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Immer – Eine Kurzgeschichte

immer

Toms Auto liegt im verschneiten Straßengraben und er ist auf dem Weg in das nächste Dorf von einem freundlichen Fremden gefunden worden. Dieser lädt ihn ein, zumindest die Nacht bei ihm zu verbringen. Das Auto würden sie am nächsten Morgen retten.

Tom hat den Unfall geplant. Er ist auf einer Mission. Doch die gestaltet sich schnell wunderlicher und unmöglicher, als er erwartet hat.

Lesedauer: ca. 17 Minuten


Tom erwachte, weil das Brummen des Motors verstummt war.

„Wir sind da“, sagte Rupert und zeigte grinsend auf das große, erleuchtete Haupthaus vor ihnen. Rupert war der Mann, der Tom vorhin auf der verschneiten Landstraße aufgesammelt hatte. Es war zu spät, um einen Abschleppwagen für Toms Auto zu holen. Es würde die Nacht in dem Straßengraben verbringen müssen, in den Tom es vorhin gelotst hatte.

Rupert hatte angeboten, dass Tom eine Nacht in seinem Gästehaus verbringen konnte. Den Abschleppwagen würden sie morgen holen. Tom, durchgefroren nach einer halben Stunde Fußmarsch, hatte dankbar eingewilligt.

Er war zu schnell gefahren. Callie hatte ihn immer davor gewarnt und sie hatte recht gehabt. Aber Callie war nicht hier um ihn darauf hinzuweisen.

Im Haus duftete es wunderbar nach Essen. Eine kleine blonde Frau stand am Herd und lächelte breit, als sie Tom erblickte.

„Sie müssen ja völlig durchgefroren sein. Im Bad liegen ein paar Handtücher. Duschen Sie erstmal. Ich bin übrigens Iris, Ruperts Frau. Er hat Ihnen sicher das Ohr abgekaut auf der Fahrt hierher.“

Während sie redete, schlich sich Rupert an ihr vorbei zum Topf. Sie drehte sich blitzschnell um und schlug ihm auf die Finger.

„Es wird gegessen, wenn alle soweit sind“, schimpfte sie, doch ihre Stimme hatte einen sanften Unterton. Neben ihrer kleinen Statur sah Rupert noch riesiger aus. Er hatte einen weißen Bart und einen dicken Bauch. Seine rote Latzhose war auf dem letzten Zentimeter Band geschnürt.

Er war genau der Mann, den Tom gesucht hatte.

Tom entschied sich für die Dusche. Er war länger auf der Landstraße unterwegs gewesen als er erwartet hatte. Irgendwie war er davon ausgegangen, dass jemand wie Rupert ihn schon eher finden würde. Erst jetzt im warmen Haus kehrte das Gefühl in seinen Händen zurück und verriet etwas von der Kälte, die sich in ihm breit gemacht hatte.

Vielleicht musste das aber auch so sein. Vielleicht war es wichtig, dass Tom fast erfroren war, wenn Rupert ihn fand. Vielleicht machte es das einfacher.

Aber Tom wollte ihm nichts einfach machen.

Er hatte das alles viel zu lange geplant.

Das Essen roch noch fantastischer, als er aus dem Bad kam. Rupert saß bereits am Tisch und las eine Zeitung. Auf der ersten Seite stand eine Vermisstenanzeige.

Genau wie letztes Jahr.

„Setzen Sie sich“, brummte Rupert. „Iris meint es ernst, wenn sie sagt, dass wir erst essen, wenn alle am Tisch sitzen. Und ich habe Hunger.“

Tom brachte ein Lächeln hervor und setzte sich. Iris hatte Nudeln mit Tomatensoße gekocht. Es roch genauso, als ob Callie gekocht hätte. Ein bisschen Chili lag in der Luft.

Aber Tom kannte die Regeln. Er schob die Nudeln von einer Seite auf die andere.

„Schmeckt es Ihnen nicht?“ fragte Iris besorgt. Sie hatte ihm den Teller besonders voll geschaufelt. Sie wollte ihn verführen mit dem Geruch seines Lieblingsgerichts.

„Doch, doch“, wiegelte Tom ab und blitzte sein vertrauensseligstes Lächeln hervor. „Es schmeckt ausgezeichnet. Aber mir ist der Hunger ein wenig abhanden gekommen. Der Schreck… Es ging ja alles so schnell.“

Iris runzelte die Stirn, doch sie schien sich mit der Ausrede zufrieden zu geben. Das war leichter als gedacht.

Tom wartete geduldig bis Rupert mit seiner zweiten und dritten Portion fertig war und folgte ihm dann nach draußen. Durch das dichte Gestrüpp der Bäume konnte man ein paar Lichter erkennen. Dafür, dass sie hier mitten in der Einöde waren, gab es hier zu viele Lichter. Irrlichter womöglich.

Aber Tom würde sich nicht in die Irre leiten lassen.

Rupert führte ihn zu der kleinen Gästehütte direkt neben dem Haupthaus.

„Iris hat schon alles vorbereitet. Eigentlich haben wir nur im Sommer Gäste, deswegen ist es vielleicht noch etwas kalt. Aber hier im Schrank sind Decken, falls Sie frieren sollten. Morgen früh rufen wir gleich Greg an. Das ist unser Mann für’s Grobe.“ Er lachte und streichelte sich über den Bauch, als ob er den Witz des Jahrhunderts gerissen hätte. Tom lächelte müde und gähnte dann offensiv.

Es wirkte. Rupert ließ ihn mit einem „Gute Nacht, dann!“ allein.

Tom wusste, dass ihm nicht allzu viel Zeit blieb. Er musste vor Sonnenaufgang von hier verschwunden sein. Das sagten zumindest die Legenden und Tom hatte nicht vor, sie auf die Probe zu stellen.

Trotzdem konnte ein kurzes Nickerchen sicher nicht schaden. Das Haupthaus war immer noch hell erleuchtet, und von hier aus sah er Iris durch das Küchenfenster abwaschen. Er konnte ohnehin nicht einfach auf dem Gelände herumstreunen, während Iris und Rupert — falls das denn wirklich ihre Namen waren — noch wach waren. Sie würden ihn sonst noch ertappen und dann war sein Plan dahin.

Tom stellte sich einen Wecker auf seinem Handy und kroch dann unter die Bettdecke. Iris hatte auch hier alles richtig gemacht. Es war, als ob sie genau wusste, was er liebte. Die dicke Daunendecke, das feste Kissen, die weiche Matratze. Alles war perfekt.

Er könnte auch für immer hier bleiben.

Nein. Dafür war er nicht gekommen.

Vielleicht war es doch besser, wenn er wach bliebe. Doch das war der letzte Gedanke, bevor ihm die Augen zufielen.

***

Draußen kreischte jemand.

