42 Grad Celsius – Eine Kurzgeschichte

42 Grad Celsius

Professor Bienstein ist Erdbiologe, ein umstrittener Beruf. Doch er weiß, dass sein Wissen von größter Wichtigkeit ist, wenn die Menschen zurück auf die Erde wollen. Und nun ist der Tag endlich bekommen. Der General übergibt ihm eine Kiste mit einem Exemplar von Erdvegetation, das er zwei Wochen am Leben erhalten soll. Ein großer Schritt für die Menschheit, eine Leichtigkeit für den Professor. So glaubt er zumindest…

Lesedauer: ca. 11 Minuten


Die Kiste stand auf dem Schreibtisch und schien den Professor auszulachen.

Der General hatte ihm das Ding in die Hand gedrückt und gesagt, „Ich vertraue darauf, dass Sie das Exemplar zu hüten wissen.“

Wie hätte der Professor da etwas erwidern sollen? Er hatte nur stumm genickt und die Kiste auf seinem Schreibtisch abgestellt, wo sie nun unangetastet stand. Und ihn auslachte.

Er musste etwas damit tun. Er wusste ja noch nicht einmal, was genau sich in der Kiste befand. Auch das hatte der General nicht erwähnt.

Bei all seinem theoretischen Wissen über Erdbiologie hatte er noch nie ein echtes Exemplar von da unten zu Gesicht bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass er es nun pflegen müsste und von seinem Erfolg eine ganze Menge abhing.

„Wir sollten vielleicht mal den Deckel lüften, Professor“, schlug seine Assistentin Lou ruhig vor. Sie stand neben ihm, die Arme verschränkt. Sie schien sein Dilemma nicht zu verstehen; das war schon die dritte Andeutung, die sie in diese Richtung machte.

„Die Umgebungsbedingungen hier drin sind nicht richtig“, widersprach der Professor. „Wenn wir die Kiste jetzt aufmachen, geht uns das Exemplar vielleicht sofort verloren.“

Das war die oberste Regel der Forschung. Alles war immer mit Vorsicht zu betrachten.

„Dann gehen wir jetzt ins Labor und sorgen dort für die richtigen Umgebungsbedingungen.“ Sie seufzte laut und dramatisch. „Jetzt haben Sie sich mal nicht so.“

Sie hatte leicht reden. Sie war nicht dabei gewesen, als der General von seiner Erdmission zurück gekehrt war. Sie hatte die Kiste nicht vor den Augen von zwanzig Soldaten und dem Hohen Rat übernehmen müssen.

Und sie hatte nicht versprochen, dass der Inhalt der Kiste in zwei Wochen unversehrt sein würde. Wie auch, sie war schließlich nur seine Assistentin. Er war der einzige Erdbiologe auf diesem Schiff und nur einer von fünf in der ganzen Kolonie. Sie hatte keine Ahnung.

Lou seufzte noch einmal laut und nahm plötzlich die Kiste mit sich nebenan in das Labor. Der Professor schickte sich an, ihr nachzulaufen und die Kiste wieder abzunehmen. Aber seine Beine versagten ihm. Wenn jetzt etwas schief ging, war es nicht seine Schuld.

Schwachsinn.

Solche Gedanken durfte er gar nicht zulassen. Er war der Wissenschaftler. Er war der Spezialist für Erdvegetation und er würde sich nicht von seiner Assistentin vorführen lassen.

„Was machen Sie da?“ herrschte er sie an.

„Ich gebe dem Exemplar etwas Raum“, erwiderte sie unbeeindruckt. Sie hatte die Kiste bereits geöffnet und die darin befindliche Schale auf dem Untersuchungstisch abgestellt. „Es soll doch gedeihen. Das kann es da drin nicht.“

Sie nahm die leere Kiste vom Tisch und betrachtete ihr Werk. Vor ihnen lag ein unberührtes Fleckchen Gras. Echtes, auf der Erde gewachsenes Gras.

Der Professor drehte das Thermostat des Labors hoch.

„Sind Sie wahnsinnig? Wir müssen zuerst die richtigen Umgebungsbedingungen schaffen“, rief er.

Lou warf ihm einen Blick zu, der ihr Unverständnis deutlich zeigte. Wenn sie dieses Exemplar zerstörte, dann war ihre Karriere beendet. Und seine gleich mit. Aber das wusste sie nicht. Wie auch.

