3 Angewohnheiten, die Schreibideen fördern

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„Wie kommst du nur auf solche Ideen?“

Meine Oma hatte gerade meine zweite deutsche Kurzgeschichte, In Tenebris Veritas, hier auf dem Blog gelesen, als sie mich das fragte. Ich war mir im ersten Moment nicht sicher, ob ich das positiv oder negativ deuten sollte.

Ob ich es überhaupt irgendwie deuten sollte.

„Na, am See, zum Beispiel“, sagte ich daraufhin, leicht hilflos. Das Thema war damit beendet.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mir das nicht geglaubt hat.

Die Idee für Seidenfein kam mir tatsächlich eines sonnigen Nachmittags am Baggersee. Nicht plötzlich, so aus dem Nichts, während ich im See meine Kreise zog und die Wasserläufer um mich herum turnten. Sondern ganz aktiv, während einer Brainstorming-Session letztes Jahr.

Kürzlich wurde mir die Frage erneut gestellt und ich hatte immer noch keine allzu gute Antwort darauf. Was glauben denn die Nicht-Autoren, wo Ideen herkommen? Im selben Moment kam ein Song im Radio und ich fragte mich selbst: Wie kommt man auf so eine Melodie? Ich, für mich, hatte darauf keine Antwort, denn das Schreiben von Melodien ist mir völlig fremd. Ich bin mir sicher, wenn man einem Komponisten die Frage stellt, woher seine Ideen kommen, wird er zunächst ähnlich verwirrt antworten.

Denn Ideen sind überall. Man muss sie nur wahr nehmen.

Hier nun also — nicht nur für die Nicht-Autoren, sondern auch für die nicht-inspirierten Autoren — einige Tipps für das Finden von Ideen.

Viel lesen

Ich meine damit keine große Literatur, sondern vor allem die Tageszeitung.
Was ist kürzlich so in eurer Stadt passiert? Was gab es für Kuriositäten, oder Funde bei Bauarbeiten? Gab es einen Schulwettbewerb, eine politische Diskussion, ein neues Bauvorhaben, das niemand haben will?

Das Leben schreibt manchmal wirklich die besten Geschichten.

So könnte zum Beispiel ein Besucher eines Autorennens einen gebrauchten Vorderreifen ergattern und diesen beim Neujahrs-Schrottwichteln unter die Geschenke mogeln. Natürlich wird der Reifen von genau der einen Person erschrottwichtelt, die großer Formel-1-Fan ist. Aber diese Person ist von weit angereist und hat keine Möglichkeit, den Reifen einfach so mitzunehmen. Und so entspinnt sich eine Geschichte darüber, wie ein gebrauchter Vorderreifen des Porsche Cups eine Reise quer durch Deutschland antritt.

Sowas kann man sich nur ausdenken, meint ihr?

Glaubt mir, das habe ich mir auch gedacht, als ich mit eben diesem Reifen — eingepackt in Plastefolie und auf einer Sackkarre verschnürt — im Zug unterwegs war. Die Blicke der Mitfahrer waren einzigartig.

Viel zuhören

„Früher, da gab es Telefonzellen. Die hatten eine Tür. Und die hat man hinter sich zugemacht, damit die anderen Leute nicht mitbekommen, worüber man redet.“ Ich glaube, der Spruch kommt von Jochen Malmsheimer.

Heute scheint es weder Türen noch Anstand zu geben. Da hört man manchmal Gespräche im Bus mit, auf die man gut auch hätte verzichten können. Erst kürzlich durfte ich auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit der Diskussion zwischen zwei Teenagern lauschen, wer denn der schönere von beiden sei.

Aber Gespräche sind nicht immer so witzig wie die Telefonate, bei denen man nur die eine Hälfte mitbekommt.

