Der Sprung ins Lektorat

Ich habe ein ziemlich genaues Bild von der Geschichte, die ich derzeit schreiben will.

Ich habe außerdem ein ziemlich genaues Bild von der Geschichte, die ich derzeit geschrieben habe.

Die beiden Geschichten sind nicht identisch.

Das Wust des ersten Entwurfs

Nachdem ich den ersten Entwurf fertig gestellt und mein Siegersektchen geschlürft hatte — gut, ich gebe zu, es war mehr eine Siegerschokolade — habe ich meine schöne, tolle Geschichte ausgedruckt.

Und nachdem ich meine schöne, tolle Geschichte gelesen hatte, war sie nicht mehr ganz so schön und nicht mehr ganz so toll.

Meine Protagonistin war eine blöde Kuh, ihre Freundin offensichtlich bipolar. Nach etwa der Hälfte habe ich einen Nebencharakter plötzlich völlig ignoriert, dafür aber besagter Freundin eine Affäre angedichtet. Der mysteriöse, dunkle Typ mauserte sich plötzlich zu knatschenden Gartenzwerg und der große Twist am Ende kam zwar unerwartet, dafür aber irgendwie als Erlösung.

Kurzum, meine Geschichte war so gar nicht das, was ich ursprünglich im Sinn hatte.

Der Traum von der perfekten Geschichte

Meine Protagonistin soll eine sympathische Figur sein, sicherlich am Anfang etwas hilflos und passiv, doch nach einer Weile sehr wohl aktiv an der Handlung beteiligt. Ihre Freundin soll liebevoll sein; von mir aus kann sie die Affäre auch haben. Der mysteriöse, dunkle Typ soll gefälligst mysteriös und dunkel bleiben. Und der Twist am Ende soll unerwartet kommen.

Und vor allem soll das Buch Lust auf mehr machen.

Der geneigte Leser soll schließlich begeistert sein von der Geschichte. So begeistert wie ich, als ich sie mir ausgedacht habe.

Der schwere Weg dazwischen

Und irgendwie muss ich nun aus dem total verrückten Chaos, das ich geschrieben habe, die Geschichte zaubern, die ich in meinem Kopf habe.

Das ist gar nicht so leicht.

Es scheint zeitweise sogar so schwer, so utopisch, so unmöglich, dass mein Kopf schon einige Vermeidungstaktiken auf mich losgelassen hat. Und mit „Vermeidungstaktiken“ meine ich „Stardew Valley“.

Aber nein, ich lasse mich nicht von meinem Zigarre rauchenden inneren Kritiker ins Bockshorn jagen. Der reibt sich nämlich schon seine Hände und freut sich, dass ich scheinbar erkannt habe, dass das „sowieso nie was wird mit dir und dem Buch“. Doch da hat er sich getäuscht.
Ich habe mich nämlich vorbereitet.

  • Ich habe die gefundenen Probleme in vier Kategorien unterteilt: Storyline, Charaktere, Setting und Anderes.
  • Ich habe für jedes Problem eine Lösung anvisiert und an entsprechender Stelle im Manuskript markiert.
  • Und nun werde ich Problem pro Problem hierarchisch durchgehen, und die entsprechenden Lösungen in das Manuskript einbauen. Zuerst kommen die Storyline-Probleme, danach wird an den Charakteren gefeilt, dann kommen die Beschreibungen und zu guter Letzt noch der ganze komische Rest.

Ein Plan ist nur so gut wie seine Ausführung

Das klingt ziemlich durchdacht. Und ja, ich habe mir diese Vorgehensweise von jemandem abgeschaut, in der Hoffnung, dass es Licht ins Dunkel bringt.

Das hat es auch. Vor allem aber hat es ein sehr großes Problem beleuchtet, das nichts mit der Geschichte zu tun hat: Ich habe Angst.

Ich habe Angst davor, anzufangen und etwas falsch zu machen. Angst davor, zu scheitern und mit diesem Blog auch noch relativ öffentlich. Angst davor, dass die Geschichte sich nicht so schreiben lässt, wie ich sie mir vorstelle.

Und diese Angst hat mich auch in den letzten Wochen davon abgehalten, tatsächlich anzufangen.

Es ist, als ob ich die Geschichte noch einmal anfange. Denn irgendwie tue ich das ja.

Oder nein, es ist vielmehr als wöllte ich im Sommer in einem See baden gehen. Ich weiß, wie man schwimmt. Aber das Wasser ist kalt und ich war noch nie dort baden. Gibt es dort Fische, die mich anknabbern wollen? Trete ich irgendwo auf eine Glasscherbe? Wie tief ist das Wasser eigentlich?

Könnte ich ertrinken?

Doch ich gehe trotzdem jeden Sommer baden. Denn all diese Gedanken sind nicht wichtiger, als das Gefühl, sich im Wasser abzukühlen und die Bahn bis in die Mitte und wieder hinaus zu ziehen.

Genauso ist es beim Lektorat.

Ja, ich kann die Geschichte schlimmer machen, als sie schon ist. Ja, ich kann auch beim Lektorat falschen Fährten folgen und am Ende Sachen rein schreiben, die ich wieder lösche. Und ja, ich kann scheitern.

Aber all diese Zweifel sind nicht groß genug, um mich abzuhalten. Denn sie wiegen nicht so viel wie die Vorstellung, mein erstes eigenes Buch in den Händen zu halten.

Also, auf in’s Lektorat!

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