Tom sprang aus dem Bett und vor die Tür. Die Mülltonne neben seiner Hütte rollte scheppernd auf dem Schnee. Am Waldrand raschelte es. Wahrscheinlich nur ein Tier. Oder der Wind.

Das Haupthaus lag im Dunkeln, die schneebedeckte Lichtung wurde nur vom vollen Mond erleuchtet. Ob er den Wecker verschlafen hatte? Er musste seine Schuhe holen.

Doch als er wieder hinein ging, erstarrte er.

Auf dem Gästebett, in dem er noch vor Minuten gelegen hatte, saß eine Frau. Sie trug ein weißes Nachthemd und einen roten Morgenmantel. Ihr Füße waren nackt und ihre Haaren hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fiel.

Sie sah genauso aus wie immer.

„Callie“, entfuhr es Tom.

Mit zwei Schritten war er bei ihr und zog sie an den Armen zu sich hoch. Ihre Haare rochen nach dem Fliedershampoo, das sie so sehr liebte. Sie schien schwach auf den Beinen zu sein und erwiderte seine Umarmung nur zögerlich.

„Du hättest nicht kommen sollen“, flüsterte sie.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Wir können gehen.“ Tom strich ihr über die Haare, die Wangen, die Arme. Sie hatte sich in dem Jahr nicht verändert. „Ich habe immer gewusst, dass du noch lebst.“

Sie lächelte, aber in ihren Augen sammelten sich Tränen.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie wieder. „Es hätte etwas Schlimmes passieren können.“ Langsam trat sie einen Schritt zurück. Sie sah bleich aus im Mondlicht. Das Rot ihres Morgenmantels machte das noch deutlicher. Ob sie krank war? Sie war ohne Schuhe gekommen, sicher fror sie schon.

„Wo hast du deine Schuhe?“ fragte Tom. „Wenn wir gleich losgehen, dann schaffen wir es noch vor Sonnenaufgang zum Dorf. Alles wird gut, Callie. Wir können–“

Tom stockte. Callie hatte sich wieder auf das Bett gesetzt und spielte mit den Staubkörnern im Mondlicht. Das Licht schien durch ihre Hand hindurch zu schimmern.

„Bist du fertig?“ fragte sie. Sie klang gelangweilt. Oder traurig? Tom konnte das nicht auseinander halten. In den Monaten bevor sie verschwunden war, war sie immer das eine oder das andere gewesen.

„Nein“, sagte Tom langsam. „Wo sind deine Schuhe?“

Sie hatte sie sicher vergessen. So eine Kleinigkeit wie Schuhe oder ein Mantel im Winter waren ihr auch schon vor einem Jahr manchmal entgangen.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie, anstatt auf seine Frage zu antworten. Tom atmete tief durch. Auch das hatte sie vorher oft gemacht: Sätze wiederholt, bis das Gespräch für keinen von beiden mehr einen Sinn ergab. Die Ärzte hatten viele Namen dafür gefunden. Und viele Pillen. Doch das hatte nichts geholfen.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie keine Schuhe hatte, aber er würde sie tragen. Er hatte nicht all die Strapazen auf sich genommen, um ohne sie zu gehen. Wie lange sie wohl durch den Schnee hatte laufen müssen? Ihre Füße waren zumindest noch nicht blau vor Kälte.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie langsam.

Tom blickte von ihren Füßen zu ihr auf. In ihrem Blick lag eine Klarheit wie er sie lange nicht gesehen hatte.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie noch einmal, „weil ich nicht kann.“

„Natürlich kannst du–“

Callie schüttelte den Kopf.

„Du irrst dich. Und das weißt du auch. Du hast es schon gesehen, nicht wahr? Du willst es nur noch nicht wahr haben.“

Sie hob ihre Hand gegen das Licht und fuhr durch die Staubkörner in der Luft. Es war keine Täuschung gewesen.

Das Mondlicht schimmerte durch ihre Haut hindurch.

Tom drehte sich weg. Er zog seine Schuhe an und seinen Mantel über. Wenn er sie tragen musste, dann mussten sie gleich los. Es würde länger dauern, Mondlicht hin oder her.

„Ich bin von einer Klippe gestürzt“, sagte sie, als er seine Hände um ihre Arme schließen wollte. Er griff durch sie hindurch. „Ich bin zu schnell gefahren. So schnell, wie du immer fährst. Rücksichtslos. Und natürlich passiert bei dir nie etwas und bei mir… Es war dunkel und es hat geschneit. Kein Handyempfang. Also bin ich losgelaufen.“

Tom griff erneut nach ihr. Ihre Haut war kühl unter seinen Fingern, doch als er zog, spürte er nur Luft. Sie schien es gar nicht zu bemerken.

„Es war unglaublich kalt, weißt du. Ich wollte einfach nur zum Dorf. Da waren Lichter, so viele Lichter. Und plötzlich war der Boden unter mir weg… Hörst du mir überhaupt zu?“

Tom schaute in ihr Gesicht. Dann schaute er auf seine Hände, wieder an ihren Armen. Er zog, doch ihr Körper gab nicht nach. Stattdessen rutschte er durch sie hindurch. Als er sie ansah, lächelte sie.

„Das kann ich steuern, weißt du.“ Sie hob ihre Hand und drückte gegen seine Brust. Er spürte keinen Widerstand. Stattdessen verschwand sie bis zum Handgelenk in seinem Körper. Sie zog ihre Hand zurück. Ihre Augen glitzerten. „Ich mag es nicht, wenn du mich nicht fragst, was ich will.“

„Was willst du denn?“ fragte Tom. Er wollte ruhig bleiben, aber ihnen rannte die Zeit davon. Sie mussten vor Sonnenaufgang…

„Dass du mir zuhörst.“ Sie klopfte neben sich auf das Bett. „Richtig zuhörst. Dass du nicht abschaltest, wenn ich nicht das sage, was du hören willst.“

„Okay“, sagte Tom und setzte sich. Er atmete tief durch.

„Ich bin tot.“

Tom schüttelte den Kopf, doch sie legte eine Hand an seine Wange. Dieses Mal spürte er ihre kalte Haut wieder.

„Ich bin tot“, wiederholte sie. „Schon seit dem Tag, an dem ich unser Haus verlassen habe. Die Wälder hier sind so verwinkelt. Man hat mich einfach nicht gefunden.“

„Ich habe dich gefunden“, sagte Tom leise. Sie lachte.

„Ja, und was für einen Preis du beinahe dafür gezahlt hättest. Du hättest da draußen sterben können. Rupert fährt nicht jeden Tag dort lang. Aber er hat es für mich getan.“

Sie strich ihm wieder über die Wange. Langsam wurde ihre Hand wärmer. Und weniger durchsichtig.

„Lass uns gehen“, sagte Tom erneut. Wenn er sie sehen konnte, dann konnte sie auch mitkommen.

