Der Jahresrhythmus und das Schreiben

„Keine Blume blüht das ganze Jahr über. Erwarte das nicht von dir selbst.“

Seit wir Menschen mit der Erfindung des elektrischen Lichts völlig losgelöst von der auf- und untergehenden Sonne arbeiten können, macht sich unter uns der Glauben breit, dass wir zu jeder Zeit alles tun können. Der Tag hat 24 Stunden, und dann kommt die Nacht. Wir können rund um die Uhr aktiv sein, agieren, schaffen und arbeiten.

Die Eulen unter uns — diejenigen, die erst spätnachmittags zu Hochform auflaufen und dann bis weit nach Mitternacht arbeiten wollen — haben dadurch den enormen Vorteil, dass sie ihren Tagesablauf ihrem Sein anpassen können und nicht anders herum. Sicherlich gibt es noch einige andere Einflussfaktoren, wie die Arbeitszeiten des Arbeitgebers, aber das elektrische Licht war definitiv der Vorreiter für diese Entwicklung.

Den Lerchen — also denjenigen, die gerne zeitig aufstehen und Aufgaben gleich früh erledigen — bringt diese Errungenschaft eher in den dunklen Monaten etwas. Ich als Lerche musste mir nie großartig Gedanken darüber machen, ob ich lieber bis spät nachts wach bleiben möchte, um zu schreiben oder andere Aufgaben zu erledigen. Das geht natürlich, und bis zu einem gewissen Grad kann ich auch meine Abendaktivität für mich nutzen. Allerdings holt mich gegen 22 Uhr die Realität meist recht schnell ein und ich falle erschöpft in die Kissen.

Allerdings hat diese Entwicklung auch seine Tücken. Mehr und mehr geht es darum, rund um die Uhr tatsächlich aktiv zu sein. Mit dem Hinzukommen von Smartphones geraten die Tageszyklen völlig durcheinander. Auch Lerchen fühlen sich gezwungen, 21 Uhr noch Emails zu beantworten und Eulen werden morgens kurz nach 7 Uhr mit dem altbekannten „Pling“ aus dem Bett geholt.

Ich habe nie daran geglaubt, dass man sich so zum Sklaven der Technik machen muss. Ich schalte mein Telefon grundsätzlich 21:30 in den Schlafmodus und erst 6:30 wieder auf normal. Ich nehme mir meine sieben bis acht Stunden Schlaf in der Nacht, weil ich weiß, dass ich sie brauche.

Bislang hielt ich mich deshalb für sehr schlau und ausgeglichen.

Schließlich war ich so toll und hörte auf meinen Körper. Ich ging schlafen, wenn ich müde war, auch wenn ich länger hätte aufbleiben können. War das nicht genau das Richtige?

Kleiner Zyklus – Großer Zyklus

Doch es gibt nicht nur einen Tageszyklus, denn jeder Tag passt in ein großes Ganzes.
Sieben Tage füllen eine Woche, 30 Tage etwa füllen einen Monat und 365 Tage füllen ein Jahr. Mein Tag hat einen Zyklus, meine Woche hat einen — Arbeitstage und Wochenende — und mein Monat hat schließlich auch einen — viel Geld am Anfang, wenig Geld am Ende.

Warum habe ich noch nicht so bewusst gemerkt, dass auch mein Jahr einen Zyklus hat?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich den Sommer früher gehasst habe. Seit ich klein bin, habe ich Asthma, diverse Pollenallergien und Neurodermitis. Zusammengefasst hieß das für mich: der Zeitraum zwischen März und Oktober war geprägt von Schnupfen, Atemnot, Juckreiz und Hautausschlag. Vor allem der Hochsommer hat mich geplagt — so sehr, dass ich zwischen Juni und September oft gar nicht vor die Tür gegangen bin, außer ich musste zur Schule.