Auf der Erde herrschte derzeit eine Durchschnittstemperatur von 42 Grad Celsius. Wenn das Gras gedeihen sollte, mussten sie diese Bedingungen reproduzieren.

Der General hatte erwähnt, dass die Operation „Rückbesiedlung“ durch die Erkenntnisse der letzten Erdmissionen um einen großen Schritt voran getrieben war. Doch bevor sie den letzten Schritt wagen konnten, mussten sie auch mit der örtlichen Vegetation umzugehen wissen. Das Gras, das nun auf dem Untersuchungstisch lag, war nun also der Stellvertreter für die gesamte Erdvegetation. Und wenn sie dieses beherrschen konnten, dann war auch der Rest kein Problem mehr.

Soweit die Theorie des Rates.

„Kommen Sie.“ Lou zog den Professor am Arm. „Bei der Hitze möchte ich hier nicht drin sein. Lassen Sie dem armen Ding doch etwas Zeit, sich an uns zu gewöhnen.“

„Es ist Gras, Lou“, sagte der Professor abweisend. „Es ist evolutionär genau auf seine Umgebungsbedingungen angepasst. Es ‚gewöhnt‘ sich nicht an uns.“

Lou murmelte etwas unverständliches, doch er ließ sich von ihr aus dem Labor ziehen.

*

Es störte den Professor nicht, dass Lou sich jede Stunde über die Hitze beschwerte, die sich auch schon in den Beobachtungsraum geschlichen hatte. Es störte ihn auch nicht, dass sie seit Ankunft des Grases vor zwei Tagen keine Schuhe mehr trug. Er konnte es ihr nicht verübeln, es war schließlich wirklich warm. Er selbst hatte sich von seinem Unterhemd verabschiedet.

Was ihn allerdings störte, waren die gelblichen Züge, die sich in das Fleckchen Gras schlichen.

Bei seiner Ankunft war das Gras sattgrün gewesen. Die Halme waren elastisch und zur Lichtquelle gerichtet. Doch seit heute morgen hingen sie auf dem Tisch.

„Wir sollten das Gras vielleicht mal gießen, Professor.“ Lou stand neben ihm, barfuß aber dennoch verschwitzt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dem Gras das so gefällt.“

„Seien Sie nicht albern, Lou. Das Gras kommt von der Erde. Da herrschen solche Bedingungen. Vielleicht muss es nur mal gedüngt werden.“

Lou protestierte, dass das ja keine richtigen Erdbedingungen wären, doch der Professor ignorierte diesen Einwand. Sie wusste schließlich nicht, was hier auf dem Spiel stand.

Die Zukunft der Menschheit lag in seiner Hand. Wenn er das Gras zum Gedeihen brachte, konnten die Menschen wieder zurück auf die Erde. Vielleicht nicht morgen oder nächsten Monat, doch er leistete den einzig wichtigen Beitrag zu diesem Unterfangen. Er allein.

Er sprühte die grünliche Düngerflüssigkeit über die Grashalme. Das Fleckchen sah gleich wieder viel gesünder aus. So einfach konnte die Lösung sein: Ein bisschen Dünger und alles war wieder gut.

*

Nichts war gut. Der Professor starrte durch das Glasfenster ins Labor als könnte er allein durch seinen Willen das Gras wieder zum Kämpfen erwecken. Er hatte die Augen zusammen gekniffen, damit ihm der Schweiß nicht hinein rann.

Die Halme hatten sich nach dem Düngen wieder erhoben, waren sogar ein Stück länger geworden, wenn er es richtig im Blick hatte. Gestern hatte Lou zum ersten Mal Wasser zugeführt und heute morgen sah das Gras nun so aus.

Blassgrün und platt.

Sie hatte bestimmt den Dünger von den Halmen gewaschen. Das Mädchen war wirklich manchmal zu nichts zu gebrauchen. Sie war immer so sorglos mit allen Experimenten, was genau der Grund war, dass sie selbst keinen Doktor-Titel hatte. Ach, mal hier ein bisschen Wasser, mal da ein bisschen Schatten. Nein, eben nicht. Die Bedingungen mussten korrekt sein, damit sie das Gras richtig pflegen konnten.