„Nein“, sagte Callie. „Ich habe hier zu tun. Die Arbeit macht sich nicht von allein.“

„Welche Arbeit denn?“ Sie war seit Jahren schon berufsunfähig. Es war schwer, eine Arbeit zu bekommen, wenn sie an vielen Tagen kaum aus dem Bett gefunden hatte.

Wortlos stand Callie auf und ging aus dem Schlafzimmer. Tom rannte hinter ihr her. Er war überrascht von dem Tempo, das sie vorlegte. Sie schien über den Schnee und durch die Bäume zu fliegen. Vor einer großen Halle holte er sie schließlich keuchend ein.

Als sie drinnen das Licht anschaltete, erkannte Tom eine Werkstatt. In der Mitte stand ein riesiger Christbaum, an den Wänden hingen Tannenzweige mit roten und grünen Weihnachtskugeln. Kleine Schokokränze dekorierten die Lampen in der Halle.

Überall standen Werkbänke. Callie bahnte sich einen Weg hindurch bis zu einem kleineren Tisch an der hinteren Wand. Die Arbeitsplatte war überfüllt mit kleinen Schachteln. Einige standen offen. Darin befanden sich wunderschöne Schmuckstücke: eine Kette, ein Armband, einige Ringe, eine silberne Taschenuhr.

„Hier arbeite ich“, sagte Callie. Sie breitete lächelnd die Arme aus. Unter einem Stapel Schachteln zog sie eine Liste hervor. „Hier links stehen die Namen und rechts die Geschenke. Ich verpacke sie und lege ich sie unter den Baum.“

Tom drehte sich um. Unter dem Christbaum stapelten sich tatsächlich eine Vielzahl eingepackter Kisten.

„Du verpackst Geschenke? Für wen denn?“

Callie lachte. Sie drehte sich um ihre eigene Achse und hüpfte dann aufgeregt auf den Baum zu.

„Hast du es immer noch nicht begriffen? Rupert… die Deko… der große Baum?“

Tom starrte sie an. Sie war verrückt geworden, das war die einzig logische Erklärung. Rupert hatte sie gekidnappt und ihren angeschlagenen Geisteszustand ausgenutzt um ihr einzureden, dass sie… für den Weihnachtsmann arbeitete?

Callie nickte aufgeregt, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen waren leicht gerötet. Der Lichterschein gab ihr eine gesunde Hautfarbe. Sie sah so lebendig aus wie schon ewig nicht mehr.

Aber sie war verrückt.

Oder er war verrückt.

Denn sie war durchsichtig.

„Sei nicht albern“, sagte er langsam, doch sie lachte nur noch lauter.

„Hier, ich zeige es dir“, sagte sie wie zu einem Kind. Sie gab ihm die Liste. „Such dir einen Namen aus, neben dem noch nichts steht.“

Tom las überflog die Liste und wählte schließlich den ersten Namen ohne Geschenk.

„Amelie Gertentrunk“, sagte er.

Callie lächelte, streckte dann beide Hände aus und schloss die Augen. Sie wiederholte den Namen leise und plötzlich begannen ihre Hände wie von selbst an zu glühen. Sie wurden heller und heller und… dann sahen sie wieder normal aus.

Doch jetzt lag in Callies Handflächen eine silberne Kette mit einen tropfenförmigen Anhänger.

„Oh, das ist wirklich schön“, sagte Callie. Als hätte sie es nicht gerade selbst in ihre Hände fabriziert. „Schau auf den Zettel“, wies sie Tom an.

Neben Amelies Namen stand nun eine Beschreibung der Kette, die Callie in der Hand hielt.

„Da wird sie sich sehr drüber freuen“, sagte Callie wie zu sich selbst, und legte die Kette sorgfältig in eine der leeren Schachteln auf dem Tisch. Mit wenigen Handgriffen hatte sie die Schachtel in gold-grünes Papier eingewickelt und mit einer roten Schleife versehen. Dann legte sie das Geschenk unter den Baum.

Auf dem Zettel in Toms Hand war der Name verschwunden.

„Du bist also ein Weihnachtswichtel.“ Es sollte ein Scherz sein, doch Toms Stimme stockte.

„Ist das nicht toll?“ rief Callie und nahm ihm das Papier wieder aus der Hand. „Ich mache etwas sinnvolles.“

Er hatte vergessen, wie schön ihr Lachen war. Wann hatte sie das letzte Mal so gelacht, dass es ihre Augen erreichte? Wann war sie das letzte Mal vor Aufregung auf und ab gehüpft?

Diese Callie hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben.

Sie nahm seine Hand und führte ihn kichernd und glucksend durch den Schnee zu seinem Gästehaus. Der Weg zurück erschien ihm viel kürzer, aber mittlerweile war sich Tom nicht mehr sicher, ob sein Zeitgefühl nicht mit ihm durchging.

Seine tote Frau führte ihn barfuß und nur mit einem Morgenmantel bekleidet durch Minusgrade. Er konnte ihre Hand in seiner spüren, aber er spürte auch, wie sie ihm entglitt, wenn er zu sehr zupackte. Er würde sie sich nicht über die Schultern werfen und mitnehmen können.

Wollte er das überhaupt noch?

„Ich vermisse dich“, sagte er in die Dunkelheit, als sie nebeneinander auf dem Bett lagen.

„Ich dich auch“, sagte sie und das Lachen verschwand aus ihrer Stimme. „Ich vermisse vieles. Aber ich habe auch viel vermisst, als ich noch gelebt habe. Da wusste ich nur nicht, was es war.“

Ihre Stimme füllte den Raum zwischen ihnen, legte sich auf seine Brust und drohte ihn zu ersticken. Sie hatte viel vermisst. Vieles, was er ihr nicht geben konnte. Sie wollte nicht mit ihm zurück, selbst wenn sie gekonnt hätte.

„Es tut mir leid, dass ich dich nicht glücklich gemacht habe“, sagte er nach einer Weile.
Ihre Hand fuhr über seine Wange. Jetzt war sie warm, wie auch der Rest ihres Körpers, den sie langsam an ihn schmiegte.

„Ich bin hier glücklich“, sagte sie. „Ich war auch mit dir glücklich. Aber hier kann ich es fühlen. Hier gibt es nicht mehr dieses Loch, das all das Glück aufsaugt.“

„Bleib bei mir“, sagte Tom.

„Ich bin doch immer bei dir“, sagte Callie. Sie strich ihm über das Gesicht und küsste seine Wange. Dann küsste sie ihn auf den Mund.

„Immer?“ Toms Frage verschwand auf ihren Lippen.

***

Als Tom die Augen aufmachte, war es hell. Der Platz auf dem Bett neben ihm war kalt.

Er hatte geträumt. Seine tote Frau war letzte Nacht nicht zu ihm gekommen. Sie arbeitete nicht für den Weihnachtsmann.

