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Weißel – Eine Kurzgeschichte

Wenn es regnet, fliegen Bienen nicht. Beatrice wünscht sich, sie wäre auch eine Biene, denn dann müsste sie heute nicht raus. Aber manche Dinge nehmen ihren Lauf, den ewigen Kreislauf des Lebens.

Lesedauer: ca. 13 Minuten


Beatrice fehlte eine Socke.

Sie war sich nicht sicher, ob es die linke oder die rechte Socke war. Gab es überhaupt einen bestimmten Fuß, auf den so eine Socke musste? Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, dass sie immer mit dem linken Fuß anfangen musste. Das hieße ja aber, dass, wann immer eine Socke fehlte, der rechte Fuß unbesockt bleiben musste.

Das war doch unfair.

Ihr rechter Fuß konnte doch nichts dafür, dass er einfach immer als zweites dran war.
Beatrice blickte auf ihre Füße — einer mit Socke und der andere nackt — und dann nach draußen.

Der Himmel war dunkelgrau.

Ob sie wieder zurück ins Bett kriechen durfte, wenn sie ihre Socke nicht fand? Ihr geblümtes Bettzeug sah einladend aus, auch wenn sie heute morgen sehr lange damit verbracht hatte, das Bett ordentlich zu machen. Sie hatte auch sehr lange damit verbracht, jeden Knopf ihres Kleides noch einmal auf und zu zu knöpfen. Wenn sie nur lange genug braucht, musste sie vielleicht nicht mit in die Kirche, weil sie nicht fertig war, wenn es los ging.

Und jetzt, da ihr eine Socke fehlte, konnte sie sowieso nicht in die Kirche gehen. Dort musste man ordentlich aussehen. Auch das hatte ihre Mutter ihr beigebracht.

„Bee, Liebchen, was machst du da?“ Beatrices Oma stand in der Tür, die Hände in den Hüften. Sie war natürlich schon angezogen und — Beatrice blickte prüfend auf die Füße — hatte an beiden Beinen lange Seidenstrümpfe. Beatrice reckte ihr die Füße entgegen und Oma seufzte.

Kurz nachdem die Polizisten vor der Tür gestanden hatten, war Beatrices Mutter im Schlafzimmer verschwunden und seitdem nicht wieder heraus gekommen. Oma kam noch an dem Abend — sie kochte Beatrice Essen, zwang sie sich anzuziehen und schickte sie zum Spielen nach draußen in den Garten.

Beatrice musste jetzt nicht mehr in die Schule, deshalb hatte sie viel Zeit, um draußen im Garten zu spielen. Doch so ganz ohne Freunde machte das Spielen keinen Spaß.

Beatrices Mutter musste auch nicht auf Arbeit. Das hieß aber anscheinend nicht, dass Oma sie auch nach draußen in den Garten schickte.

Beatrice schaute an Oma vorbei auf die Zimmertür auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges. Sie war verschlossen und egal, wie oft Beatrice davor gestanden und geklopft hatte, sie hatte sich nicht geöffnet. Aber heute würde Mutter herauskommen, hatte Oma gesagt.

Heute war ein wichtiger Tag.

Aus dem Nichts zauberte Oma plötzlich ein neues Paar Socken hervor und Beatrices rechter Fuß war im Nu ebenfalls besockt. So viel zu der Hoffnung, zurück ins Bett zu dürfen.

Oma reichte ihr eine Bürste.

„Kämm dir bitte die Haare, Liebchen“, sagte sie und verschwand wieder aus dem Zimmer.
Beatrice starrte auf die Bürste und dann auf die dicken Regenwolken vor ihrem Fenster. Unwillkürlich fiel ihr Blick auf die gelben Bienenkästen bei den Bäumen im Garten.

Die Bienen mussten heute nicht nach draußen. Das hatte ihr Vater ihr beigebracht: Bienen flogen nie bei Regen, denn das machte ihre Flügel schwer. Und wenn Gewitter im Anmarsch war, dann sollte man sich auch von den Bienen fern halten. Da waren sie nämlich besonders stechfreudig, das hatte Beatrice auf die harte Art lernen müssen.

Wenn sie Flügel hätte, dann wären sie auch schwer heute, dachte Beatrice. Und wenn sie einen Stachel hätte… ja dann. Aber sie hatte nichts davon.

Nur eine kleine Stoffbiene in ihrem Bett.

Sie war in den letzten Tagen oft dort bei den Kästen gewesen. Das Summen hatte sie beruhigt, hatte ihr Geschichten erzählt von all den Blumen, die von den Bienen besucht wurden. Oma mochte es nicht, wenn Beatrice sich zu nah bei den Kästen ins Gras legte. Doch nur so konnte Beatrice die Bienen summen hören, hatte sie gesagt.

Sie hatte nicht gesagt, dass sie manchmal — wenn sie die Augen zu machte und der Wind durch das Gras rauschte — so tun konnte, als ob ihr Vater neben ihr stand und in den Waben hantierte. Als ob nichts anders war als sonst. Obwohl es in letzter Zeit natürlich anders herum gewesen war.
Ihr Vater hatte hustend im Gras gesessen und ihr gesagt, was sie tun musste. Irgendwie hatte sie die ruhigere Hand gehabt, das Rauchkännchen im richtigen Winkel gehalten. Bei ihr waren die Bienen ruhiger gewesen, als bei ihrem Vater. Er wollte ihr die Bienen ohnehin irgendwann einmal vererben, hatte er dann gesagt und auf Beatrices entsetztes Gesicht hatte er nur gelacht. „Noch nicht so bald“, hatte er gesagt und dann wieder gehustet. Überhaupt hatte er viel gehustet.

Doch so wie sie dort lag, bei den Bienen, konnte sie immerhin so tun, als ob. Aber irgendwann rief Oma immer zum Essen und dann war die Fantasie vorbei.

Beatrice zuckte zusammen, als sich die Schlafzimmertür gegenüber plötzlich öffnete. Ihre Mutter stand im Türrahmen und ihre Augen wurden groß, als sie Beatrice sah. Genau wie Beatrice trug sie ein schwarzes Kleid.

Aber keine Socken. Oder Seidenstrümpfe.

Vielleicht hatte sie auch versucht, wieder zurück ins Bett zu kriechen.

„Hallo Schatz“, sagte ihre Mutter leise und setzte sich neben Beatrice auf’s Bett. „Hier, ich mache das.“

Beatrice konnte nur nicken als Mutter ihr die Bürste aus der Hand nahm und ihre Haare kämmte. Sie gab sich sicher die größte Mühe, vorsichtig zu sein, doch es ziepte trotzdem. Beatrice schluckte die Tränen herunter.

Wie oft hatte sie in den letzten Tagen an die Tür geklopft, geweint und gebettelt. Was hätte sie nicht alles dafür gegeben, dass ihre Mutter sich zu ihr gesetzt und ihre Haare gekämmt hätte.

