Es ist vollbracht. Panik setzt ein.

Am Mittwoch habe ich meiner Freundin auf Whatsapp geschrieben:

Es ist vollbracht. Die Panik setzt ein.

Sie war Gott sei Dank beschäftigt, sodass ich mich in meine Panik nicht reinsteigern konnte. Stattdessen habe ich mir eine Folge Elementary angesehen und ein Buch fertig gelesen.

Ich kann ihr Augenrollen förmlich vor mir sehen, obwohl wir in unterschiedlichen Städten wohnen. Sie versteht nicht, warum für mich das Fertigstellen meiner Geschichten für die Sammlung eine Panik auslösen sollten.

Sollte ich nicht eher jubeln und einen Sekt aufmachen? Oder zumindest einen Gintonic trinken?

Ja, sicherlich. Aber mein innerer Kritiker ist natürlich wieder übermäßig laut. Und jetzt noch übermäßiger als vorher, denn: Jetzt gibt es keine Ausrede mehr.

Die Geschichten sind fertig. Die Widmung ist drin, die Danksagung auch. Mittlerweile liegt eine Version beim Korrekturleser. Das Cover ist in Arbeit.

Früher oder später muss ich mich dem Ganzen stellen und die Sammlung veröffentlichen.
Das macht angreifbar, verletzlich. Und für einen Perfektionisten wie mich ist das allemal Grund zur Panik. Wenn auch ein irrationaler Grund.

In solchen Momenten denke ich gerne an ein Interview mit einer Autorin, die sinngemäß sagte:

Ich bin kein Arzt. Niemand stirbt, wenn ich einen Fehler mache. Es sind nur Wörter auf Papier.

(Ich wünschte wirklich, ich würde mir mehr Notizen dazu machen, wenn jemand etwas Tolles sagt. Ich habe wirklich keine Ahnung mehr, wer diese Weisheit von sich gegeben hat.)

Natürlich hilft das auch nur in Ansätzen. Diese Ur-Angst ist trotzdem noch da, auch wenn ich mein Bestes tue, mich nicht davon einschüchtern zu lassen.

Denn ich freue mich trotzdem riesig darauf, euch das Buch bald vorzustellen. Und ich hoffe natürlich, dass es euch beim Lesen mindestens genauso viel Spaß macht, wie es mir beim Schreiben Spaß gemacht hat.

Auch, wenn es nicht perfekt ist.

Und zum Schluss noch ein kleiner Vorgeschmack auf die zweite „Extrageschichte“ in der Sammlung:

Das Licht geht zum dritten Mal an.

Ich bin also seit drei Tagen hier. Sie haben das Licht drei Mal aus und wieder angeschaltet. Das heißt doch, dass es drei Tage sind, oder?

Ich mache meine Augen nicht gleich auf. Die Wände meiner Zelle sind weiß, genau wie die Decke, der Tisch, der Stuhl, die Laken meines Bettes und was auch immer sie mir hier zum Anziehen gegeben haben. Das Licht ist zu grell.

Alles, bis auf das Rührei, das auf dem weißen Teller — auf einem weißen Tablett, mit einer weißen Plastikgabel — liegt und durch eine kleine Öffnung durch die Tür geschoben wird. Es riecht dafür nach nichts, nicht einmal nach Wärme.

Sie werden heute wieder kommen, die Männer in den weißen Kitteln. Seit drei Tagen fragen sie mich immer dasselbe und ich antworte immer dasselbe.

„Willst du darüber reden?“ fragen sie.

„Worüber?“ frage ich.

„Über das, was passiert ist“, sagen sie.

„Was ist denn passiert?“ frage ich.

„Also nicht.“

Sie kommen, sie fragen, sie gehen. Und dann wird es dunkel.

Draußen ertönen Schritte, die Tür wird aufgerissen und jemand kommt herein. Die Leute wechseln ein paar geflüsterte Worte, die ich nicht ausmachen kann.

Die Tür wird wieder geschlossen. Schritte führen zum Tisch, ziehen den Stuhl näher an mein Bett heran. Ich möchte eigentlich nicht aufsehen, aber meine Augen gehen wie von allein auf.

Da ist Farbe.

Ich richte mich in meinem Bett auf. Es ist ein ungewöhnlich gemütliches Bett für eine Zelle.

Auf dem Stuhl sitzt eine Frau. Sie ist etwa im Alter meiner Mutter und trägt ihre Haare — genau wie meine Mutter — in einem Dutt. Auf ihrem Schoß liegt ein weißer Hefter und sie sieht mich erwartungsvoll über ihre Brillengläser an.

Ihr Kleid ist strahlend blau.

Die Geschichte trägt den Titel Weißer Hase und ich bin schon sehr gespannt darauf, wie ihr sie findet.

2 thoughts on “Es ist vollbracht. Panik setzt ein.

  1. Luise

    Hi Care,

    es ist wirklich bewundernswert, wie ehrlich du über deine Ängste, Sorgen und Erfahrungen im Blog schreibst. Ich würde deinen zuletzt beschriebenen Zustand zwar nicht gleich als Panik beschreiben, eher als große Aufregung oder Respekt vor den nächsten Schritten; aber nun gut 😉

    Hier noch etwas, das als Mutmacher gedacht ist: Du berichtetest ja selbst einmal, dass Kurzgeschichten-Schreiber in Deutschland so gut wie nicht existieren. Das heißt, wenn dein feines Büchlein auf dem Markt ist, hast du so gut wie keine Konkurrenz. (Kein „Goethe“, mit dem du verglichen werden kannst). Klar, musst du dir deine Leserschaft hart erkämpfen, aber das muss wohl jeder Jungautor. Du hast freie Kapazitäten, dich auszubreiten und auszuprobieren und zu wachsen. Und spätere Kurzgeschichtenerzähler werden es dir sicher danken über deinen Erfahrungsschatz.

    Beste Grüße und fleißiges Tippen wünscht

    L.

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    1. Care Post author

      Liebe Luise,

      danke für deine aufmunternden Worte!
      Mittlerweile ist die Panik auch einem allgemeinen Hochgefühl gewichen. Es hat wohl ein paar Tage gedauert, bis ich realisieren konnte, dass es jetzt in greifbarer Nähe ist. Schon ein bisschen aufregend.

      Liebe Grüße,
      Care

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