Nein, Tom hatte sich einfach nur in ein paar Legenden über verschwundene Seelen verrannt und sein Leben für eine irrwitzige Idee auf’s Spiel gesetzt. Jetzt war er schon genauso verrückt wie Callie es gewesen war.

Es klopfte ans Fenster.

„Frühstück ist fertig.“ Ruperts vergnügtes Gesicht erschien hinter der Glasscheibe. „Greg ist auch schon hier.“ Er zeigte auf einen kleinen, schmächtigen Mann neben sich.

Greg, der Mann für’s Grobe, hatte eine Hakennase und schütteres, rotes Haar.

Der Witz des Jahrhunderts. Tom konnte sein Lachen nicht unterdrücken.

„Und er hat Ihr Auto schon dabei“, sagte Greg und grinste stolz durch’s Fenster. „Sonst hätte ich kein Rührei bekommen, sagt Iris. Und Sie wollen auf jeden Fall das Rührei probieren.“ Rupert wendete sich schon ab, als Greg noch hinterher setzte: „Ich würde mich an Ihrer Stelle beeilen, sonst gibt es keins mehr.“

Iris empfing Tom im Haupthaus mit dem Geruch von frischen Brötchen und Speck.

„Haben Sie gut geschlafen?“ fragte sie. Sie sah so unschuldig aus. Nett und liebevoll. Ehrlich. Schuldgefühle krochen in ihm hoch, als er darüber nachdachte, wie er sie verdächtigt hatte. Diese Frau würde niemanden kidnappen.

Sie würde höchstens jemanden mit ihrer Gutmütigkeit erdrücken.

Tom brachte nur ein Nicken hervor und schaufelte sich Ei in den Mund. Er hätte gestern abend schon etwas essen sollen. Sein Magen knurrte.

„Das mit dem Wagen war kein Problem“, sagte Greg, der ebenfalls eine riesige Portion Rührei auf dem Teller hatte. „Sieht zumindest nicht so aus, als ob es einen Schaden gegeben hätte. Wir probieren das gleich, aber ich denke, das war einfach nur unglücklich geparkt.“

Rupert brummte ein Lachen. In diesem Licht und mit diesem Lachen, da konnte man es fast sehen. Rupert als Weihnachtsmann?

Unsinn

Tom hatte nur geträumt.

Ein Windhauch strich ihm über den Nacken. Doch alle Fenster waren zu.

***

Der Wagen war tatsächlich unversehrt. Er benötigte zwar Starthilfe und die Batterie würde man tauschen müssen, aber Tom befand sich in kürzester Zeit wieder auf dem Weg nach Hause.

Was für ein verrückter Traum das gewesen war. Aber der Gedanke, dass seine depressive Frau nach dem Tod doch eine Lebensaufgabe gefunden hatte, hatte etwas Friedliches. Hier hatte sie all das, was sie zu Lebzeiten nicht hatte.

Der Traum fügte sich erstaunlich leicht in Toms Gedächtnis. Es war so normal, so echt. Als wäre es wirklich passiert. Callie hatte gelacht in diesem Traum. Sie war glücklich. So wollte er sie in Erinnerung behalten.

Er hielt an einer Tankstelle und öffnete das Handschuhfach um seine Brieftasche herauszuholen. Sie rutschte ihm aus den kalten Fingern direkt unter den Beifahrersitz. Tom erhaschte sie an einem Zipfel.

Nur war das, was er hervorzog, nicht seine Brieftasche.

Es war ein kleines, gold-grünes Päckchen mit einer roten Schleife.

Tom öffnete es zögerlich und schlug das Seidenpapier zurück. In der Schachtel lag eine Taschenuhr.

Eine Taschenuhr genau wie die, die er gestern nacht auf Callies Tisch gesehen hatte. Tannenzweige und Weihnachtskugeln waren in das Metall eingraviert. Sie fühlte sich schwer und warm in seiner Hand an. Im Deckel fand er eine weitere Gravur.

Es war kein Traum gewesen.

Callie war ein Weihnachtswichtel.

Sie war glücklich.

Im Deckel stand nur ein Wort, fein säuberlich in ihrer Handschrift:

Immer


In diesem Sinne: Frohes Fest!

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Zahlen, Daten, Fakten – Eine Kurzgeschichte

Zahlen, Daten, Fakten

Abree liebt Zahlen. Sie hat schließlich die Formel entwickelt, mit der jetzt landesweit darüber entschieden wird, welche Paare einen der begrenzten Nachwuchsplätze erhalten. Abree liebt auch ihren Job. So sehr, dass sie von ihrem Chef zwangfreigestellt werden musste, damit sie wenigstens einmal alle fünf Jahre in den Urlaub fährt. Natürlich passiert es ausgerechnet an ihrem letzten Arbeitstag, dass Abree zwei Akten mit demselben Eignungsfaktor vor sich liegen hat – und nur noch einen Platz frei.

Lesedauer ca. 10 Minuten


„Du hast also Urlaub?“

Abree musste gar nicht von den sorgfältig gestapelten Akten auf ihrem Tisch aufsehen um zu wissen, dass Tom an ihrem Türrahmen lehnte. Er hatte wahrscheinlich die Hände in den Hosentaschen und ein schiefes Grinsen auf den Lippen. Wie immer, wenn er nicht wusste, wie er mit ihr ein Gespräch anfangen sollte. Es war für andere nicht immer leicht, mit Abree klar zu kommen. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er es immer wieder versuchte.

„Ja“, sagte sie langsam. Sie hob den Blick von der Akte. Dass sie recht gehabt hatte, gab ihr eine innere Genugtuung.

„Sechs Wochen. Ich bin schon ein bisschen neidisch. Fährst du weg?“

„Ans Meer. Meine Schwester hat mir etwas gebucht. Sie meinte, es würde mir gut tun.“

„Das Meer ist schön“, pflichtete Tom bei. „Ich war auch schon ein paar Mal da.“

Es war eine von Toms besten und schlechtesten Eigenschaften, dass er die Fakten immer in ein bestimmtes Licht drehen konnte. Sie wussten beide, dass Abree vom Chef zwangsfreigestellt wurde, nachdem sie sich auch in diesem Jahr geweigert hatte, Urlaub einzureichen. Tom hatte sie schließlich oft genug davor gewarnt.

So nannte Tom die Freistellung eben „Urlaub“ und Abrees Schwester hatte ihr ein Zimmer am Meer gebucht. Zwangserholung, sozusagen. Weg von den Zahlen, ein bisschen entspannen.

Aber Abree entspannte gerne mit Zahlen.

„Na gut. Ich muss jetzt los. Mach nicht mehr so lang.“ Tom winkte ihr zu und im nächsten Moment war er auf dem Gang verschwunden.

Mach nicht mehr so lang.

Abree hatte ihr Bestes getan, um den Tag noch etwas in die Länge zu ziehen. Sie hatte alle Akten aus ihrem Fach genommen und noch ein paar aus Toms geklaut. Er würde ihre Vertretung übernehmen, während sie weg war, doch sie traute ihm nicht ganz.