Aber ausgerechnet heute wollte Beatrice nichts davon.

Heute, an diesem so wichtigen Tag, wie Oma sagte.

Mutter nahm Beatrice an die Hand, als sie nach unten gingen. Es fühlte sich leicht an, als würde sie gleich wieder verschwinden. Beatrice traute sich nicht, fester zuzudrücken.

***

Sie fuhren in Omas Auto zur Kirche. Omas Auto war laut und unbequem, und es roch viel zu sehr nach… na ja, nach Auto eben. Doch Beatrice und ihre Mutter hatten kein Auto mehr. Es war mit Beatrices Vater eines Morgens verschwunden und dann nicht wieder heim gekommen.

Beatrice fuhr eigentlich immer gerne zur Kirche. Nicht heute, aber sonst schon. Sie mochte die großen schweren Türen und den dunklen Vorraum. Die alten Bänke mochte sie nicht, die alten Fenster aber schon.

Ihr Vater hatte ihr immer die Fenster gezeigt, wenn Beatrice langweilig wurde. Sie hatten ein Spiel daraus gemacht, wann immer der Gottesdienst besonders langweilig war. Er gab ihr ein Fenster vor und Beatrice versuchte, so viel Neues wie möglich zu entdecken, das sie ihm dann hinterher zeigen konnte.

Das war immer so viel spannender als die Stimme des Pastors.

Beatrices Mutter hatte das nicht gut gefunden, aber sie hatte die Lippen meist nur zu einer Linie zusammen gepresst und es zugelassen. Beatrice fragte sich jetzt, als sie vor der Kirche standen, ob sie es heute auch zulassen würde.

Aber was war heute der Sinn daran, etwas Neues in den Fenstern zu erkennen? Sie hatte ja doch niemanden, mit dem sie es teilen konnte.

Vielleicht sollte sie heute doch einmal dem Pastor zuhören.

Ihre Hände waren noch immer lose in die ihrer Mutter verschränkt und sie gingen beide ganz nach vorn zu dem gerahmten Foto ihres Vaters. Ihr gerade erst gefasster guter Vorsatz verlosch sofort, als sie das lachende Gesicht sah und sie wandte den Blick zu ihrem Lieblingsfenster.

Vielleicht fand sie heute doch noch etwas, das ihr bisher entgangen war. Vielleicht gab es in den Fenstern eine Antwort auf Beatrices Frage.

Den Bienenkorb in der unteren Ecke hatte sie als Erste entdeckt. Normalerweise konnte sie ihrem Vater kaum etwas Neues zeigen — er hatte ihr mal verraten, dass er als kleiner Junge das Spiel immer mit sich selbst gespielt hatte — aber der Bienenkorb war Beatrices Entdeckung. Ihr Blick blieb jetzt an dem gelben Stück Glas hängen und sie musste an die ähnlich gelben Kästen in ihrem Garten denken.

Ob die Bienen wussten, dass ihr Vater nicht zurück kehren würde? Ob sie traurig waren? Würden sie ihn vermissen? Ihn, und seinen Rauch, seine beruhigende Stimme und das Zuckerwasser im Herbst?

Mutters Griff wurde stärker und die Stimme des Pastors setzte an. Beatrices Gedanken verschwammen.

***

Die dunklen Wolken hatten sich im Laufe des Gottesdienstes noch mehr zugezogen. Beatrice konnte den Regen schon spüren, als sie durch das Gras streifte.

Der erste Tropfen traf sie auf die Nase, als sie vor dem Loch standen. Das war es nun, wo ihr Vater von jetzt an wohnen würde? In einem dunklen Loch in der Erde? Es sah für Beatrice wenig einladend aus.

Der Pastor setzte wieder an, doch Beatrice wurde von einem leisen Brummen abgelenkt. Eine Biene flog schwerfällig zwischen den Tropfen hindurch und landete auf dem Rock ihrer Mutter.

Die Ärmste, dachte Beatrice. Ob sie es noch rechtzeitig zurück zu ihrem Volk schaffen würde?

Langsam streckte sie die Hand nach der Biene aus und ließ sie darauf krabbeln.

Die Biene wog schwer, so viel schwerer als Beatrice es in Erinnerung hatte. Sie rettete sich in Beatrices Ärmel.

Wärme mich.

Beatrice zuckte zusammen. Das war definitiv nicht die Stimme des Pastors. Doch niemand anders schien etwas gehört zu haben. Das Kribbeln der kleinen Bienenbeine auf ihrem Arm beruhigte sie ein wenig.

„Wir gehen dann nach vorn“, sagte Oma, „und du nimmst ein Schäufelchen Erde und wirfst es in das Loch.“

„Ich will nicht nach vorn“, entfuhr es Beatrice. Der Gedanke, dass ihr Vater von nun an für immer dort unten bleiben musste war schon schlimm genug. Da musste sie doch nicht noch etwas drauf werfen.

Alles ein Kreislauf.

Beatrice schaute zu Oma auf, doch deren Blick haftete am Pfarrer. Die Stimme klang auch nicht wie die von Oma. Sie war viel heller, dünner.

Altes muss erneuert werden.

Die Biene in Beatrices Ärmel war langsam an ihrem Arm nach oben gekrabbelt und machte es sich nun unter ihrem Schlüsselbein bequem. Dann begann sie, mit den Flügeln zu schlagen.

Du bist dran.

Beatrice wollte nicht nach vorn, doch die Stimme klang so aufmunternd und ihre Mutter sah so traurig aus, dass sie die Schultern straffte und nach vorn trat.

Tief unten im Loch war gar nicht ihr Vater. Da war nur eine schwarze Kiste. Und darauf ein Schäufelchen Erde.

„Asche zu Asche. Staub zu Staub.“ Der Pastor reichte Beatrice die Schaufel und sie tat es ihrer Mutter nach.

Die Flügelschläge der Biene kitzelten auf der Haut. Sie strömten eine Wärme aus, die sich den Regentropfen zum Trotz langsam in Beatrice ausbreitete.

Immer mehr Regentropfen fielen auf Beatrice nieder und sie war froh, dass die Biene es noch rechtzeitig in ihr Kleid geschafft hatte. Konnte eine Biene von einem Regentropfen erschlagen werden?

Sie stand zwischen ihrer Mutter und Oma, als die anderen kamen um ihnen die Hände zu schütteln. Sie reichten auf Beatrice die Hand, doch sie schaute auf die Regentropfen im Gras. Jeder einzelne Tropfen traf sie schwer auf den Kopf. Warum konnten sie nicht rein gehen, wenn es nur darum ging, zu flüstern und Hände zu schütteln?

„Oma, was passiert mit den Bienen?“, fragte Beatrice in einem Moment, als niemand vor ihnen stand.

