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Ich schreibe, also bin ich … *seufz*

„Sie schreibt ein Buch.“

Es ist der 27. Dezember und ich sitze nichts ahnend in einer Kneipe beim Klassentreffen, als dieser Satz fällt.

Es gibt keine Fluchtmöglichkeiten und für alle Anwesenden am Tisch ist klar, dass ich gemeint bin.

Ich schreibe ein Buch.

Was???

„Hat dich das erschreckt?“ Ich nicke. „Sieht man.“

Themawechsel.

Äh ja, was bitte ist hier gerade passiert? Ich nehme erstmal einen riesigen Schluck Erdbeerschorle, um meine Nerven wieder zu beruhigen.

Das ist das erste Mal, dass jemand die Worte laut ausgesprochen hat. Also, so richtig laut und vor Menschen, die ich nicht zu meinem Freundeskreis zähle. Also vor Menschen, die nicht verpflichtet sind, mich zu mögen.

Und, entgegen der Erwartungen meines inneren Kritikers, ist die Welt nicht untergegangen. Niemand hat gelacht. Keine versteckten Kameras haben sich gezeigt und niemand hat mich für verrückt erklärt. Es war einfach nur eines dieser Dinge, die man beim Klassentreffen erzählt.

Einen Tag später sitze ich bei meiner Freundin — derselben Freundin, die beim Klassentreffen mal eben so erzählt hat, ich würde ein Buch schreiben — auf der Couch und sie lacht immer noch über meine Reaktion.

„Wieso hat dich das so überrascht?“

„Na, ich erzähle das nicht so.“

„Warum nicht?“

„Na, weil das so professionell klingt. So als wäre ich Autorin.“

„Aber du bist Autorin.“

Ich zucke wieder zusammen. Auch dieses Mal geht die Welt nicht unter. Niemand lacht.

Ich benutze das Wort nicht. Wieso eigentlich nicht?

Schließlich habe ich in den letzten zwei Jahren eine nicht unbedeutende Anzahl an Kurzgeschichten geschrieben und hier veröffentlicht. Und es stimmt ja auch: Ich schreibe ein Buch.

Trotzdem bekomme ich bei dem Wort „Autorin“ Bauchschmerzen. Es ist so… groß. Es beschreibt irgendwie andere Leute, nicht mich.

Das sind andere Leute.

Genau die gleichen Bauchschmerzen bekomme ich bei dem Wort „Läuferin“.

Seit ich vor ein paar Jahren mit dem Laufen begonnen habe, habe ich an ein paar Läufen teilgenommen. Vor anderthalb Jahren habe ich meinen ersten 10-Kilometer-Lauf in Lübeck absolviert.

Trotzdem würde ich mich selbst nie als „Läufer“ bezeichnen. Obwohl ich das tue, was ein Läufer tut — nämlich laufen.

Aber ich laufe nicht schnell. Meine Bestzeit auf die 10 Kilometer ist 1:11 (ja, ich weiß, Schnapszahl, juhuu…).

Ich weiß nicht, ab welcher Geschwindigkeit man in die heiligen Hallen der „Läufer“ aufgenommen wird, aber ich habe sie definitiv noch nicht erreicht. Und als Asthamtikerin werde ich sie sicherlich auch nie erreichen.

Sagt zumindest mein innerer Kritiker.

Wie verrückt ist das eigentlich? Wovor habe ich Angst? Wahrscheinlich genau vor den Leuten, die sich selbst als Läufer bezeichnen und dann von ihren „schlechten“ Läufen mit einem Pace von 5:15 min/km berichten.

(Falls der Vergleich nicht deutlich wird, auf 10 Kilometer wäre das eine Zeit von 51:50 Minuten…)

Ich möchte mich nicht als etwas bezeichnen, das ich nicht halten kann. Das klingt so… überheblich. Aber irgendwie auch traurig.

Worte haben Macht.

Lügner. Tochter. Freundin. Angestellte.

Wir nutzen diese und andere Titel, um uns und andere in Schubladen zu stecken. So sehr wir uns auch dagegen wehren, unser Gehirn versucht immer, Muster in unserer Umwelt zu erkennen, nach denen es agieren muss. Das spart nämlich Denkkraft.

Ja, unser Gehirn ist eine faule Socke.

Vielleicht ist es gerade deshalb so schwer, bestimmte Titel sich selbst zuzuschreiben: Wir passen nicht in das Bild, das unser Gehirn diesem Titel zugeschrieben hat.

Läufer sind ätherische Wesen; groß und schlank, schnell und gazellenähnlich schweben sie über den Asphalt. Ich dagegen bin eher eine Schildkröte, die jeden dieser verdammten 10.000 Meter durch Erdnussbutter waten muss.