Tom betrieb eben eine „selektive Analyse“, wie er es nannte. Manchmal, da übersah er ein paar Daten für die Berechnung — ob nun absichtlich oder nicht. Abree tat das nicht. Für sie zählten alle Zahlen, Daten und Fakten. Sie war, so sagten alle, unbestechlich.

Doch so sehr sie auch den Tag in die Länge zu ziehen versucht hatte, auf ihrem To-Do-Stapel lagen nur noch zwei Akten.

Zwei Anwärter auf den letzten der begehrten Nachwuchsplätze in der Einrichtung.

Die Akte, die Abree gerade ansah, machte einen guten Eindruck. Das Paar war schon in fortgeschrittenem Alter, aber mit 43 und 45 Jahren gerade noch so in der von der Regierung festgelegten Obergrenze. Jedes Jahr wurde diese ein wenig nach unten korrigiert.

Das Paar hatte Glück.

Und die besten Voraussetzungen, ein neues Leben in der Gesellschaft groß zu ziehen: Die Auswertung der Aktivitäts-Chips zeigte einen sehr sportlichen Lebensstil, die Genanalyse jeweils nur geringe Veranlagungen zu Depressionen und bipolarer Störung. Einer von beiden hatte zusätzlich eine Veranlagung zu einer Essstörung, die in der vorherigen Generation einmal kurz zum Ausbruch gekommen war. Beide waren berufstätig, jeweils schon seit mehreren Jahren in den Unternehmen.

Das jährliche Einkommen würde dem Nachwuchs einen sicheren Start in die Gesellschaft garantieren, der Lebensstil für Gesundheit sorgen und die guten genetischen Voraussetzungen das Einfügen in der Gesellschaft fördern.

Abree konnte auch schon ohne Berechnung erkennen, dass die Chancen gut standen. Sie hatte die Formel entwickelt, mit der seit einigen Jahren landesweit über die Qualifikation von Paaren als zukünftige Eltern entschieden wurde.

Die Nachwuchsplätze waren knapp und die Einrichtungen überlastet. Jedes Jahr wurde nur eine bestimmte Anzahl an Plätzen überhaupt frei gegeben und jedes Jahr forstete sich Abree durch Tausende von Akten, um die Zukunft der Gesellschaft zu sichern. Es lag an Menschen wie ihr und Tom, dass sie die bestmöglichen Anwärter für die Plätze auswählten.

Sie liebte ihren Beruf. Sie wusste auch, dass niemand ihn so gut machte wie sie. Seit der Einführung ihrer Berechnung war der Bewerbungsprozess schneller und effektiver.

Vor allem waren die Ergebnisse genauer.

Man musste nur alle relevanten Faktoren eintragen: Alter der Eltern, prozentuale Veranlagungen für psychische Störungen, Aktivitätsprofile, Einkommen, Wohnungssituation. Der errechnete Faktor entschied dann darüber, wer als zukünftiges Elternpaar geeignet war und wer nicht.

Zahlen, Daten und Fakten.

Die konnte niemand leugnen.

Nicht so wie vorher, in denen ausgeklügelte Vorgespräche und unangekündigte Hausbesuche die werdenden Eltern überprüfen sollten.

Nur Paare, die einen Faktor über 50 erreichten, hatten ein Anrecht auf einen Nachwuchsplatz. Danach entschied die Anzahl der freien Plätze.

Das Paar erreichte einen Faktor von 65. Ein gutes Ergebnis, doch Abree musste noch die letzte Akte prüfen und vergleichen.

Das zweite Paar war wesentlich jünger, erst Anfang 20. Das war auf der einen Seite positiv, denn so standen die Chancen gut, dass sie auch noch für ein zweites Kind zugelassen werden konnten. Schließlich sollten etwa 25% aller Familien Geschwisternachwuchs großziehen. Allerdings verfügte das Paar über ein geringeres Einkommen und eine entsprechend weniger gute Wohnsituation. Beide waren aktiv und hatten einen hohen Bildungsgrad.

Abree tippte alle Daten in die Berechnung ein und erhielt den Faktor: 65.

Beide Paare waren gleichermaßen geeignet für den letzten Platz.

Abree hasste es, wenn so etwas passierte. Und natürlich musste so etwas ausgerechnet am letzten Tag vor ihrem Urlaub passieren. Deshalb fuhr Abree nie in den Urlaub.

Sie hatte beide Akten bereits als „Begonnen“ markiert und jede begonnene Akte musste innerhalb von 24 Stunden evaluiert werden. Ein Schutzmechanismus, um zu vermeiden, dass bestimmte Akten favorisiert wurden.

Sie waren eben unbestechlich.

Abree blätterte erneut durch beide Akten. Vielleicht hatte sie irgendwo etwas übersehen. Natürlich ging die Wahrscheinlichkeit dafür gegen Null, aber in Fällen wie diesen ging Abree lieber auf Nummer Sicher. Doch leider gab es keine Zahl, keinen Indikator oder eine überblätterte Seite, die einen der beiden Faktoren in veränderte.

Erholung ohne Zahlen sollte der Urlaub werden. Doch nun würde Abree tagelang darüber nachdenken, was die optimale Entscheidung gewesen war. Sie würde im Kopf die Wahrscheinlichkeit dafür ausrechnen, dass diese Situation ausgerechnet heute eintrat. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass beide Akten zur gleichen Zeit auf ihrem Tisch landeten. Und die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Ergebnis anders ausgefallen wäre, hätte sie ihren Tagesablauf genauso verfolgt wie immer, ohne das Damoklesschwert des anstehenden Urlaubs über ihrem Kopf. Und die Wahrscheinlichkeit…

Nein. Sie musste sich jetzt konzentrieren.

Abree atmete tief durch und legte beide Akten nebeneinander. Die braune Deckpappe sah bei beiden gleich aus, die in schwarz aufgedruckte Identifizierungsnummer akkurat in der Mitte platziert. Nicht, dass sie daraus etwas über die Paare hätte lesen können.

Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Die Akten wurden anonymisiert; alle nicht relevanten Daten wurden entfernt, um Gerechtigkeit zu wahren. Doch es war nicht schwer, diese Daten einzusehen. Sie musste einfach nur die Akte im Rechner aufrufen.

In dem Moment, in dem ihr Blick auf die Namen des ersten Paares fiel, bereute Abree ihre Entscheidung.

Das Paar war Christina und Paul Hammerson.

Abrees Cousin.

Sie schaltete den Bildschirm aus, als ob sie dadurch ihr neu gewonnenes Wissen rückgängig machen konnte. Doch der Name war in ihren Kopf gebrannt. Genau wie das Wissen, dass es tatsächlich Daten gab, die Abree nicht einberechnet hatte.