„Mit den Bienen?“ Oma schien die Frage zu überraschen. Sie schaute in Richtung des Grabes, wo noch einige Leute standen und Schäufelchen Erde in das Loch warfen. „Ich weiß nicht, Kindchen. Wir werden sie wohl verschenken.“

Die Flügelschläge an Beatrices Brust wurden schneller.

„Nein“, sagte Beatrice sofort. „Ich will sie behalten.“

Ich muss sie behalten. Oma erwiderte nichts.

„Hast du gehört?“, fragte sie. „Ich will die Bienen behalten.“

„Ich habe gehört“, sagte Oma leise, zwischen geflüsterten Dankes und Schön-dass-ihr-gekommen-seid. „Ich denke nicht, dass wir sie behalten. Nicht nach dem, was passiert ist.“

„Oma, die Bienen gehören zu uns“, widersprach Beatrice. Sie gehörten zu ihrem Vater.

„Diese Bienen–“, Oma brach den Satz ab und schüttelte dann den Kopf. „Diese Bienen haben uns kein Glück gebracht.“

Ja, Mutter war nie sonderlich glücklich darüber gewesen. Jedes Mal, wenn Beatrice weinend mit einem Bienenstich ins Haus gerannt war, hatte sie auf die Bienen geschimpft auch wenn Beatrice genau wusste, dass sie selber hätte vorsichtiger sein müssen. Und als die Polizisten die Bienen in Vaters Auto erwähnten, hatte Mutter noch lauter geschimpft als sonst.

„Wir reden später darüber“, sagte Oma dann.

Nein.

Die Stimme in Beatrices Kopf war energisch. Leise, aber bestimmt. Beatrice konnte ihr nur zustimmen.

Sie würden nicht später darüber reden. Sie konnten die Bienen nicht weg geben, wo doch alles andere von ihrem Vater in der Erde vergraben war.

Zumindest sagten die Leute das, doch Beatrice wusste, dass es nicht ganz stimmte. Ihr Vater war vielleicht in der Erde und seine Seele vielleicht im Himmel — sie hatte immerhin mit halbem Ohr dem Gottesdienst gelauscht — aber ein Teil, ein nicht unerheblicher Teil von ihrem Vater, war in den gelben Kästen im hinteren Teil ihres Gartens.

Er war in der Biene, die immer noch unterhalb Beatrices Schlüsselbeins saß.

Beatrice schaute an den Himmel, wo die Regenwolken hingen. Manchmal, so wie jetzt, konnte man den Wolken beim Ziehen zusehen. Und manchmal, da sah man, wie sie aufbrachen und sich ein kleiner Sonnenstrahl hindurch wagte.

So, wie jetzt.

Das Licht traf vor Beatrices Füße und die Stimme in ihrem Kopf summte glücklich. Sie hatte sich eingefügt, als wäre sie schon immer da gewesen. Jetzt wusste Beatrice auch, woher sie kam.
Und genau deshalb wusste Beatrice, dass sie die Bienen behalten würde. Dass sie, und niemand sonst, sich um die Bienen ihres Vaters kümmern musste.

Alles ist ein Kreislauf.

Aus Alt mach Neu.

Das hatten die Bienen selbst so gewollt.


Die erste Geschichte nach der Pause! Hat sie euch gefallen? Sagt es mir in den Kommentaren 🙂

Immer – Eine Kurzgeschichte

immer

Toms Auto liegt im verschneiten Straßengraben und er ist auf dem Weg in das nächste Dorf von einem freundlichen Fremden gefunden worden. Dieser lädt ihn ein, zumindest die Nacht bei ihm zu verbringen. Das Auto würden sie am nächsten Morgen retten.

Tom hat den Unfall geplant. Er ist auf einer Mission. Doch die gestaltet sich schnell wunderlicher und unmöglicher, als er erwartet hat.

Lesedauer: ca. 17 Minuten


Tom erwachte, weil das Brummen des Motors verstummt war.

„Wir sind da“, sagte Rupert und zeigte grinsend auf das große, erleuchtete Haupthaus vor ihnen. Rupert war der Mann, der Tom vorhin auf der verschneiten Landstraße aufgesammelt hatte. Es war zu spät, um einen Abschleppwagen für Toms Auto zu holen. Es würde die Nacht in dem Straßengraben verbringen müssen, in den Tom es vorhin gelotst hatte.

Rupert hatte angeboten, dass Tom eine Nacht in seinem Gästehaus verbringen konnte. Den Abschleppwagen würden sie morgen holen. Tom, durchgefroren nach einer halben Stunde Fußmarsch, hatte dankbar eingewilligt.

Er war zu schnell gefahren. Callie hatte ihn immer davor gewarnt und sie hatte recht gehabt. Aber Callie war nicht hier um ihn darauf hinzuweisen.

Im Haus duftete es wunderbar nach Essen. Eine kleine blonde Frau stand am Herd und lächelte breit, als sie Tom erblickte.

„Sie müssen ja völlig durchgefroren sein. Im Bad liegen ein paar Handtücher. Duschen Sie erstmal. Ich bin übrigens Iris, Ruperts Frau. Er hat Ihnen sicher das Ohr abgekaut auf der Fahrt hierher.“

Während sie redete, schlich sich Rupert an ihr vorbei zum Topf. Sie drehte sich blitzschnell um und schlug ihm auf die Finger.

„Es wird gegessen, wenn alle soweit sind“, schimpfte sie, doch ihre Stimme hatte einen sanften Unterton. Neben ihrer kleinen Statur sah Rupert noch riesiger aus. Er hatte einen weißen Bart und einen dicken Bauch. Seine rote Latzhose war auf dem letzten Zentimeter Band geschnürt.

Er war genau der Mann, den Tom gesucht hatte.

Tom entschied sich für die Dusche. Er war länger auf der Landstraße unterwegs gewesen als er erwartet hatte. Irgendwie war er davon ausgegangen, dass jemand wie Rupert ihn schon eher finden würde. Erst jetzt im warmen Haus kehrte das Gefühl in seinen Händen zurück und verriet etwas von der Kälte, die sich in ihm breit gemacht hatte.

Vielleicht musste das aber auch so sein. Vielleicht war es wichtig, dass Tom fast erfroren war, wenn Rupert ihn fand. Vielleicht machte es das einfacher.

Aber Tom wollte ihm nichts einfach machen.

Er hatte das alles viel zu lange geplant.

Das Essen roch noch fantastischer, als er aus dem Bad kam. Rupert saß bereits am Tisch und las eine Zeitung. Auf der ersten Seite stand eine Vermisstenanzeige.

Genau wie letztes Jahr.

„Setzen Sie sich“, brummte Rupert. „Iris meint es ernst, wenn sie sagt, dass wir erst essen, wenn alle am Tisch sitzen. Und ich habe Hunger.“

Tom brachte ein Lächeln hervor und setzte sich. Iris hatte Nudeln mit Tomatensoße gekocht. Es roch genauso, als ob Callie gekocht hätte. Ein bisschen Chili lag in der Luft.