Autoren sind ähnlich ätherische Wesen, deren Geschichten spannend und ergreifend, romantisch und fantasievoll sind. Sie haben auf jeden Fall einen Roman im Kopf, den sie zu Papier bringen. Ich dagegen schreibe Kurzgeschichten hier und da.

Ich gehöre einfach nicht in die Kategorie. Denke ich.

Andere Köpfe — andere Schubladen

Meine Freundin sieht das offensichtlich anders. Für sie war immer klar, dass ich Autorin bin.

Du bist, was du tust. Ich schreibe, also bin ich Autorin.

Überhaupt scheinen wir unterschiedliche Definitionen für bestimmte Titel und Merkmale zu haben. Sicherlich sind unsere eigenen Ansprüche immer höher als die der anderen.

Wenn ich im Park einem laufenden Menschen begegne, dann ist er für mich ein Läufer. Egal, ob er sich selbst so bezeichnet oder nicht.

Und wer schreibt, der ist Autor.

Oder Schriftsteller? Schreiber? Wortschmied? Weltenarchitekt?

Klein Anfangen

Okay, vielleicht ist es hier auch so wie mit dem Elefanten. Ich muss einfach mit dem kleinsten möglichen Schritt anfangen:

Ich kann es vielleicht nicht laut und vor anderen Leuten sagen. Aber ich kann es ganz leise sagen. Flüstern. Auf ein Stück Papier schreiben.

Denken.

Die Kurzgeschichten: Statusbericht und Sneak-Peak

Letzte Woche gab es für die Abonnenten meines Newsletters eine kleine Einsicht in die Kurzgeschichtensammlung. Heute auch für die Blogleser.

(Wer immer als Erstes alles erfahren möchte, sollte sich unbedingt für den Newsletter anmelden. Es gibt auch ein kleines Dankeschön 🙂 )

Ich bin in den letzten Wochen langsam wieder in meinen normalen Arbeitsalltag gekommen. Und so habe ich letzte Woche auch die erste der drei zusätzlichen — und noch streng geheimen! — Kurzgeschichten fertig geschrieben.

Na gut, was heißt schon „streng geheim“. Ein bisschen was kann ich ja entlüften. Schließlich ist es meine Geschichte. Also, für euch meine Lieben, die ersten Zeilen aus der neuen Kurzgeschichte:

Da war ein Schatten im Nebel. Und er sah menschlich aus.

Eve hatte sich gerade über eine Pflanze gebeugt und wagte es nicht, sich zu bewegen. Da sollte kein Schatten sein, sagte das Display an ihrem Handgelenk. Es bildete das Perimeter ab und sämtliche Lebensformen waren maximal Kategorie C. Die sollten ihr nicht mal bis zum Knie reichen.

Mit einer geübten Handbewegung zupfte sie die Pflanze aus dem umliegenden Gestrüpp und richtete sich auf.

Der Schatten war noch immer da.

„Hallo?“

Einen Versuch war es wert. Aber vergeblich. Ihre Intercom lieferte nur ein Rauschen zurück. Stille.
Eve schüttelte den Kopf und lachte kurz. Natürlich kam da nichts zurück. Sie war schließlich die Letzte im Quadranten EU5483. In ein paar Stunden würde er wie alle umliegenden Quadranten verlassen. Eve prüfte das Display noch einmal, doch die Ansicht war unverändert. Es flackerte und Eve musste ihren Arm ein wenig schütteln um das Bild zu beruhigen.

Bitte, gib jetzt nicht auf. Der Tracker war, wie auch das restliche Equipment, nicht für einen so langen Zeitraum ausgelegt. Aber die paar Stunden würde er doch hoffentlich noch durchhalten.

Vorsichtig machte sie ein paar Schritte auf den Schatten zu, doch der verschwand in den Nebelschwaden. Wahrscheinlich nur ein Baum. Eve konnte sich nicht erinnern, dort vor sechs Monaten einen Baum dieser Größe kartografiert zu haben. Aber sie konnte sich auch nicht erinnern, dass das Exemplar der Pflanze, die sie eben in den Händen hielt, vor sechs Monaten auch schon braune Blätter gehabt hatte.

Grundsätzlich war alles möglich.

Die Kurzgeschichte ist schon fertig und wartet aufgeregt auf ihr Debüt. Derzeit sitze ich an Kurzgeschichte Nummer 2 und auch die dritte Geschichte ist schon in Arbeit.

Ich freue mich schon sehr darauf, euch das nächste Schnipsel zu präsentieren, aber jetzt muss ich wieder zurück an die Geschichten. Denn es gibt eine interne Deadline, die ich einzuhalten gedenke!

Warum es keine leichten Geschichten gibt

Ich habe immer viele Ideen für Geschichten in meinem Kopf.

Oft geistern gleichzeitig mehrere kleine und große Ideen herum. So auch im letzten Jahr, als ich mich entschied, den großen Schritt zu einer längeren Geschichte zu wagen. Da hatte ich zwei.