„Sie haben zu viel gegossen“, blaffte er, als sie den Raum betrat. Sicher hatte sie den Ausmaß ihres Fehlers noch gar nicht erkannt. „Wir müssen mehr düngen.“

Lou sagte nichts, als sie sich zu ihm gesellte. Stattdessen schürzte sie die Lippen und schaute angestrengt durch das Glasfenster ins Labor. Seit einigen Tagen betraten sie beide das Labor nur noch, wenn es absolut nötig war. Er hatte sie zum Gießen geschickt, weil sie seine Assistentin war, aber offensichtlich war diese Aufgabe zu hoch gewesen.

„Das sieht mir nicht nach zu viel Wasser aus“, sagte sie nach einer Weile. „Auch nicht nach zu wenig Dünger.“

„Papperlapapp“, sagte der Professor. „Sieht so etwa gesundes Gras aus? Haben Sie so einen Haufen Elend schon mal in den Geschichtsbüchern gesehen oder davon in den Romanen gelesen? ‚Die Menschen tanzten über die platte, gelbe Wiese.‘ Wohl kaum.“

„Ich habe nicht behauptet, dass das Gras gesund aussieht“, sagte Lou, immer noch so ruhig. Es machte ihn fuchsig. „Aber ich denke auch nicht, dass es hilft, wenn wir es mit unserem Dünger erschlagen. Der ist doch gar nicht für diese Bedingungen entwickelt worden.“

„Was soll das heißen?“

„Der Dünger ist nicht für die Erdbedingungen entwickelt worden. Die chemische Zusammensetzung wird durch die trockene Hitze womöglich beeinträchtigt.“

Missmutig musste der Professor sich eingestehen, dass sie nicht ganz unrecht hatte. Wie viel kostete so eine Erdmission noch mal? Wie viele Steuergelder hatte er soeben in den Äther gepustet, weil er…

Ja, was eigentlich?

Bewiesen hatte, dass die Menschen nichts mehr über Erdvegetation wussten? Bewiesen hatte, dass das Stuedienfach der Erdbiologie verschwendete Zeit war, wie der Rat immer behauptet hatten? Bewiesen hatte, dass die Menschen noch nicht zurück auf die Erde konnten?

Er hatte versagt.

Das konnte man nicht schön reden. Das Gras war zerstört und damit auch die Hoffnungen auf eine Rückkehr auf die Erde.

Er drehte sich um und zog sich in seine Kammer zurück.

*

Lou kam nach ein paar Stunden und klopfte an seine Tür. Er reagierte nicht.

Sie kam noch ein paar Mal wieder, klopfte jedes Mal und rief seinen Namen. Er antwortete ihr nicht. Er hatte gerade nicht die Kraft, mit ihr zu reden.

Was sollte er ihr auch sagen? Er hatte versagt.

Es war schon ohnehin jedes Jahr ein Kampf, dem Rat die Gelder für seine und Lous Arbeitsstellen aus dem Rücken zu leiern. Sie waren nämlich nicht der Meinung, dass Erdbiologie im heutigen Zeitalter überhaupt noch etwas nützte. Wozu auch, wenn die Menschen nun in einer Raumschiff-Kolonie den restlichen Weltraum besiedelten? Und nun hatte er auch noch bewiesen, dass sie alle recht hatten.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kündigungen zugestellt wurden. Ob er nun da draußen oder hier drinnen im Bett darauf wartete, war doch schlussendlich auch egal.

Hier war es wenigstens nicht ganz so heiß.

Das Pingen ließ ihn aufschrecken. Eine neue Nachricht war eingegangen. Seine Kündigung. Ihre Kündigungen.

Lou würde schnell eine neue Stelle finden; bei einem anderen Professor, der etwas gemeinschaftlich Wertvolles erforschte. Er war ihr schuldig, es ihr gleich zu sagen.

Die eingegangene Email war allerdings nicht vom Rat. Und auch der Betreff wies nicht auf eine Kündigung hin.