Aber Tom kannte die Regeln. Er schob die Nudeln von einer Seite auf die andere.

„Schmeckt es Ihnen nicht?“ fragte Iris besorgt. Sie hatte ihm den Teller besonders voll geschaufelt. Sie wollte ihn verführen mit dem Geruch seines Lieblingsgerichts.

„Doch, doch“, wiegelte Tom ab und blitzte sein vertrauensseligstes Lächeln hervor. „Es schmeckt ausgezeichnet. Aber mir ist der Hunger ein wenig abhanden gekommen. Der Schreck… Es ging ja alles so schnell.“

Iris runzelte die Stirn, doch sie schien sich mit der Ausrede zufrieden zu geben. Das war leichter als gedacht.

Tom wartete geduldig bis Rupert mit seiner zweiten und dritten Portion fertig war und folgte ihm dann nach draußen. Durch das dichte Gestrüpp der Bäume konnte man ein paar Lichter erkennen. Dafür, dass sie hier mitten in der Einöde waren, gab es hier zu viele Lichter. Irrlichter womöglich.

Aber Tom würde sich nicht in die Irre leiten lassen.

Rupert führte ihn zu der kleinen Gästehütte direkt neben dem Haupthaus.

„Iris hat schon alles vorbereitet. Eigentlich haben wir nur im Sommer Gäste, deswegen ist es vielleicht noch etwas kalt. Aber hier im Schrank sind Decken, falls Sie frieren sollten. Morgen früh rufen wir gleich Greg an. Das ist unser Mann für’s Grobe.“ Er lachte und streichelte sich über den Bauch, als ob er den Witz des Jahrhunderts gerissen hätte. Tom lächelte müde und gähnte dann offensiv.

Es wirkte. Rupert ließ ihn mit einem „Gute Nacht, dann!“ allein.

Tom wusste, dass ihm nicht allzu viel Zeit blieb. Er musste vor Sonnenaufgang von hier verschwunden sein. Das sagten zumindest die Legenden und Tom hatte nicht vor, sie auf die Probe zu stellen.

Trotzdem konnte ein kurzes Nickerchen sicher nicht schaden. Das Haupthaus war immer noch hell erleuchtet, und von hier aus sah er Iris durch das Küchenfenster abwaschen. Er konnte ohnehin nicht einfach auf dem Gelände herumstreunen, während Iris und Rupert — falls das denn wirklich ihre Namen waren — noch wach waren. Sie würden ihn sonst noch ertappen und dann war sein Plan dahin.

Tom stellte sich einen Wecker auf seinem Handy und kroch dann unter die Bettdecke. Iris hatte auch hier alles richtig gemacht. Es war, als ob sie genau wusste, was er liebte. Die dicke Daunendecke, das feste Kissen, die weiche Matratze. Alles war perfekt.

Er könnte auch für immer hier bleiben.

Nein. Dafür war er nicht gekommen.

Vielleicht war es doch besser, wenn er wach bliebe. Doch das war der letzte Gedanke, bevor ihm die Augen zufielen.

***

Draußen kreischte jemand.

Tom sprang aus dem Bett und vor die Tür. Die Mülltonne neben seiner Hütte rollte scheppernd auf dem Schnee. Am Waldrand raschelte es. Wahrscheinlich nur ein Tier. Oder der Wind.

Das Haupthaus lag im Dunkeln, die schneebedeckte Lichtung wurde nur vom vollen Mond erleuchtet. Ob er den Wecker verschlafen hatte? Er musste seine Schuhe holen.

Doch als er wieder hinein ging, erstarrte er.

Auf dem Gästebett, in dem er noch vor Minuten gelegen hatte, saß eine Frau. Sie trug ein weißes Nachthemd und einen roten Morgenmantel. Ihr Füße waren nackt und ihre Haaren hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fiel.

Sie sah genauso aus wie immer.

„Callie“, entfuhr es Tom.

Mit zwei Schritten war er bei ihr und zog sie an den Armen zu sich hoch. Ihre Haare rochen nach dem Fliedershampoo, das sie so sehr liebte. Sie schien schwach auf den Beinen zu sein und erwiderte seine Umarmung nur zögerlich.

„Du hättest nicht kommen sollen“, flüsterte sie.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Wir können gehen.“ Tom strich ihr über die Haare, die Wangen, die Arme. Sie hatte sich in dem Jahr nicht verändert. „Ich habe immer gewusst, dass du noch lebst.“

Sie lächelte, aber in ihren Augen sammelten sich Tränen.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie wieder. „Es hätte etwas Schlimmes passieren können.“ Langsam trat sie einen Schritt zurück. Sie sah bleich aus im Mondlicht. Das Rot ihres Morgenmantels machte das noch deutlicher. Ob sie krank war? Sie war ohne Schuhe gekommen, sicher fror sie schon.

„Wo hast du deine Schuhe?“ fragte Tom. „Wenn wir gleich losgehen, dann schaffen wir es noch vor Sonnenaufgang zum Dorf. Alles wird gut, Callie. Wir können–“

Tom stockte. Callie hatte sich wieder auf das Bett gesetzt und spielte mit den Staubkörnern im Mondlicht. Das Licht schien durch ihre Hand hindurch zu schimmern.

„Bist du fertig?“ fragte sie. Sie klang gelangweilt. Oder traurig? Tom konnte das nicht auseinander halten. In den Monaten bevor sie verschwunden war, war sie immer das eine oder das andere gewesen.

„Nein“, sagte Tom langsam. „Wo sind deine Schuhe?“

Sie hatte sie sicher vergessen. So eine Kleinigkeit wie Schuhe oder ein Mantel im Winter waren ihr auch schon vor einem Jahr manchmal entgangen.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie, anstatt auf seine Frage zu antworten. Tom atmete tief durch. Auch das hatte sie vorher oft gemacht: Sätze wiederholt, bis das Gespräch für keinen von beiden mehr einen Sinn ergab. Die Ärzte hatten viele Namen dafür gefunden. Und viele Pillen. Doch das hatte nichts geholfen.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie keine Schuhe hatte, aber er würde sie tragen. Er hatte nicht all die Strapazen auf sich genommen, um ohne sie zu gehen. Wie lange sie wohl durch den Schnee hatte laufen müssen? Ihre Füße waren zumindest noch nicht blau vor Kälte.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie langsam.

Tom blickte von ihren Füßen zu ihr auf. In ihrem Blick lag eine Klarheit wie er sie lange nicht gesehen hatte.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie noch einmal, „weil ich nicht kann.“

„Natürlich kannst du–“

Callie schüttelte den Kopf.

„Du irrst dich. Und das weißt du auch. Du hast es schon gesehen, nicht wahr? Du willst es nur noch nicht wahr haben.“

Sie hob ihre Hand gegen das Licht und fuhr durch die Staubkörner in der Luft. Es war keine Täuschung gewesen.