Christina hatte es erst letzte Woche erwähnt, mit einem Lächeln, als ob es keine große Sache wäre. Doch für die Bewerbung hier war es eine sehr große Sache.

Paul war entlassen worden.

Die Akte musste zusammengestellt worden sein, bevor Paul oder sein Arbeitgeber die Änderung gemeldet hatten. Die Bearbeitungszeit für so etwas lag bei bis zu zwei Wochen. Doch die veränderte Einkommenssituation würde die gesamte Berechnung auf den Kopf stellen.

Abree musste den Faktor nicht neu berechnen um zu wissen, dass er unter 65 liegen würde. Wahrscheinlich sogar unter 50.

Zahlen, Daten, Fakten.

Die Entscheidung war klar.

Christina und Paul hatten sich schon immer Kinder gewünscht. Doch nun würden sie nie welche bekommen. Nächstes Jahr würden beide zu alt sein, um zugelassen zu werden. Wie sollte Abree ihnen das erklären?

Genau genommen musste sie es gar nicht erklären. Schließlich wurden die Nachgespräche von geschulten Psychologen durchgeführt. Und offiziell wusste Abree gar nicht, dass sie den Antrag bearbeitet hatte. Christina und Paul würden gar nicht erfahren, dass es Abree war, die sie abgelehnt hatte. Doch Abree würde ihnen nicht mehr in die Augen sehen können.

Paul hatte sich immer um Abree gekümmert. Abree, seine kleine Cousine, die immer in Zahlen versunken in der Ecke des Schulhofs saß und Formeln in den Sand schrieb. Er hatte sie verteidigt, wenn sie gehänselt wurde und ihr gut zugesprochen, wenn ihr die laute Welt manchmal zu viel wurde. Er sagte immer, dass Abree im Dienst der Gesellschaft stand und er es als seine gesellschaftliche Pflicht ansah, ihr dabei zu helfen. Auch wenn das bedeutete, dass er sie daran erinnern musste, etwas zu essen.

Paul und Christina verdienten es, ein Kind groß zu ziehen. Sie waren schon jetzt wunderbare Eltern.

Doch der Faktor versagte es.

Abrees Hände zitterten. Sie durchforstete die zweite Akte — Nina und Sage Focus — nach anderen Informationen, errechnete ihren Faktor mit allen vorliegenden Daten immer und immer wieder neu. Er änderte sich nicht.

Nina und Sage Focus waren besser geeignet. Sie waren jünger, sie waren gebildet und sportlich. Sie würden mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar ein zweites Kind genehmigt bekommen.

Reiß dich zusammen, Abree. Du kennst die Antwort doch schon.

Abree war unbestechlich. Jeder wusste das.

Sie atmete tief durch, bevor sie die Akten entsprechend markierte.

Ihr Schreibtisch war aufgeräumt, die Akten sortiert. Schweren Herzens zog sie sich an und nahm den Stapel mit den abgelehnten Paaren mit zum Schwesternbüro. Sie würden die Paare informieren und die tränenreichen Nachgespräche führen. Abree würde in der Zeit im Urlaub sein.

Wenn sie zurück kam, war alles schon vorbei. Neue Akten, neue Paare, würden auf sie warten. Alle in der Hoffnung, dass sie einen der Plätze ergattern konnten. Abree würde viel zu tun haben und die Gedanken an den heutigen Tag würden von allein verschwinden. Genau wie der Stein, der jetzt in ihrer Magengrube zu liegen schien.

Und Nina und Sage Focus würden sich nächstes Jahr noch einmal bewerben.


Der Name „Abree“ bedeutet angeblich „Mutter von vielen“. Findet ihr, das passt zu Abree? Ich freue mich auf eure Kommentare.

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42 Grad Celsius – Eine Kurzgeschichte

42 Grad Celsius

Professor Bienstein ist Erdbiologe, ein umstrittener Beruf. Doch er weiß, dass sein Wissen von größter Wichtigkeit ist, wenn die Menschen zurück auf die Erde wollen. Und nun ist der Tag endlich bekommen. Der General übergibt ihm eine Kiste mit einem Exemplar von Erdvegetation, das er zwei Wochen am Leben erhalten soll. Ein großer Schritt für die Menschheit, eine Leichtigkeit für den Professor. So glaubt er zumindest…

Lesedauer: ca. 11 Minuten


Die Kiste stand auf dem Schreibtisch und schien den Professor auszulachen.

Der General hatte ihm das Ding in die Hand gedrückt und gesagt, „Ich vertraue darauf, dass Sie das Exemplar zu hüten wissen.“

Wie hätte der Professor da etwas erwidern sollen? Er hatte nur stumm genickt und die Kiste auf seinem Schreibtisch abgestellt, wo sie nun unangetastet stand. Und ihn auslachte.

Er musste etwas damit tun. Er wusste ja noch nicht einmal, was genau sich in der Kiste befand. Auch das hatte der General nicht erwähnt.

Bei all seinem theoretischen Wissen über Erdbiologie hatte er noch nie ein echtes Exemplar von da unten zu Gesicht bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass er es nun pflegen müsste und von seinem Erfolg eine ganze Menge abhing.

„Wir sollten vielleicht mal den Deckel lüften, Professor“, schlug seine Assistentin Lou ruhig vor. Sie stand neben ihm, die Arme verschränkt. Sie schien sein Dilemma nicht zu verstehen; das war schon die dritte Andeutung, die sie in diese Richtung machte.

„Die Umgebungsbedingungen hier drin sind nicht richtig“, widersprach der Professor. „Wenn wir die Kiste jetzt aufmachen, geht uns das Exemplar vielleicht sofort verloren.“

Das war die oberste Regel der Forschung. Alles war immer mit Vorsicht zu betrachten.

„Dann gehen wir jetzt ins Labor und sorgen dort für die richtigen Umgebungsbedingungen.“ Sie seufzte laut und dramatisch. „Jetzt haben Sie sich mal nicht so.“

Sie hatte leicht reden. Sie war nicht dabei gewesen, als der General von seiner Erdmission zurück gekehrt war. Sie hatte die Kiste nicht vor den Augen von zwanzig Soldaten und dem Hohen Rat übernehmen müssen.

Und sie hatte nicht versprochen, dass der Inhalt der Kiste in zwei Wochen unversehrt sein würde. Wie auch, sie war schließlich nur seine Assistentin. Er war der einzige Erdbiologe auf diesem Schiff und nur einer von fünf in der ganzen Kolonie. Sie hatte keine Ahnung.

Lou seufzte noch einmal laut und nahm plötzlich die Kiste mit sich nebenan in das Labor. Der Professor schickte sich an, ihr nachzulaufen und die Kiste wieder abzunehmen. Aber seine Beine versagten ihm. Wenn jetzt etwas schief ging, war es nicht seine Schuld.

Schwachsinn.

