Das Leben, die Kunst und die Reihenfolge

Es gibt da eine Anekdote von Stephen King und seinem Schreibtisch:

Er habe immer einen großen Schreibtisch gewollt, sagt er. Und irgendwann in seiner Karriere hat er sich den auch gegönnt. Er hat sich in einem Zimmer seines Hauses ein Monstrum an Tisch hingestellt und das Zimmer anschließend zu seinem Schreibraum erklärt. Danach, so sagt er, war er jahrelang damit beschäftigt, hinter ebendiesem Schreibtisch zu sitzen — oftmals betrunken oder unter dem Einfluss von Drogen. Er schrieb viel während der Zeit.

Und seine Familie sah ihm dabei zu, wie er sich sukzessive selbst zerstörte.

Erst später, während er seinen Alkoholismus bekämpfte, warf er den Schreibtisch raus. Stattdessen kaufte er einen kleineren Tisch und stellte ihn an die Wand. Abends saßen seine Familie und er oft auf einer Couch in eben diesem Raum und schauten fern. Und er erinnert sich immer daran, warum der neue Tisch nicht in der Mitte des Raumes steht:

Die Kunst ist dazu da, das Leben zu bereichern. Nicht anders herum.

Einer der Schreibtipps ÜBERHAUPT ist es, jeden Tag zu schreiben.

Stephen King selbst sagt, dass er 2000 Wörter am Tag schreibt und nicht eher aufhört, bis er sie geschrieben hat. Egal, ob er nach zwei oder erst nach zehn Stunden fertig ist. Und wenn Stephen King das macht, dann muss es doch richtig sein, oder?

Ich möchte diese Pauschalaussage aufgrund der Schreibtisch-Geschichte oben etwas relativieren.

Ja, Stephen King ist erfolgreich. Und ja, er ist ein toller Autor. Ich möchte trotzdem nicht mit ihm tauschen.

Ich habe natürlich auch versucht, jeden Tag zu schreiben. Eine halbe Stunde. Danach habe ich es auf 500 Wörter reduziert, dann 15 Minuten. Vor der Arbeit, abends vor dem Schlafen gehen. Aber glücklich war ich damit nicht unbedingt. Ich fing nämlich an, mein Leben um das Schreiben zu basteln. Wenn ich es an einem Tag nicht geschafft habe, musste ich am nächsten Tag die doppelte Einheit absolvieren. Und wenn ich das nicht schaffte, wurde es nur schlimmer.

Wie beim NaNoWriMo, wo man am Ende von 30 Tagen 50.000 Wörter geschrieben haben sollte, egal ob man jeden Tag 1.667 Wörter oder nur an fünf Tagen jeweils 10.000 Wörter geschrieben hat.

Darunter hatte mein Leben dann ganz schön zu leiden.

Es mag nicht jeder Introvertierte den Hang dazu haben, sich einzuigeln, wenn er Stress hat. Aber ich habe diesen Drang. Meine depressiven Phasen sind oft davon geprägt, dass ich keinen Fuß vor die Tür setze — es sei denn, ich muss. Generell ist Einigeln für mich wesentlich einfacher als Freundschaften im Anfangsstadium zu pflegen. Getreu dem Motto:

Wie geht „Freunde“ und wie füttere ich es?

Da war das mit dem Schreiben natürlich eine wundervolle Ausrede. Party? Nein, ich kann nicht. Kino? Meh, ich muss schreiben. Abendessen? Ach nee, ich muss morgen zeitig raus. Wenn ich mich dann doch mal zu einem sozialen Event habe hinreißen lassen, kroch sofort das schlechte Gewissen in mir hoch, weil ich meine Schreib-Session nicht absolviert hatte.

Das Schreiben geht doch über alles. Ich muss schreiben, um Autorin zu werden. Und Autorin wird man eben nur, wenn man täglich schreibt.

Oder eben nicht.

Mein Buch habe ich veröffentlicht, ohne dass ich dafür jeden Tag geschrieben hätte. Die Kurzgeschichten letztes Jahr sind auch alle entstanden, ohne dass ich jeden Tag dafür am Rechner gesessen habe. Und auch jetzt sitze ich nicht jeden Tag an der Tastatur.

Ich mache es jetzt anders herum: Zuerst kommt mein Leben und die Kunst, ja die Kunst faltet sich auf magische Weise selbst in die Zwischenräume.

Wirklich.

Meine sozialen Kontakte pflege ich mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Donnerstags zum Beispiel gehe ich Abendessen zu meinen Freunden. Sonntags gehe ich zum Sport. Diese Termine sind gesetzt, denn ich merke, dass sie mir und meiner Seele gut tun.

Ich weiß, dass ich donnerstags nicht schreibe und ich habe mir abgewöhnt, mich dafür mit einer doppelten Schreibeinheit freitags zu „bestrafen“. Ich weiß auch, dass ich mittwochs eher so administrativen Kram mache, der nicht viel Hirnschmalz erfordert, denn auch da gehe ich oftmals zu einer Freundin.

Trotzdem schreibe ich mit diesen festen Terminen mehr als vorher. Denn ich erlaube mir, auch mal Pause zu machen. Mein Leben zu leben.

Das heißt nicht, dass ich nur sporadisch ein bisschen was in die Tasten hacke und warte, bis die Muse mich küsst.

Nein, es heißt, dass ich mir darüber im Klaren bin, dass mir mein Buch keinen Kartoffelbrei kocht, nachdem ich einen Crosslauf absolviert habe. Meine Kurzgeschichten tragen keinen Kleiderschrank fünf Etagen ins Dachgeschoss mit mir.

Das Parkinsonsche Gesetz besagt, dass eine Aufgabe immer so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie wir ihr geben.

Wenn ich mir den ganzen Abend frei nehme, um zu schreiben, schaffe ich doch nicht unbedingt mehr, als wenn ich mir nur eine halbe Stunde gebe und mich danach mit Freunden zum Kino verabrede.

Warum sollte ich mir also nicht beides gönnen? Ich bin mit diesen Terminen produktiver als vorher. Und manchmal, da kocht mir jemand Kartoffelbrei während ich mir Schlamm aus den Haaren wasche.

Oder fährt für mich zu IKEA.

Da tausche ich gerne 500 Wörter gegen ein.

Wobei ich fest gestellt habe, dass die 500 Wörter auf magische Weise dann woanders auftauchen.

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