Das Mondlicht schimmerte durch ihre Haut hindurch.

Tom drehte sich weg. Er zog seine Schuhe an und seinen Mantel über. Wenn er sie tragen musste, dann mussten sie gleich los. Es würde länger dauern, Mondlicht hin oder her.

„Ich bin von einer Klippe gestürzt“, sagte sie, als er seine Hände um ihre Arme schließen wollte. Er griff durch sie hindurch. „Ich bin zu schnell gefahren. So schnell, wie du immer fährst. Rücksichtslos. Und natürlich passiert bei dir nie etwas und bei mir… Es war dunkel und es hat geschneit. Kein Handyempfang. Also bin ich losgelaufen.“

Tom griff erneut nach ihr. Ihre Haut war kühl unter seinen Fingern, doch als er zog, spürte er nur Luft. Sie schien es gar nicht zu bemerken.

„Es war unglaublich kalt, weißt du. Ich wollte einfach nur zum Dorf. Da waren Lichter, so viele Lichter. Und plötzlich war der Boden unter mir weg… Hörst du mir überhaupt zu?“

Tom schaute in ihr Gesicht. Dann schaute er auf seine Hände, wieder an ihren Armen. Er zog, doch ihr Körper gab nicht nach. Stattdessen rutschte er durch sie hindurch. Als er sie ansah, lächelte sie.

„Das kann ich steuern, weißt du.“ Sie hob ihre Hand und drückte gegen seine Brust. Er spürte keinen Widerstand. Stattdessen verschwand sie bis zum Handgelenk in seinem Körper. Sie zog ihre Hand zurück. Ihre Augen glitzerten. „Ich mag es nicht, wenn du mich nicht fragst, was ich will.“

„Was willst du denn?“ fragte Tom. Er wollte ruhig bleiben, aber ihnen rannte die Zeit davon. Sie mussten vor Sonnenaufgang…

„Dass du mir zuhörst.“ Sie klopfte neben sich auf das Bett. „Richtig zuhörst. Dass du nicht abschaltest, wenn ich nicht das sage, was du hören willst.“

„Okay“, sagte Tom und setzte sich. Er atmete tief durch.

„Ich bin tot.“

Tom schüttelte den Kopf, doch sie legte eine Hand an seine Wange. Dieses Mal spürte er ihre kalte Haut wieder.

„Ich bin tot“, wiederholte sie. „Schon seit dem Tag, an dem ich unser Haus verlassen habe. Die Wälder hier sind so verwinkelt. Man hat mich einfach nicht gefunden.“

„Ich habe dich gefunden“, sagte Tom leise. Sie lachte.

„Ja, und was für einen Preis du beinahe dafür gezahlt hättest. Du hättest da draußen sterben können. Rupert fährt nicht jeden Tag dort lang. Aber er hat es für mich getan.“

Sie strich ihm wieder über die Wange. Langsam wurde ihre Hand wärmer. Und weniger durchsichtig.

„Lass uns gehen“, sagte Tom erneut. Wenn er sie sehen konnte, dann konnte sie auch mitkommen.

„Nein“, sagte Callie. „Ich habe hier zu tun. Die Arbeit macht sich nicht von allein.“

„Welche Arbeit denn?“ Sie war seit Jahren schon berufsunfähig. Es war schwer, eine Arbeit zu bekommen, wenn sie an vielen Tagen kaum aus dem Bett gefunden hatte.

Wortlos stand Callie auf und ging aus dem Schlafzimmer. Tom rannte hinter ihr her. Er war überrascht von dem Tempo, das sie vorlegte. Sie schien über den Schnee und durch die Bäume zu fliegen. Vor einer großen Halle holte er sie schließlich keuchend ein.

Als sie drinnen das Licht anschaltete, erkannte Tom eine Werkstatt. In der Mitte stand ein riesiger Christbaum, an den Wänden hingen Tannenzweige mit roten und grünen Weihnachtskugeln. Kleine Schokokränze dekorierten die Lampen in der Halle.

Überall standen Werkbänke. Callie bahnte sich einen Weg hindurch bis zu einem kleineren Tisch an der hinteren Wand. Die Arbeitsplatte war überfüllt mit kleinen Schachteln. Einige standen offen. Darin befanden sich wunderschöne Schmuckstücke: eine Kette, ein Armband, einige Ringe, eine silberne Taschenuhr.

„Hier arbeite ich“, sagte Callie. Sie breitete lächelnd die Arme aus. Unter einem Stapel Schachteln zog sie eine Liste hervor. „Hier links stehen die Namen und rechts die Geschenke. Ich verpacke sie und lege ich sie unter den Baum.“

Tom drehte sich um. Unter dem Christbaum stapelten sich tatsächlich eine Vielzahl eingepackter Kisten.

„Du verpackst Geschenke? Für wen denn?“

Callie lachte. Sie drehte sich um ihre eigene Achse und hüpfte dann aufgeregt auf den Baum zu.

„Hast du es immer noch nicht begriffen? Rupert… die Deko… der große Baum?“

Tom starrte sie an. Sie war verrückt geworden, das war die einzig logische Erklärung. Rupert hatte sie gekidnappt und ihren angeschlagenen Geisteszustand ausgenutzt um ihr einzureden, dass sie… für den Weihnachtsmann arbeitete?

Callie nickte aufgeregt, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen waren leicht gerötet. Der Lichterschein gab ihr eine gesunde Hautfarbe. Sie sah so lebendig aus wie schon ewig nicht mehr.

Aber sie war verrückt.

Oder er war verrückt.

Denn sie war durchsichtig.

„Sei nicht albern“, sagte er langsam, doch sie lachte nur noch lauter.

„Hier, ich zeige es dir“, sagte sie wie zu einem Kind. Sie gab ihm die Liste. „Such dir einen Namen aus, neben dem noch nichts steht.“

Tom las überflog die Liste und wählte schließlich den ersten Namen ohne Geschenk.

„Amelie Gertentrunk“, sagte er.

Callie lächelte, streckte dann beide Hände aus und schloss die Augen. Sie wiederholte den Namen leise und plötzlich begannen ihre Hände wie von selbst an zu glühen. Sie wurden heller und heller und… dann sahen sie wieder normal aus.

Doch jetzt lag in Callies Handflächen eine silberne Kette mit einen tropfenförmigen Anhänger.

„Oh, das ist wirklich schön“, sagte Callie. Als hätte sie es nicht gerade selbst in ihre Hände fabriziert. „Schau auf den Zettel“, wies sie Tom an.

Neben Amelies Namen stand nun eine Beschreibung der Kette, die Callie in der Hand hielt.