Also, zwei konkrete Ideen, die schon groß ausgebaut waren in meinem Kopf. Zwei, von denen ich genau wusste, wohin ich damit wollte, was die Kernaussage war und weshalb ich diese Geschichte unbedingt schreiben musste.

Ich entschied mich für die leichtere.

Haha.

Wer hat beim letzten Satz lauthals gelacht? Wahrscheinlich nur ich, auch wenn das eher ein hysterisches Lachen war.

Wenn ich in den letzten Monaten eins gelernt habe, dann das: Es gibt keine leichten Geschichten.

Jede Geschichte ist in sich komplex und jede verlangt ihren eigenen kleinen Tod vom Autor. Ja ja, ich weiß wie dramatisch das klingt. Aber es fühlt sich ein bisschen so an.

Die Geschichte, die ich nicht gewählt habe

Eine Science-Fiction-Welt mit einer Protagonistin, deren Orakel ihr den Tod innerhalb eines Jahres voraussagt. Natürlich ist nicht alles so, wie es scheint. Vor allem nicht das allwissende Orakel.

Das war mein Projekt im letzten erfolgreichen NaNoWriMo. Ich habe dazu also schon einmal einen Entwurf geschrieben, der — bei Licht betrachtet — viel zu kurz und facettenlos ist. Allerdings habe ich bei der Ausarbeitung der Outline bemerkt, wie „schwer“ diese Geschichte für mich ist.

Ich entschied mich letztes Jahr also erstmal für den Weg des geringsten Widerstandes. Also: „alles, nur nicht das“.

Die Geschichte, die ich gewählt habe

Eine Urban-Fantasy-Geschichte, deren Protagonistin versucht, den Tod ihrer Cousine zu verhindern. Natürlich ist auch hier alles nicht so, wie es scheint. Vor allem nicht die vermeintliche Rettung besagter Cousine, die alles anscheinend nur noch schlimmer macht.

Die Geschichte war schon ziemlich klar in meinem Kopf geformt. Hier und da habe ich ein paar Details noch ergänzen müssen, aber sie schien mir als schon „da“. In meinem Kopf hatte ich sie ja schon geschrieben.

Also, entschied ich mich für dieses wunderbar leichte Projekt, das sicher ein super Einstieg in meine Buchschreiberei werden würde.

Der Irrglaube, dass es „leichte“ Geschichten gibt

Nein, die Geschichte ist nicht leicht. Ich sitze nun schon seit einiger Zeit an der Überarbeitung des ersten Entwurfs und habe nicht das Gefühl, etwas besser zu machen. Dabei hatte mich die depressive Phase im Januar voll im Griff, die fehlenden Erfolgserlebnisse, der düstere Dezember im Allgemeinen… und dazu leider noch ein Trauerfall in meinem Bekanntenkreis, der mich mehr aus der Bahn geworfen hat als ich es je vermutet hätte.

Das Leben hat mir so ziemlich alles an Steinen in den Weg gerollt, das es finden konnte. Als ich mich über Silvester bei meiner Freundin ausheulte, sagte sie — weise, wie immer:

„Das Universum gibt dir immer das, woran du jetzt in diesem Moment arbeiten musst. Hättest du all diese Widerstände nicht, würdest du nichts lernen.“

Recht hat sie. Doof ist das trotzdem.

Denn jetzt ist die Geschichte wichtiger als vorher. Ich habe neue Einblicke gewonnen, die ich mit einbauen muss. Und der Traum von dem „schnell geschriebenen Buch“ ist erstmal geplatzt.

Vielleicht war der sowieso utopisch.

Schließlich ist das mein erstes Buch und wieso sollte das leicht sein? Wieso sollte das schnell gehen? Es gibt doch so viel zu lernen, nicht nur über mich und das Universum und… ja, auch irgendwie den Tod.

Sondern auch über das Schreiben an sich.

Wenn ich auf meine ersten Kurzgeschichten zurück schaue, dann sind die nicht alle fantastisch. Im Gegenteil. Aber sie werden mit der Zeit immer besser. Manchmal vergesse ich, wie viel Zeit da drin steckt:

2 Jahre.

Ich habe den Blog seit zwei Jahren und mittlerweile 18 Kurzgeschichten hier veröffentlicht. Und trotzdem fällt mir das Schreiben an manchen Tagen immer noch unendlich schwer.

Ich habe geglaubt, ich könnte einfach – easypeasy – aus ein paar Kurzgeschichten extrapolieren und dann hätte ich einen Roman. Oder wenigstens eine Novelle. Aber ein Buch verlangt eben doch etwas ganz anderes.

Deshalb gibt es keine leichten Geschichten:

Weil jede Geschichte eine neue Lektion ist, die der Autor zu lernen hat.