Category Archives: Kurzgeschichten

Glitzern im Wasser – Eine Kurzgeschichte

Wenn Max‘ Eltern nicht so arm wären, dann müsste er nicht im Boot sitzen und angeln. Aber wenn er nicht angeln müsste, hätte er die Frau nie getroffen. Die Frau, die ihm Fische schenkte. Und ihr Geheimnis…

Lesezeit ca. 20 Minuten


Die Sonne brannte ihm auf den Kopf. Hier in der Mitte des Sees gab es keinen Schatten und sein Hut lag zu Hause.

Es war zu spät, an Land zu rudern und ihn zu holen. Wenigstens heute musste er einen Fisch fangen. Schon in den letzten Tagen war er immer mit leeren Händen nach Hause gekommen und langsam konnte er die Blicke seiner Eltern nicht mehr ertragen.

Sie waren nicht mal böse, nein. Sie sahen Max mit einer Mischung aus Verständnis und Trauer an, als ob sie ihm keine Vorwürfe machen wollten, wenn er seinen Teil zum Lebensunterhalt der Familie nicht beitrug. Der Blick an sich aber war schon Vorwurf genug.

Er fand nur die Plane, mit der er das Boot bei Regen abdecken konnte. Dann musste er sich darunter verkriechen, wenn er keinen Sonnenstich bekommen wollte. Egal, wie heiß es darunter war.

Max kontrollierte noch einmal, ob er die Angel richtig am Boot befestigt hatte und verschwand dann in die stickige Dunkelheit. (mehr …)

Seine Ruhe – Eine Kurzgeschichte

Achim will vor allem eins: seine Ruhe. Der junge Mann, der ihm nun gegenüber sitzt, will ihm genau das bieten. Doch die Konditionen sind nicht ganz das, was Achim sich vorgestellt hat…

Lesedauer: ca. 15 Minuten


„Sie sind der richtige Kandidat für unser Projekt.“

Der junge Mann, der da vor Achim saß, sah aus, als hätte er noch nicht einmal die Schule beendet. Das war so ein arroganter Schnösel, der sich über ihn lustig machen wollte, da war sich Achim sicher. Genauso wie alle anderen.

„Ich bin überhaupt kein Kandidat“, sagte er deshalb. „Ich verbitte mir so etwas.“

Der junge Mann vor ihm lächelte.

„Herr Lambrecht“, sagte er langsam. „Ich bin mir sicher, dass ich Ihre Meinung ändern kann. Geben Sie mir fünf Minuten Ihrer Zeit. Deswegen sind Sie doch gekommen.“

„Ich bin gekommen, weil ihr Arschlöcher mir sonst die Zuschüsse streicht“, schimpfte Achim. „So macht ihr das immer. Entweder, man tut, was ihr sagt oder die Zuschüsse sind weg. Halsabschneider.“

Er saß auf der vordersten Stuhlkante, den Gehstock fest in seiner Hand. Jederzeit könnte er aufstehen und gehen, das wusste er. Und das würde er. Wenn dieser junge Mann — dieses Kind — vorlaut wurde, dann würde er auf jeden Fall aufstehen und gehen.

Zuschüsse hin oder her.

Er konnte seine Frau Marlies sowieso nicht so lange alleine lassen.

Aber sein Gegenüber lächelte immer noch. Debil, sowas.

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Weißel – Eine Kurzgeschichte

Wenn es regnet, fliegen Bienen nicht. Beatrice wünscht sich, sie wäre auch eine Biene, denn dann müsste sie heute nicht raus. Aber manche Dinge nehmen ihren Lauf, den ewigen Kreislauf des Lebens.

Lesedauer: ca. 13 Minuten


Beatrice fehlte eine Socke.

Sie war sich nicht sicher, ob es die linke oder die rechte Socke war. Gab es überhaupt einen bestimmten Fuß, auf den so eine Socke musste? Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, dass sie immer mit dem linken Fuß anfangen musste. Das hieße ja aber, dass, wann immer eine Socke fehlte, der rechte Fuß unbesockt bleiben musste.

Das war doch unfair.

Ihr rechter Fuß konnte doch nichts dafür, dass er einfach immer als zweites dran war.
Beatrice blickte auf ihre Füße — einer mit Socke und der andere nackt — und dann nach draußen.

Der Himmel war dunkelgrau.

Ob sie wieder zurück ins Bett kriechen durfte, wenn sie ihre Socke nicht fand? Ihr geblümtes Bettzeug sah einladend aus, auch wenn sie heute morgen sehr lange damit verbracht hatte, das Bett ordentlich zu machen. Sie hatte auch sehr lange damit verbracht, jeden Knopf ihres Kleides noch einmal auf und zu zu knöpfen. Wenn sie nur lange genug braucht, musste sie vielleicht nicht mit in die Kirche, weil sie nicht fertig war, wenn es los ging.

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