„Da wird sie sich sehr drüber freuen“, sagte Callie wie zu sich selbst, und legte die Kette sorgfältig in eine der leeren Schachteln auf dem Tisch. Mit wenigen Handgriffen hatte sie die Schachtel in gold-grünes Papier eingewickelt und mit einer roten Schleife versehen. Dann legte sie das Geschenk unter den Baum.

Auf dem Zettel in Toms Hand war der Name verschwunden.

„Du bist also ein Weihnachtswichtel.“ Es sollte ein Scherz sein, doch Toms Stimme stockte.

„Ist das nicht toll?“ rief Callie und nahm ihm das Papier wieder aus der Hand. „Ich mache etwas sinnvolles.“

Er hatte vergessen, wie schön ihr Lachen war. Wann hatte sie das letzte Mal so gelacht, dass es ihre Augen erreichte? Wann war sie das letzte Mal vor Aufregung auf und ab gehüpft?

Diese Callie hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben.

Sie nahm seine Hand und führte ihn kichernd und glucksend durch den Schnee zu seinem Gästehaus. Der Weg zurück erschien ihm viel kürzer, aber mittlerweile war sich Tom nicht mehr sicher, ob sein Zeitgefühl nicht mit ihm durchging.

Seine tote Frau führte ihn barfuß und nur mit einem Morgenmantel bekleidet durch Minusgrade. Er konnte ihre Hand in seiner spüren, aber er spürte auch, wie sie ihm entglitt, wenn er zu sehr zupackte. Er würde sie sich nicht über die Schultern werfen und mitnehmen können.

Wollte er das überhaupt noch?

„Ich vermisse dich“, sagte er in die Dunkelheit, als sie nebeneinander auf dem Bett lagen.

„Ich dich auch“, sagte sie und das Lachen verschwand aus ihrer Stimme. „Ich vermisse vieles. Aber ich habe auch viel vermisst, als ich noch gelebt habe. Da wusste ich nur nicht, was es war.“

Ihre Stimme füllte den Raum zwischen ihnen, legte sich auf seine Brust und drohte ihn zu ersticken. Sie hatte viel vermisst. Vieles, was er ihr nicht geben konnte. Sie wollte nicht mit ihm zurück, selbst wenn sie gekonnt hätte.

„Es tut mir leid, dass ich dich nicht glücklich gemacht habe“, sagte er nach einer Weile.
Ihre Hand fuhr über seine Wange. Jetzt war sie warm, wie auch der Rest ihres Körpers, den sie langsam an ihn schmiegte.

„Ich bin hier glücklich“, sagte sie. „Ich war auch mit dir glücklich. Aber hier kann ich es fühlen. Hier gibt es nicht mehr dieses Loch, das all das Glück aufsaugt.“

„Bleib bei mir“, sagte Tom.

„Ich bin doch immer bei dir“, sagte Callie. Sie strich ihm über das Gesicht und küsste seine Wange. Dann küsste sie ihn auf den Mund.

„Immer?“ Toms Frage verschwand auf ihren Lippen.

***

Als Tom die Augen aufmachte, war es hell. Der Platz auf dem Bett neben ihm war kalt.

Er hatte geträumt. Seine tote Frau war letzte Nacht nicht zu ihm gekommen. Sie arbeitete nicht für den Weihnachtsmann.

Nein, Tom hatte sich einfach nur in ein paar Legenden über verschwundene Seelen verrannt und sein Leben für eine irrwitzige Idee auf’s Spiel gesetzt. Jetzt war er schon genauso verrückt wie Callie es gewesen war.

Es klopfte ans Fenster.

„Frühstück ist fertig.“ Ruperts vergnügtes Gesicht erschien hinter der Glasscheibe. „Greg ist auch schon hier.“ Er zeigte auf einen kleinen, schmächtigen Mann neben sich.

Greg, der Mann für’s Grobe, hatte eine Hakennase und schütteres, rotes Haar.

Der Witz des Jahrhunderts. Tom konnte sein Lachen nicht unterdrücken.

„Und er hat Ihr Auto schon dabei“, sagte Greg und grinste stolz durch’s Fenster. „Sonst hätte ich kein Rührei bekommen, sagt Iris. Und Sie wollen auf jeden Fall das Rührei probieren.“ Rupert wendete sich schon ab, als Greg noch hinterher setzte: „Ich würde mich an Ihrer Stelle beeilen, sonst gibt es keins mehr.“

Iris empfing Tom im Haupthaus mit dem Geruch von frischen Brötchen und Speck.

„Haben Sie gut geschlafen?“ fragte sie. Sie sah so unschuldig aus. Nett und liebevoll. Ehrlich. Schuldgefühle krochen in ihm hoch, als er darüber nachdachte, wie er sie verdächtigt hatte. Diese Frau würde niemanden kidnappen.

Sie würde höchstens jemanden mit ihrer Gutmütigkeit erdrücken.

Tom brachte nur ein Nicken hervor und schaufelte sich Ei in den Mund. Er hätte gestern abend schon etwas essen sollen. Sein Magen knurrte.

„Das mit dem Wagen war kein Problem“, sagte Greg, der ebenfalls eine riesige Portion Rührei auf dem Teller hatte. „Sieht zumindest nicht so aus, als ob es einen Schaden gegeben hätte. Wir probieren das gleich, aber ich denke, das war einfach nur unglücklich geparkt.“

Rupert brummte ein Lachen. In diesem Licht und mit diesem Lachen, da konnte man es fast sehen. Rupert als Weihnachtsmann?

Unsinn

Tom hatte nur geträumt.

Ein Windhauch strich ihm über den Nacken. Doch alle Fenster waren zu.

***

Der Wagen war tatsächlich unversehrt. Er benötigte zwar Starthilfe und die Batterie würde man tauschen müssen, aber Tom befand sich in kürzester Zeit wieder auf dem Weg nach Hause.

Was für ein verrückter Traum das gewesen war. Aber der Gedanke, dass seine depressive Frau nach dem Tod doch eine Lebensaufgabe gefunden hatte, hatte etwas Friedliches. Hier hatte sie all das, was sie zu Lebzeiten nicht hatte.

Der Traum fügte sich erstaunlich leicht in Toms Gedächtnis. Es war so normal, so echt. Als wäre es wirklich passiert. Callie hatte gelacht in diesem Traum. Sie war glücklich. So wollte er sie in Erinnerung behalten.

Er hielt an einer Tankstelle und öffnete das Handschuhfach um seine Brieftasche herauszuholen. Sie rutschte ihm aus den kalten Fingern direkt unter den Beifahrersitz. Tom erhaschte sie an einem Zipfel.

Nur war das, was er hervorzog, nicht seine Brieftasche.

Es war ein kleines, gold-grünes Päckchen mit einer roten Schleife.

Tom öffnete es zögerlich und schlug das Seidenpapier zurück. In der Schachtel lag eine Taschenuhr.