„Erfolg auf ganzer Linie!“

Geehrter Professor Bienstein,
Ich wusste, dass ich eine Ihrer Arbeit würdige Aufgabe zukommen lassen habe. Sie haben mich nicht enttäuscht.
Seien Sie gewiss, dass Sie damit in die Geschichtsbücher eingehen werden. Dank Ihnen und Ihrer Assistentin Louisa Melvin sind wir alle einen großen Schritt weiter, um zurück in unsere Heimat zu kehren.
Der Rat erwartet morgen vormittag um 9:00 einen Bericht von Ihnen.
Hochachtungsvoll.
General Fortit

Der Professor schob sich aus seinem Bett. Seine Gelenke knackten, weil er sie in den letzten Tagen nicht benutzt hatte. Er hatte im Bett gelegen und sich selbst bemitleidet während da draußen irgendetwas anderes passiert war.

Er fand Lou im Vorraum des Labors. Sie aß Nudeln und als sie zu ihm aufsah, bemerkte er die dunklen Ringe um ihre Augen. Wann hatte sie das letzte Mal geschlafen?

Sie sagte nichts. Gut, das hatte er sicher auch verdient, so wie er sie die letzten Tage ignoriert hatte.

„In welcher Zeit leben wir?“ fragte der Professor.

„In der Mittagszeit“, sagte Lou und wies auf einen weiteren dampfenden Teller. Sie hatte gewusst, dass er kommen würde.

Er ignorierte die Nudeln und ging die letzten Meter zum Gras.

Es war grün.

Der Raum war dunkler als er ursprünglich eingestellt hatte und wesentlich kühler. Die Bedingungen entsprachen überhaupt nicht denen auf der Erde.

Doch das Gras war grün.

„Essen Sie etwas“, sagte Lou. „Sie müssen morgen vor dem Rat sprechen. Ich fürchte, aus der Nummer konnte ich Sie nicht rausboxen.“

„Aber–“, begann der Professor, doch er wusste nicht was er weiter sagen sollte. Verständnislos wies er auf das Gras. Lou lachte.

„Ein bisschen Wasser, weniger grelles Licht und eine Temperatur, bei der auch wir Menschen atmen können… und plötzlich wuchs das Gras wieder.“

Sie schob ihm den Teller hin.

„Sie sehen schrecklich aus“, sagte sie schließlich. Und dann, als könnte sie seine Gedanken lesen: „Wieso sollten die Menschen denn auf eine Erde zurück kehren, von der sie vor hundert Jahren geflüchtet waren? Da muss sich doch etwas geändert haben, habe ich mir gedacht.“

„Die Bedingungen auf der Erde haben sich aber nicht geändert. Es werden ständig Messungen durchgeführt.“

„Aber nur an der Oberfläche.“ Lou grinste, als ob das alles erklärte. „Das Gras kam aber nicht von der Erdoberfläche.“

Der General hatte ihm gesagt, das Gras käme von der Erde. Der Professor hatte einfach angenommen, dass es von der Oberfläche kam. Woher denn auch sonst?

„Es gibt da wohl ein Höhlensystem. Mehrere Krater gehen tief in die Erde hinein und dort herrschen ganz andere Bedingungen. Die Vegetation ist noch genau dieselbe wie vor 500 Jahren.“

„Aber warum hat der General uns das nicht gesagt?“

Lou zuckte mit den Schultern.

„Er hat erwartet, dass wir das selbst heraus finden. Schließlich sind wir Erdbiologen.“

Genau genommen war sie keine Erdbiologin. Aber wer wollte es jetzt schon genau nehmen? Er definitiv nicht.

„Und wie haben Sie das heraus gefunden?“

„Ich habe gefragt.“ Der Professor starrte sie an, doch Lou rollte nur mit den Augen. „Auch der General hat einen Assistenten. Der hat mir auch verraten, dass sie heute hier auftauchen und Fortschritte betrachten wollen.“

Lou reichte ihm ein Tablet.

„Ich habe schon mal ein paar Notizen gemacht für Ihren Bericht. Machen Sie was draus, ich leg mich erstmal hin.“

Der Professor starrte auf den Bildschirm.

Sie hatte das Gras gerettet. Und damit auch gleich seinen Job, ihren Job und wahrscheinlich sogar die ganze Menschheit.

Genau genommen war sie keine Erdbiologin. Das war er.

Deshalb stand sein Name auch als erster von beiden unter dem Berichtstitel.


Erdbiologe hin oder her — habt ihr einen grünen Daumen oder wäre das Gras in eurer Obhut eher vertrocknet? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

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