gemacht hatte. Ob Paul ein koffeinfreier-Soja-Macchiato-Typ war? Oder eher ein schwarzer-Kaffee-Typ? Vielleicht hätte sie ihn vorhin fragen sollen.

„He, pass doch auf“, schnauzte ein Mann sie an, dem sie nicht schnell genug zur Seite gegangen war. „Vielleicht mal nach oben schauen, Träumerin.“

Celie winkte dem Mann hinterher und lächelte.

Sie liebte die Verwirrung, die sie stiftete, wenn sie auf Unfreundlichkeit mit einem Lächeln reagierte.

Oder wenn sie nicht schnell genug aus dem Weg sprang.

Wenn sie sich nicht versteckte.


Wärt ihr auch manchmal lieber unsichtbar? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

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Der Ernst des Lebens macht Pause

Wann beginnt eigentlich der Ernst des Lebens?

Ihr wisst schon, diese mysteriöse Phase, in der man immer genau weiß, was zu tun ist. In der einfach mal Schluss ist mit lustig, sondern geklotzt wird. Die Phase, in der man Alkohol nur noch in Maßen genießt und abends 22 Uhr ins Bett geht, damit man morgens ausgeschlafen ist.

Wenn man mein 15-jähriges Ich fragt, dann beginnt diese Phase pünktlich mit dem Eintritt in ein zweistelliges Alter.

Wie ich schon mal erwähnt habe (so ein, zwei Mal vielleicht…), bin ich als Perfektionistin geboren. Manchmal frage ich mich, ob ich kurz nach meiner Geburt den Krankenschwestern schon Anweisungen gegeben habe, wie sie ihre Prozesse optimieren können… oder sollten 😉

Nicht selten darf ich mir anhören, ich würde mich selbst unglaublich ernst nehmen. Und mehr und mehr habe ich in den letzten Monaten gemerkt, dass das wirklich nichts ist, worauf ich stolz sein möchte.

Denn all der Ernst saugt einfach den Spaß aus allem.

Ich folge Susan Dennards Newsletter und bin jeden Monat auf’s Neue überrascht, wie sehr sie mir aus dem Herzen spricht. Sie war letztes Jahr in einer ähnlichen Phase wie ich jetzt:

Gehetzt, ernst und ständig mit dem Gefühl, nichts richtig machen zu können.

Ihr Schreibprozess hat darunter sehr gelitten und sie musste im Endeffekt all die Worte, die sie in dieser Phase geschrieben hat, wieder verwerfen. Aber schlimmer noch waren die Auswirkungen auf ihr Seelenleben.

Im gestrigen Newsletter beschrieb sie den Zustand als „hollow husk of caffeine and terror“ und ich musste ein wenig Schmunzeln.

Denn genauso fühle ich mich momentan. Minus Koffein.

Es war sogar so schlimm, dass ich vor ein paar Wochen fast in Tränen ausgebrochen wäre, weil mir in der Küche auf Arbeit mein dreckiges Geschirr runter gefallen ist. Noch nie war ich von einer Gabel so enttäuscht.

Doch der Urlaub vorletzte Woche hat die Dinge mal wieder ein bisschen in die richtige Perspektive gerückt.

Ich sage öfter Nein.

Anstatt mir jede Arbeit aufzuhalsen, um die ich gebeten werde, gehe ich momentan eher auf Abwehrhaltung. Interessiert mich das? Habe ich dafür Kapazitäten? Und, sehr wichtig: Ist das mein Problem?

Momentan habe ich keine Kapazitäten für die Blogposts.

Ich schreibe Geschichten und das ist meine Priorität. Ich schreibe auch gerne mal über mein Leben. Allerdings ist da in letzter Zeit immer nur ein Thema: nämlich mein generelles Gefühl, überfordert zu sein. Nach drei, vier, fünf solcher Posts wird es langweilig. Auch für mich.

Deshalb hier die offizielle Ansage, dass die Blogposts ab jetzt Pause machen.

Die Kurzgeschichten werden kommen; und wer sich für den Newsletter anmeldet, wird auch immer pünktlich informiert.

Aber darüber hinaus werde ich jetzt erstmal die Plüschsocken anziehen und mich in der Jogginghose in mein Bett zum Lesen verkrümeln. Lesen und Schlafen.

Bis zum Oktober!

Eure Caro

Glitzern im Wasser – Eine Kurzgeschichte

Wenn Max‘ Eltern nicht so arm wären, dann müsste er nicht im Boot sitzen und angeln. Aber wenn er nicht angeln müsste, hätte er die Frau nie getroffen. Die Frau, die ihm Fische schenkte. Und ihr Geheimnis…

Lesezeit ca. 20 Minuten


Die Sonne brannte ihm auf den Kopf. Hier in der Mitte des Sees gab es keinen Schatten und sein Hut lag zu Hause.

Es war zu spät, an Land zu rudern und ihn zu holen. Wenigstens heute musste er einen Fisch fangen. Schon in den letzten Tagen war er immer mit leeren Händen nach Hause gekommen und langsam konnte er die Blicke seiner Eltern nicht mehr ertragen.

Sie waren nicht mal böse, nein. Sie sahen Max mit einer Mischung aus Verständnis und Trauer an, als ob sie ihm keine Vorwürfe machen wollten, wenn er seinen Teil zum Lebensunterhalt der Familie nicht beitrug. Der Blick an sich aber war schon Vorwurf genug.

Er fand nur die Plane, mit der er das Boot bei Regen abdecken konnte. Dann musste er sich darunter verkriechen, wenn er keinen Sonnenstich bekommen wollte. Egal, wie heiß es darunter war.

Max kontrollierte noch einmal, ob er die Angel richtig am Boot befestigt hatte und verschwand dann in die stickige Dunkelheit. (mehr …)