Eine Taschenuhr genau wie die, die er gestern nacht auf Callies Tisch gesehen hatte. Tannenzweige und Weihnachtskugeln waren in das Metall eingraviert. Sie fühlte sich schwer und warm in seiner Hand an. Im Deckel fand er eine weitere Gravur.

Es war kein Traum gewesen.

Callie war ein Weihnachtswichtel.

Sie war glücklich.

Im Deckel stand nur ein Wort, fein säuberlich in ihrer Handschrift:

Immer


In diesem Sinne: Frohes Fest!

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Zahlen, Daten, Fakten – Eine Kurzgeschichte

Zahlen, Daten, Fakten

Abree liebt Zahlen. Sie hat schließlich die Formel entwickelt, mit der jetzt landesweit darüber entschieden wird, welche Paare einen der begrenzten Nachwuchsplätze erhalten. Abree liebt auch ihren Job. So sehr, dass sie von ihrem Chef zwangfreigestellt werden musste, damit sie wenigstens einmal alle fünf Jahre in den Urlaub fährt. Natürlich passiert es ausgerechnet an ihrem letzten Arbeitstag, dass Abree zwei Akten mit demselben Eignungsfaktor vor sich liegen hat – und nur noch einen Platz frei.

Lesedauer ca. 10 Minuten


„Du hast also Urlaub?“

Abree musste gar nicht von den sorgfältig gestapelten Akten auf ihrem Tisch aufsehen um zu wissen, dass Tom an ihrem Türrahmen lehnte. Er hatte wahrscheinlich die Hände in den Hosentaschen und ein schiefes Grinsen auf den Lippen. Wie immer, wenn er nicht wusste, wie er mit ihr ein Gespräch anfangen sollte. Es war für andere nicht immer leicht, mit Abree klar zu kommen. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er es immer wieder versuchte.

„Ja“, sagte sie langsam. Sie hob den Blick von der Akte. Dass sie recht gehabt hatte, gab ihr eine innere Genugtuung.

„Sechs Wochen. Ich bin schon ein bisschen neidisch. Fährst du weg?“

„Ans Meer. Meine Schwester hat mir etwas gebucht. Sie meinte, es würde mir gut tun.“

„Das Meer ist schön“, pflichtete Tom bei. „Ich war auch schon ein paar Mal da.“

Es war eine von Toms besten und schlechtesten Eigenschaften, dass er die Fakten immer in ein bestimmtes Licht drehen konnte. Sie wussten beide, dass Abree vom Chef zwangsfreigestellt wurde, nachdem sie sich auch in diesem Jahr geweigert hatte, Urlaub einzureichen. Tom hatte sie schließlich oft genug davor gewarnt.

So nannte Tom die Freistellung eben „Urlaub“ und Abrees Schwester hatte ihr ein Zimmer am Meer gebucht. Zwangserholung, sozusagen. Weg von den Zahlen, ein bisschen entspannen.

Aber Abree entspannte gerne mit Zahlen.

„Na gut. Ich muss jetzt los. Mach nicht mehr so lang.“ Tom winkte ihr zu und im nächsten Moment war er auf dem Gang verschwunden.

Mach nicht mehr so lang.

Abree hatte ihr Bestes getan, um den Tag noch etwas in die Länge zu ziehen. Sie hatte alle Akten aus ihrem Fach genommen und noch ein paar aus Toms geklaut. Er würde ihre Vertretung übernehmen, während sie weg war, doch sie traute ihm nicht ganz.

Tom betrieb eben eine „selektive Analyse“, wie er es nannte. Manchmal, da übersah er ein paar Daten für die Berechnung — ob nun absichtlich oder nicht. Abree tat das nicht. Für sie zählten alle Zahlen, Daten und Fakten. Sie war, so sagten alle, unbestechlich.

Doch so sehr sie auch den Tag in die Länge zu ziehen versucht hatte, auf ihrem To-Do-Stapel lagen nur noch zwei Akten.

Zwei Anwärter auf den letzten der begehrten Nachwuchsplätze in der Einrichtung.

Die Akte, die Abree gerade ansah, machte einen guten Eindruck. Das Paar war schon in fortgeschrittenem Alter, aber mit 43 und 45 Jahren gerade noch so in der von der Regierung festgelegten Obergrenze. Jedes Jahr wurde diese ein wenig nach unten korrigiert.

Das Paar hatte Glück.

Und die besten Voraussetzungen, ein neues Leben in der Gesellschaft groß zu ziehen: Die Auswertung der Aktivitäts-Chips zeigte einen sehr sportlichen Lebensstil, die Genanalyse jeweils nur geringe Veranlagungen zu Depressionen und bipolarer Störung. Einer von beiden hatte zusätzlich eine Veranlagung zu einer Essstörung, die in der vorherigen Generation einmal kurz zum Ausbruch gekommen war. Beide waren berufstätig, jeweils schon seit mehreren Jahren in den Unternehmen.

Das jährliche Einkommen würde dem Nachwuchs einen sicheren Start in die Gesellschaft garantieren, der Lebensstil für Gesundheit sorgen und die guten genetischen Voraussetzungen das Einfügen in der Gesellschaft fördern.

Abree konnte auch schon ohne Berechnung erkennen, dass die Chancen gut standen. Sie hatte die Formel entwickelt, mit der seit einigen Jahren landesweit über die Qualifikation von Paaren als zukünftige Eltern entschieden wurde.

Die Nachwuchsplätze waren knapp und die Einrichtungen überlastet. Jedes Jahr wurde nur eine bestimmte Anzahl an Plätzen überhaupt frei gegeben und jedes Jahr forstete sich Abree durch Tausende von Akten, um die Zukunft der Gesellschaft zu sichern. Es lag an Menschen wie ihr und Tom, dass sie die bestmöglichen Anwärter für die Plätze auswählten.

Sie liebte ihren Beruf. Sie wusste auch, dass niemand ihn so gut machte wie sie. Seit der Einführung ihrer Berechnung war der Bewerbungsprozess schneller und effektiver.

Vor allem waren die Ergebnisse genauer.

Man musste nur alle relevanten Faktoren eintragen: Alter der Eltern, prozentuale Veranlagungen für psychische Störungen, Aktivitätsprofile, Einkommen, Wohnungssituation. Der errechnete Faktor entschied dann darüber, wer als zukünftiges Elternpaar geeignet war und wer nicht.

Zahlen, Daten und Fakten.

Die konnte niemand leugnen.

Nicht so wie vorher, in denen ausgeklügelte Vorgespräche und unangekündigte Hausbesuche die werdenden Eltern überprüfen sollten.

Nur Paare, die einen Faktor über 50 erreichten, hatten ein Anrecht auf einen Nachwuchsplatz. Danach entschied die Anzahl der freien Plätze.

Das Paar erreichte einen Faktor von 65. Ein gutes Ergebnis, doch Abree musste noch die letzte Akte prüfen und vergleichen.