Solche Gedanken durfte er gar nicht zulassen. Er war der Wissenschaftler. Er war der Spezialist für Erdvegetation und er würde sich nicht von seiner Assistentin vorführen lassen.

„Was machen Sie da?“ herrschte er sie an.

„Ich gebe dem Exemplar etwas Raum“, erwiderte sie unbeeindruckt. Sie hatte die Kiste bereits geöffnet und die darin befindliche Schale auf dem Untersuchungstisch abgestellt. „Es soll doch gedeihen. Das kann es da drin nicht.“

Sie nahm die leere Kiste vom Tisch und betrachtete ihr Werk. Vor ihnen lag ein unberührtes Fleckchen Gras. Echtes, auf der Erde gewachsenes Gras.

Der Professor drehte das Thermostat des Labors hoch.

„Sind Sie wahnsinnig? Wir müssen zuerst die richtigen Umgebungsbedingungen schaffen“, rief er.

Lou warf ihm einen Blick zu, der ihr Unverständnis deutlich zeigte. Wenn sie dieses Exemplar zerstörte, dann war ihre Karriere beendet. Und seine gleich mit. Aber das wusste sie nicht. Wie auch.

Auf der Erde herrschte derzeit eine Durchschnittstemperatur von 42 Grad Celsius. Wenn das Gras gedeihen sollte, mussten sie diese Bedingungen reproduzieren.

Der General hatte erwähnt, dass die Operation „Rückbesiedlung“ durch die Erkenntnisse der letzten Erdmissionen um einen großen Schritt voran getrieben war. Doch bevor sie den letzten Schritt wagen konnten, mussten sie auch mit der örtlichen Vegetation umzugehen wissen. Das Gras, das nun auf dem Untersuchungstisch lag, war nun also der Stellvertreter für die gesamte Erdvegetation. Und wenn sie dieses beherrschen konnten, dann war auch der Rest kein Problem mehr.

Soweit die Theorie des Rates.

„Kommen Sie.“ Lou zog den Professor am Arm. „Bei der Hitze möchte ich hier nicht drin sein. Lassen Sie dem armen Ding doch etwas Zeit, sich an uns zu gewöhnen.“

„Es ist Gras, Lou“, sagte der Professor abweisend. „Es ist evolutionär genau auf seine Umgebungsbedingungen angepasst. Es ‚gewöhnt‘ sich nicht an uns.“

Lou murmelte etwas unverständliches, doch er ließ sich von ihr aus dem Labor ziehen.

*

Es störte den Professor nicht, dass Lou sich jede Stunde über die Hitze beschwerte, die sich auch schon in den Beobachtungsraum geschlichen hatte. Es störte ihn auch nicht, dass sie seit Ankunft des Grases vor zwei Tagen keine Schuhe mehr trug. Er konnte es ihr nicht verübeln, es war schließlich wirklich warm. Er selbst hatte sich von seinem Unterhemd verabschiedet.

Was ihn allerdings störte, waren die gelblichen Züge, die sich in das Fleckchen Gras schlichen.

Bei seiner Ankunft war das Gras sattgrün gewesen. Die Halme waren elastisch und zur Lichtquelle gerichtet. Doch seit heute morgen hingen sie auf dem Tisch.

„Wir sollten das Gras vielleicht mal gießen, Professor.“ Lou stand neben ihm, barfuß aber dennoch verschwitzt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dem Gras das so gefällt.“

„Seien Sie nicht albern, Lou. Das Gras kommt von der Erde. Da herrschen solche Bedingungen. Vielleicht muss es nur mal gedüngt werden.“

Lou protestierte, dass das ja keine richtigen Erdbedingungen wären, doch der Professor ignorierte diesen Einwand. Sie wusste schließlich nicht, was hier auf dem Spiel stand.

Die Zukunft der Menschheit lag in seiner Hand. Wenn er das Gras zum Gedeihen brachte, konnten die Menschen wieder zurück auf die Erde. Vielleicht nicht morgen oder nächsten Monat, doch er leistete den einzig wichtigen Beitrag zu diesem Unterfangen. Er allein.

Er sprühte die grünliche Düngerflüssigkeit über die Grashalme. Das Fleckchen sah gleich wieder viel gesünder aus. So einfach konnte die Lösung sein: Ein bisschen Dünger und alles war wieder gut.

*

Nichts war gut. Der Professor starrte durch das Glasfenster ins Labor als könnte er allein durch seinen Willen das Gras wieder zum Kämpfen erwecken. Er hatte die Augen zusammen gekniffen, damit ihm der Schweiß nicht hinein rann.

Die Halme hatten sich nach dem Düngen wieder erhoben, waren sogar ein Stück länger geworden, wenn er es richtig im Blick hatte. Gestern hatte Lou zum ersten Mal Wasser zugeführt und heute morgen sah das Gras nun so aus.

Blassgrün und platt.

Sie hatte bestimmt den Dünger von den Halmen gewaschen. Das Mädchen war wirklich manchmal zu nichts zu gebrauchen. Sie war immer so sorglos mit allen Experimenten, was genau der Grund war, dass sie selbst keinen Doktor-Titel hatte. Ach, mal hier ein bisschen Wasser, mal da ein bisschen Schatten. Nein, eben nicht. Die Bedingungen mussten korrekt sein, damit sie das Gras richtig pflegen konnten.

„Sie haben zu viel gegossen“, blaffte er, als sie den Raum betrat. Sicher hatte sie den Ausmaß ihres Fehlers noch gar nicht erkannt. „Wir müssen mehr düngen.“

Lou sagte nichts, als sie sich zu ihm gesellte. Stattdessen schürzte sie die Lippen und schaute angestrengt durch das Glasfenster ins Labor. Seit einigen Tagen betraten sie beide das Labor nur noch, wenn es absolut nötig war. Er hatte sie zum Gießen geschickt, weil sie seine Assistentin war, aber offensichtlich war diese Aufgabe zu hoch gewesen.

„Das sieht mir nicht nach zu viel Wasser aus“, sagte sie nach einer Weile. „Auch nicht nach zu wenig Dünger.“

„Papperlapapp“, sagte der Professor. „Sieht so etwa gesundes Gras aus? Haben Sie so einen Haufen Elend schon mal in den Geschichtsbüchern gesehen oder davon in den Romanen gelesen? ‚Die Menschen tanzten über die platte, gelbe Wiese.‘ Wohl kaum.“

„Ich habe nicht behauptet, dass das Gras gesund aussieht“, sagte Lou, immer noch so ruhig. Es machte ihn fuchsig. „Aber ich denke auch nicht, dass es hilft, wenn wir es mit unserem Dünger erschlagen. Der ist doch gar nicht für diese Bedingungen entwickelt worden.“

„Was soll das heißen?“

„Der Dünger ist nicht für die Erdbedingungen entwickelt worden. Die chemische Zusammensetzung wird durch die trockene Hitze womöglich beeinträchtigt.“

Missmutig musste der Professor sich eingestehen, dass sie nicht ganz unrecht hatte. Wie viel kostete so eine Erdmission noch mal? Wie viele Steuergelder hatte er soeben in den Äther gepustet, weil er…

Ja, was eigentlich?