„Hallo? … Ich sitze im Bus. … Im BUS, hab ich gesagt! Nie hörst du mir zu! Ich hab dir doch schon tausendmal… aber ist auch egal jetzt. … Nein, ich habe deine Scheißkatze nicht vor die Tür gelassen. … Sag mir jetzt nicht, dass…“

Viel rausgehen

Meine Eltern waren früher in einer Wandergruppe, die sich regelmäßig für Touren verabredet hat. Und zu der Zeit, als wir uns noch nicht wehren konnten, mussten wir Kinder natürlich mit.

Was haben wir als Kinder also gemacht, um das schnöde Laufen irgendwie interessant zu machen? Wir haben gespielt. Wir haben Äste gesucht und so getan als würden wir wie Hexen darauf reiten. Wir haben umgefallene Baumstämme auf Tierchen und Moder untersucht.

Ob das wohl ein Tor zu einer anderen Welt ist? Ob man dieses Kraut für einen Trank benutzen kann? Wer wohl diesen Baum gespalten hat?

Es gibt, vor allem im Wald, so viele Dinge zu entdecken, dass es nicht nur Kinder inspiriert. Die Idee zu „Donner“ — eine der vier Kurzgeschichten, die ihr als Newsletter-Abonnent erhaltet — kam mir auf einer Hundeschlittentour im Winter, als wir unser Trinkwasser aus einem Wasserloch im See holen mussten.

… und dann umsetzen

Ideen gibt es, wie ihr seht, überall. Man muss sie aber auch einfangen. Dafür gibt es nun zwei Möglichkeiten:

Entweder ihr legt euch an den See bei herrlichstem Sommerwetter und nehmt euch vor, 10 Geschichtenideen aufzuschreiben, bevor ihr ins Wasser geht.

Oder ihr tragt immer ein kleines Notizbuch oder eine Notiz-App mit euch rum und notiert die Ideen während sie kommen.

Spinnt sie anschließend weiter und kombiniert sie.

Ideen zu finden ist also nicht sonderlich schwer. Das Schwierige kommt dann in der Umsetzung, wenn man all die Ideen in eine funktionierende Geschichte einbauen muss. Da entwickelt die Idee ein Eigenleben: Sie läuft davon und kleidet sich neu ein, präsentiert sich anders und wirft den überflüssigen Ballast ab. Eure anfängliche Idee hat am Ende womöglich nicht mehr viel mit der Geschichte zu tun.

Das ist aber nicht schlimm.

Eine Idee ist ja nur der Gedankenblitz, der das Ganze in Gang setzt. Sie ist der Hinweis, der eure Nase auf die Geschichte stupst.

Erst danach beginnt die Arbeit.

Wann kommen euch die besten Ideen? Was habt ihr kürzlich Kurioses gelesen, gehört oder gesehen?

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Wie ich mir die täglichen Gedanken aus dem Kopf schreibe

Wie ich mir die täglichen Gedanken aus dem Kopf schreibe

Vor etwa einem Jahr habe ich euch erzählt, dass ich jeden Tag 750 Wörter auf 750words.org schreibe. Keine Geschichten, sondern Gedanken, Gefühle, Ziele. Also all die Dinge, die einen den ganzen Tag über beschäftigen.

Doch wie sieht es heute damit aus?

Was ist 750words?

Die Idee ist abgeleitet von den sogenannten „Morning Pages“, die im Buch The Artist’s Way beschrieben werden. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber der Grundgedanke ist folgender:

Jeden Morgen soll man 3 Seiten handschriftlich alles aufschreiben, was einem gerade durch den Kopf geht. Dadurch wird der Kopf freier und man hat mehr Platz für die wichtigen — kreativen — Gedanken und Ideen.

Buster, der Macher hinter 750words.org, hat die drei Seiten auf etwa 750 Wörter umgerechnet und dafür eine Website erstellt. Dort schreibt man nun also eben das auf, was einem durch den Kopf geht.

Wozu ist das gut?