Das zweite Paar war wesentlich jünger, erst Anfang 20. Das war auf der einen Seite positiv, denn so standen die Chancen gut, dass sie auch noch für ein zweites Kind zugelassen werden konnten. Schließlich sollten etwa 25% aller Familien Geschwisternachwuchs großziehen. Allerdings verfügte das Paar über ein geringeres Einkommen und eine entsprechend weniger gute Wohnsituation. Beide waren aktiv und hatten einen hohen Bildungsgrad.

Abree tippte alle Daten in die Berechnung ein und erhielt den Faktor: 65.

Beide Paare waren gleichermaßen geeignet für den letzten Platz.

Abree hasste es, wenn so etwas passierte. Und natürlich musste so etwas ausgerechnet am letzten Tag vor ihrem Urlaub passieren. Deshalb fuhr Abree nie in den Urlaub.

Sie hatte beide Akten bereits als „Begonnen“ markiert und jede begonnene Akte musste innerhalb von 24 Stunden evaluiert werden. Ein Schutzmechanismus, um zu vermeiden, dass bestimmte Akten favorisiert wurden.

Sie waren eben unbestechlich.

Abree blätterte erneut durch beide Akten. Vielleicht hatte sie irgendwo etwas übersehen. Natürlich ging die Wahrscheinlichkeit dafür gegen Null, aber in Fällen wie diesen ging Abree lieber auf Nummer Sicher. Doch leider gab es keine Zahl, keinen Indikator oder eine überblätterte Seite, die einen der beiden Faktoren in veränderte.

Erholung ohne Zahlen sollte der Urlaub werden. Doch nun würde Abree tagelang darüber nachdenken, was die optimale Entscheidung gewesen war. Sie würde im Kopf die Wahrscheinlichkeit dafür ausrechnen, dass diese Situation ausgerechnet heute eintrat. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass beide Akten zur gleichen Zeit auf ihrem Tisch landeten. Und die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Ergebnis anders ausgefallen wäre, hätte sie ihren Tagesablauf genauso verfolgt wie immer, ohne das Damoklesschwert des anstehenden Urlaubs über ihrem Kopf. Und die Wahrscheinlichkeit…

Nein. Sie musste sich jetzt konzentrieren.

Abree atmete tief durch und legte beide Akten nebeneinander. Die braune Deckpappe sah bei beiden gleich aus, die in schwarz aufgedruckte Identifizierungsnummer akkurat in der Mitte platziert. Nicht, dass sie daraus etwas über die Paare hätte lesen können.

Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Die Akten wurden anonymisiert; alle nicht relevanten Daten wurden entfernt, um Gerechtigkeit zu wahren. Doch es war nicht schwer, diese Daten einzusehen. Sie musste einfach nur die Akte im Rechner aufrufen.

In dem Moment, in dem ihr Blick auf die Namen des ersten Paares fiel, bereute Abree ihre Entscheidung.

Das Paar war Christina und Paul Hammerson.

Abrees Cousin.

Sie schaltete den Bildschirm aus, als ob sie dadurch ihr neu gewonnenes Wissen rückgängig machen konnte. Doch der Name war in ihren Kopf gebrannt. Genau wie das Wissen, dass es tatsächlich Daten gab, die Abree nicht einberechnet hatte.

Christina hatte es erst letzte Woche erwähnt, mit einem Lächeln, als ob es keine große Sache wäre. Doch für die Bewerbung hier war es eine sehr große Sache.

Paul war entlassen worden.

Die Akte musste zusammengestellt worden sein, bevor Paul oder sein Arbeitgeber die Änderung gemeldet hatten. Die Bearbeitungszeit für so etwas lag bei bis zu zwei Wochen. Doch die veränderte Einkommenssituation würde die gesamte Berechnung auf den Kopf stellen.

Abree musste den Faktor nicht neu berechnen um zu wissen, dass er unter 65 liegen würde. Wahrscheinlich sogar unter 50.

Zahlen, Daten, Fakten.

Die Entscheidung war klar.

Christina und Paul hatten sich schon immer Kinder gewünscht. Doch nun würden sie nie welche bekommen. Nächstes Jahr würden beide zu alt sein, um zugelassen zu werden. Wie sollte Abree ihnen das erklären?

Genau genommen musste sie es gar nicht erklären. Schließlich wurden die Nachgespräche von geschulten Psychologen durchgeführt. Und offiziell wusste Abree gar nicht, dass sie den Antrag bearbeitet hatte. Christina und Paul würden gar nicht erfahren, dass es Abree war, die sie abgelehnt hatte. Doch Abree würde ihnen nicht mehr in die Augen sehen können.

Paul hatte sich immer um Abree gekümmert. Abree, seine kleine Cousine, die immer in Zahlen versunken in der Ecke des Schulhofs saß und Formeln in den Sand schrieb. Er hatte sie verteidigt, wenn sie gehänselt wurde und ihr gut zugesprochen, wenn ihr die laute Welt manchmal zu viel wurde. Er sagte immer, dass Abree im Dienst der Gesellschaft stand und er es als seine gesellschaftliche Pflicht ansah, ihr dabei zu helfen. Auch wenn das bedeutete, dass er sie daran erinnern musste, etwas zu essen.

Paul und Christina verdienten es, ein Kind groß zu ziehen. Sie waren schon jetzt wunderbare Eltern.

Doch der Faktor versagte es.

Abrees Hände zitterten. Sie durchforstete die zweite Akte — Nina und Sage Focus — nach anderen Informationen, errechnete ihren Faktor mit allen vorliegenden Daten immer und immer wieder neu. Er änderte sich nicht.

Nina und Sage Focus waren besser geeignet. Sie waren jünger, sie waren gebildet und sportlich. Sie würden mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar ein zweites Kind genehmigt bekommen.

Reiß dich zusammen, Abree. Du kennst die Antwort doch schon.

Abree war unbestechlich. Jeder wusste das.

Sie atmete tief durch, bevor sie die Akten entsprechend markierte.

Ihr Schreibtisch war aufgeräumt, die Akten sortiert. Schweren Herzens zog sie sich an und nahm den Stapel mit den abgelehnten Paaren mit zum Schwesternbüro. Sie würden die Paare informieren und die tränenreichen Nachgespräche führen. Abree würde in der Zeit im Urlaub sein.

Wenn sie zurück kam, war alles schon vorbei. Neue Akten, neue Paare, würden auf sie warten. Alle in der Hoffnung, dass sie einen der Plätze ergattern konnten. Abree würde viel zu tun haben und die Gedanken an den heutigen Tag würden von allein verschwinden. Genau wie der Stein, der jetzt in ihrer Magengrube zu liegen schien.

Und Nina und Sage Focus würden sich nächstes Jahr noch einmal bewerben.


Der Name „Abree“ bedeutet angeblich „Mutter von vielen“. Findet ihr, das passt zu Abree? Ich freue mich auf eure Kommentare.

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