Allerdings hat diese Horrorgeschichte auch ein Happy End: Vor ein paar Jahren habe ich meine Ernährung umgestellt und bin seitdem größtenteils beschwerdefrei. Jetzt ist das Wichtigste an meinem Jahr der Sommer: zwischen Juli und September gibt es fünf bis sieben Wochen, in denen es mir gesundheitlich schlecht geht. Mein Asthma ist dann luftdruck- und pollenbedingt wieder so schlimm wie früher und jede Treppenstufe gleicht einem Himalaya, den es zu erklimmen gilt.

Okay, das Jahr hat also einen Zyklus, zumindest einen für meine Gesundheit.

Aber das Jahr hat auch einen Zyklus für meinen Geist.

Als ich letzte Woche versuchte, meine Gedanken und Ziele zu ordnen und in kleinere Elefantenstücke zu zerteilen, habe ich auch mal in meine Notizen aus dem letzten Jahr geschaut.

Und siehe da, im letzten Januar klang ich tatsächlich ähnlich ningelig wie jetzt.

Natürlich hatte ich im letzten Jahr gerade den Job gewechselt, einen Fernlehrgang zu erledigen und krampfhaft versucht, Kurzgeschichten zu schreiben. Da kann man schon mal ningeln, wenn ich das so sagen darf.

Auch in diesem Jahr ist der Januar nicht leicht: auf Arbeit muss der Jahresabschluss gemacht werden, mein Auto wollte letzte Woche nicht anspringen, es schneit und eist — was das Laufen unmöglich macht — und ich versuche krampfhaft, meine Kurzgeschichten und die Novelle zu schreiben.

Der Januar ist dunkel, nass und kalt.

Es gibt einen Grund dafür, warum viele Leute vor allem jetzt die bekannte „Winterdepression“ bekommen. Dafür ist der Januar nämlich perfekt, denn anders als der lichterfrohe und vorfreudige Dezember läutet der Januar eine Zeit des Zusammenreißens, der Diäten und des Unter-Druck-Setzens ein.

Pünktlich zum 01. Januar um kurz nach Mitternacht werden Pläne geschmiedet, Ziele gesetzt und neue Menschen geboren. Die M&Ms werden von den Schreibtischen entfernt, die Fitnessstudios werden besucht und die Gemüseabteilung im Supermarkt wird leer gekauft. Und das, obwohl der Januar der traurigste, depressivste und kälteste Monat in unseren Breitengraden ist.

Wenn man eine neue Gewohnheit in sein Leben integriert — wie eben das gesunde Essen oder mit dem Rauchen aufzuhören — dann ist das Umfeld ein ganz entscheidender Faktor für den Erfolg.

Wer keine Zigaretten kauft, raucht weniger. Wer Äpfel zu Hause hat und keine Schokolade, isst mehr Äpfel. Wer sein Mittagessen mit auf Arbeit nimmt, bestellt weniger beim Lieferservice.

Wer täglich mit dem Rad auf Arbeit fahren möchte und bislang nur mit dem Auto gefahren ist, sollte vielleicht nicht unbedingt jetzt damit anfangen.

Und wer eine Novelle über Todesengel schreiben möchte, sollte sich nicht wundern, wenn das im Januar schlecht funktioniert.

Generell sollte er sich nicht wundern, wenn alles einfach schlechter funktioniert im Januar. In diesem Monat des Endorphin-Entzugs und Vitamin-D-Mangels. In diesem Monat der Jahresabschlüsse und Zielsetzens. In diesem Monat des Stresses und des Drucks.

Ich halte mich ziemlich gut an den Tagesrhythmus. Ich arbeite tagsüber und schlafe nachts.

Vielleicht ist es an der Zeit, auch den Rhythmus des Jahres zu akzeptieren.

Frühling – die Zeit des Erwachens

Sommer – die Zeit des Lebens

Herbst – die Zeit des Erfüllens und Beendens

Winter – die Zeit der Regeneration

Und vielleicht ist es an der Zeit, die Ziele und Pläne entsprechend anzupassen.

Kommentar verfassen