Bewiesen hatte, dass die Menschen nichts mehr über Erdvegetation wussten? Bewiesen hatte, dass das Stuedienfach der Erdbiologie verschwendete Zeit war, wie der Rat immer behauptet hatten? Bewiesen hatte, dass die Menschen noch nicht zurück auf die Erde konnten?

Er hatte versagt.

Das konnte man nicht schön reden. Das Gras war zerstört und damit auch die Hoffnungen auf eine Rückkehr auf die Erde.

Er drehte sich um und zog sich in seine Kammer zurück.

*

Lou kam nach ein paar Stunden und klopfte an seine Tür. Er reagierte nicht.

Sie kam noch ein paar Mal wieder, klopfte jedes Mal und rief seinen Namen. Er antwortete ihr nicht. Er hatte gerade nicht die Kraft, mit ihr zu reden.

Was sollte er ihr auch sagen? Er hatte versagt.

Es war schon ohnehin jedes Jahr ein Kampf, dem Rat die Gelder für seine und Lous Arbeitsstellen aus dem Rücken zu leiern. Sie waren nämlich nicht der Meinung, dass Erdbiologie im heutigen Zeitalter überhaupt noch etwas nützte. Wozu auch, wenn die Menschen nun in einer Raumschiff-Kolonie den restlichen Weltraum besiedelten? Und nun hatte er auch noch bewiesen, dass sie alle recht hatten.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kündigungen zugestellt wurden. Ob er nun da draußen oder hier drinnen im Bett darauf wartete, war doch schlussendlich auch egal.

Hier war es wenigstens nicht ganz so heiß.

Das Pingen ließ ihn aufschrecken. Eine neue Nachricht war eingegangen. Seine Kündigung. Ihre Kündigungen.

Lou würde schnell eine neue Stelle finden; bei einem anderen Professor, der etwas gemeinschaftlich Wertvolles erforschte. Er war ihr schuldig, es ihr gleich zu sagen.

Die eingegangene Email war allerdings nicht vom Rat. Und auch der Betreff wies nicht auf eine Kündigung hin.

„Erfolg auf ganzer Linie!“

Geehrter Professor Bienstein,
Ich wusste, dass ich eine Ihrer Arbeit würdige Aufgabe zukommen lassen habe. Sie haben mich nicht enttäuscht.
Seien Sie gewiss, dass Sie damit in die Geschichtsbücher eingehen werden. Dank Ihnen und Ihrer Assistentin Louisa Melvin sind wir alle einen großen Schritt weiter, um zurück in unsere Heimat zu kehren.
Der Rat erwartet morgen vormittag um 9:00 einen Bericht von Ihnen.
Hochachtungsvoll.
General Fortit

Der Professor schob sich aus seinem Bett. Seine Gelenke knackten, weil er sie in den letzten Tagen nicht benutzt hatte. Er hatte im Bett gelegen und sich selbst bemitleidet während da draußen irgendetwas anderes passiert war.

Er fand Lou im Vorraum des Labors. Sie aß Nudeln und als sie zu ihm aufsah, bemerkte er die dunklen Ringe um ihre Augen. Wann hatte sie das letzte Mal geschlafen?

Sie sagte nichts. Gut, das hatte er sicher auch verdient, so wie er sie die letzten Tage ignoriert hatte.

„In welcher Zeit leben wir?“ fragte der Professor.

„In der Mittagszeit“, sagte Lou und wies auf einen weiteren dampfenden Teller. Sie hatte gewusst, dass er kommen würde.

Er ignorierte die Nudeln und ging die letzten Meter zum Gras.

Es war grün.

Der Raum war dunkler als er ursprünglich eingestellt hatte und wesentlich kühler. Die Bedingungen entsprachen überhaupt nicht denen auf der Erde.

Doch das Gras war grün.

„Essen Sie etwas“, sagte Lou. „Sie müssen morgen vor dem Rat sprechen. Ich fürchte, aus der Nummer konnte ich Sie nicht rausboxen.“

„Aber–“, begann der Professor, doch er wusste nicht was er weiter sagen sollte. Verständnislos wies er auf das Gras. Lou lachte.

„Ein bisschen Wasser, weniger grelles Licht und eine Temperatur, bei der auch wir Menschen atmen können… und plötzlich wuchs das Gras wieder.“

Sie schob ihm den Teller hin.

„Sie sehen schrecklich aus“, sagte sie schließlich. Und dann, als könnte sie seine Gedanken lesen: „Wieso sollten die Menschen denn auf eine Erde zurück kehren, von der sie vor hundert Jahren geflüchtet waren? Da muss sich doch etwas geändert haben, habe ich mir gedacht.“

„Die Bedingungen auf der Erde haben sich aber nicht geändert. Es werden ständig Messungen durchgeführt.“

„Aber nur an der Oberfläche.“ Lou grinste, als ob das alles erklärte. „Das Gras kam aber nicht von der Erdoberfläche.“

Der General hatte ihm gesagt, das Gras käme von der Erde. Der Professor hatte einfach angenommen, dass es von der Oberfläche kam. Woher denn auch sonst?

„Es gibt da wohl ein Höhlensystem. Mehrere Krater gehen tief in die Erde hinein und dort herrschen ganz andere Bedingungen. Die Vegetation ist noch genau dieselbe wie vor 500 Jahren.“

„Aber warum hat der General uns das nicht gesagt?“

Lou zuckte mit den Schultern.

„Er hat erwartet, dass wir das selbst heraus finden. Schließlich sind wir Erdbiologen.“

Genau genommen war sie keine Erdbiologin. Aber wer wollte es jetzt schon genau nehmen? Er definitiv nicht.

„Und wie haben Sie das heraus gefunden?“

„Ich habe gefragt.“ Der Professor starrte sie an, doch Lou rollte nur mit den Augen. „Auch der General hat einen Assistenten. Der hat mir auch verraten, dass sie heute hier auftauchen und Fortschritte betrachten wollen.“

Lou reichte ihm ein Tablet.

„Ich habe schon mal ein paar Notizen gemacht für Ihren Bericht. Machen Sie was draus, ich leg mich erstmal hin.“

Der Professor starrte auf den Bildschirm.

Sie hatte das Gras gerettet. Und damit auch gleich seinen Job, ihren Job und wahrscheinlich sogar die ganze Menschheit.

Genau genommen war sie keine Erdbiologin. Das war er.

Deshalb stand sein Name auch als erster von beiden unter dem Berichtstitel.


Erdbiologe hin oder her — habt ihr einen grünen Daumen oder wäre das Gras in eurer Obhut eher vertrocknet? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

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