Für mich hat das Aufschreiben meiner Gedanken tatsächlich eine befreiende Wirkung. Ich habe damit viele Gedanken sortiert, oder eben einfach mal „laut gesagt“. Vor allem im Sommer letzten Jahres, als ich mich in einer schwierigen, nahezu ausweglosen beruflichen Situation sah, hat mir das Schreiben auch bei einigen Entscheidungen geholfen.

Ich habe mich jeden Morgen hingesetzt, und meine Gedanken in 750+ Wörter zusammengefasst: Ziele, Erfolge, Dankbarkeit, Missmut, Zusprachen… Alles, was man sicherlich sonst in ein Tagebuch schreibt, habe ich dort verewigt. Wenn ich fertig war, habe ich mich tatsächlich besser und für den Tag gewappnet gefühlt.

Und nun?

Tja, die große Frage ist, mache ich das immer noch?

Nein, tue ich nicht.

Wie, ich mache das nicht mehr, höre ich euch fragen. Ich hatte doch so davon geschwärmt!

Ich schwärme auch immer noch davon. Zumindest von der Idee. Die Umsetzung allerdings läuft momentan anders.

  • Ich mag keine Wortzahlziele. Das ist wahrscheinlich das größte Problem. Immer, wenn ich mir eine Anzahl an zu schreibenden Wörtern setze, passiert in meinem Kopf etwas komisches: Es geht plötzlich nur noch darum, das Ziel zu erreichen. Ganz oft habe ich mich dabei erwischt, wie ich nutzlose Dinge geschrieben habe („Ich weiß selber nicht, was ich noch schreiben soll, aber die 750 Wörter müssen ja voll werden.“ — 17 Wörter) nur um die Wortzahl voll zu bekommen. Das ist ja aber nicht Sinn der Sache.
    Ich kann besser mit Schreibzeitzielen umgehen. 15 Minuten sind 15 Minuten, auch wenn ich die letzten 5 Minuten davon keinen weiteren Buchstaben zu Papier bringe. Natürlich bringt es auch nichts, 15 Minuten lang auf den Bildschirm zu starren und dem Cursor beim Blinken zuzuschauen. Aber ich schreibe tatsächlich freier, wenn ich nicht ständig daran denke, wie viele Wörter es noch bis zum Ziel sind.
  • Ich bin nicht immer im Internet. So schön der Zukunftsgedanke bei einen Online-Tagebuch auch ist, ich habe nicht überall Internet. Wenn ich Familie besuche, die in der deutschen Pampa wohnt — man mag es kaum glauben, aber es gibt noch genügend Fleckchen in Deutschland, wo das Internet wirklich Neuland ist — dann habe ich keine Möglichkeit, mich auf 750words.org einzuloggen und zu schreiben. Die Seite soll es einem ja vereinfachen, seine täglichen Morning Pages zu schreiben und in einer idealen Zukunftswelt tut sie das auch. Nur leider nicht unbedingt für mich.
    Dazu kommt, dass man für seinen geschriebenen Tage Punkte bekommt. Die Punkte werden gestaffelt, je nachdem wie lange man schon hintereinander geschrieben hat. Wenn man einen Tag auslässt, dann sind das keine Punkt und an den folgenden Tagen jeweils weniger Punkte als davor. Das geht wieder gegen meine perfektionistische Natur, in der ich natürlich immer die höchstmögliche Punktzahl erreichen will. Nach einer Weile wurde das eine Frustrationsquelle (aber auch ein Thema für meine täglichen Wörter… ein Teufelskreis?).
  • Schnell zu tippen hilft mir weniger dabei, seine Gedanken zu sortieren. Ich kann recht schnell tippen und damit hatte ich die 750 Wörter auch recht fix fertig. Doch meine Gedanken kamen so schnell gar nicht hinterher. Ich war noch damit beschäftigt, mich innerlich über mein Asthma zu ärgern, da tippten meine Finger schon das nächste Thema des frustrierenden Kollegen an. Schließlich musste das ja auch effizient sein, die 750 Wörter mussten erreicht werden und ich auf Arbeit gehen. Am Ende fühlte ich mich eher gehetzt, von meiner eigenen Schreibgeschwindigkeit und dem Wissen, dass die 750 Wörter in 20 Minuten fertig zu sein hatten. Denn dann fuhr mein Bus.

750words.org adé. Hallo Zettel und Stift!

Ich schreibe noch immer viel mit der Hand. Nachdem nun alle der oberen Probleme ergründet und ergrübelt hatte, war die Antwort für mich eigentlich klar:

Die Methode im Internet funktioniert nicht. Aber eventuell funktioniert die originale Grundidee.

In The Artist’s Way soll man schließlich 3 Seiten handschriftlich zu Papier bringen. Und einige Studien belegen, dass das handschriftliche Schreiben die Menschen mehr mit dem Geschriebenen verbindet.

Ich holte also Zettel und Stift raus und schrieb drauf los. Meinen Frust, meine Ziele, meine Gedanken. Lösungen zu Problemen und Vorsätze. Danach warf ich das Papier in den Mülleimer.

Ich brauche kein schönes Moleskine-Journal und keinen Edelfüller dafür. Nur einen Zettel und einen Stift; und hinterher einen Mülleimer. Ich hebe die Gedanken nicht auf, dafür sind sie viel zu wirr. Ich will schließlich damit abschließen. Sie sollen raus aus meinem Kopf und Platz machen für Fokus auf andere Aufgaben.

Der Vorteil für mich ist auch: Das kann ich zu jeder Tageszeit, überall und egal wie lange machen.

Wenn ich auf Arbeit genervt bin, nehme ich mir fünf Minuten und schreibe den Frust von der Seele. Wenn ich abends einen schlechten Lauf hatte, heule ich kurz auf ein Stückchen Papier. Wenn ich morgens euphorisch in den Tag starte und sich alle Gedanken überschlagen, sortiere ich sie auf der Rückseite eines Schmierpapiers.

Und manchmal, da schreibe ich einfach nichts.

Der Sinn der Morning Pages ist es, dass der Kopf frei wird. Es ist ein Werkzeug für die Seele. Und das Werkzeug sieht bei jedem anders aus.

Manch einer liebt die Struktur, die 750words.org bietet. Ein anderer schwört auf Tagebücher, die er immer wieder liest. Und wieder andere sind wie ich — sie wollen den Kauderwelsch einfach nur los werden.

Wie sieht es bei euren Gedanken aus? Schreibt ihr Tagebuch? Oder grübelt ihr lieber innerlich?

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Temporale Versetzung – Eine Kurzgeschichte

temporaleversetzung

1950 gab es keine schwebenden Autos. Das ist schon der erste Hinweis für Martin Klein, dass mit seiner Zeitmaschine etwas nicht stimmt. Doch er ist auf der Suche nach seiner Kollegin Maria, ohne die er keine Gelder für seine Forschung bekommt. Und sie scheint ihm einige Schritte voraus…

Lesedauer: ca. 11 Minuten


Wenn es 1950 schwebende Autos gegeben hätte, dann hätte das sicher in den Geschichtsbüchern gestanden. Da aber davon nichts in den Geschichtsbüchern stand, schlussfolgerte Martin, dass er sich definitiv nicht im Jahre 1950 befand.

Als er aus der Zeitmaschine ausgestiegen war, hatte er zunächst geglaubt, dass er sich gar nicht bewegt hatte. Sein Labor hatte noch genauso ausgesehen, wie er es verlassen hatte. Sogar die Aufschrift an der Tür war noch dieselbe:

„Forschung der temporalen Versetzung – Martin Klein und Maria Antonia“

Auf dem Weg vom Keller in die Eingangshalle war ihm auch nichts besonderes aufgefallen. Er hätte schwören können, dass er sich noch immer im Jahr 2016 befand.

Nur fielen ihm eben jetzt die Autos auf, die draußen gute 20 Zentimeter über dem Asphalt schwebten. (mehr …)

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