Glitzern im Wasser – Eine Kurzgeschichte

Wenn Max‘ Eltern nicht so arm wären, dann müsste er nicht im Boot sitzen und angeln. Aber wenn er nicht angeln müsste, hätte er die Frau nie getroffen. Die Frau, die ihm Fische schenkte. Und ihr Geheimnis…

Lesezeit ca. 20 Minuten


Die Sonne brannte ihm auf den Kopf. Hier in der Mitte des Sees gab es keinen Schatten und sein Hut lag zu Hause.

Es war zu spät, an Land zu rudern und ihn zu holen. Wenigstens heute musste er einen Fisch fangen. Schon in den letzten Tagen war er immer mit leeren Händen nach Hause gekommen und langsam konnte er die Blicke seiner Eltern nicht mehr ertragen.

Sie waren nicht mal böse, nein. Sie sahen Max mit einer Mischung aus Verständnis und Trauer an, als ob sie ihm keine Vorwürfe machen wollten, wenn er seinen Teil zum Lebensunterhalt der Familie nicht beitrug. Der Blick an sich aber war schon Vorwurf genug.

Er fand nur die Plane, mit der er das Boot bei Regen abdecken konnte. Dann musste er sich darunter verkriechen, wenn er keinen Sonnenstich bekommen wollte. Egal, wie heiß es darunter war.

Max kontrollierte noch einmal, ob er die Angel richtig am Boot befestigt hatte und verschwand dann in die stickige Dunkelheit.

An Tagen wie diesen wünschte er sich, dass er nicht angeln gehen müsste. Dass seine Eltern genug mit dem Verkauf des angebauten Gemüses verdienen würden, damit er an einem heißen Sommertag einfach wie alle anderen in seinem Alter am Strand des anderen Sees liegen und sich richtig sonnen könnte. Stattdessen musste er hier in dem Tümpel sitzen und darauf hoffen, dass endlich mal ein paar Fische anbissen, die sie entweder abends essen oder auf dem Markt verkaufen konnten.

Es war nicht fair, dachte er, und sofort kroch das schlechte Gewissen in ihm hoch. Es war nicht die Schuld seiner Eltern, dass Mutter Natur es mit ihrem Garten nicht gut meinte. Und sie hatten so viel, wofür sie dankbar sein konnten: Das Dach war dicht, sie waren alle drei gesund und die Nähe ihres Hauses zum Wald bedeutete, dass sie im Winter immer schnell Feuerholz fanden.

Da war es doch sein geringstes Problem, dass er Susanne heute nicht in ihrem Badeanzug sehen konnte.

Obwohl das durchaus ein großes Problem war, wenn er die anderen Jungs richtig verstand.

Die Angel zuckte und riss Max aus seinen Gedanken. Er zog sich die Plane vom Kopf und blinzelte in die knallende Mittagssonne. Blind tastete er sich am Bootsrand entlang zu seiner Angel.

Er begann die Schnur aufzufädeln, doch immer wieder rutschte die Angel in seinen verschwitzten Händen ein Stück weiter weg. Mit halb geschlossenen Augen und verkrampften Fingern kämpfte er mit seinem Fang. Da musste etwas wirklich Großes angebissen haben.

Und plötzlich waren seine Hände leer.

Mit einem dumpfen Platschen versank die Angel im Wasser. Max blickte für eine Sekunde hinterher, beugte sich über den Rand seines Bootes und noch bevor er sich überlegen konnte, ob er hinterher springen sollte, kippte das Boot zur Seite und tauchte ihn ebenfalls ins Wasser.

Es war überraschend dunkel da unten. Und überraschend kalt.

Nicht einatmen, dachte er nur. Die Angel war nur wenige Zentimeter von seinen Händen entfernt. Zwei kräftige Schwimmzüge vielleicht und er würde sie zu packen bekommen. Er streckte seine Hand aus, als er plötzlich im Augenwinkel etwas Helles auf sich zukommen sah. Er zuckte herum und öffnete, entgegen seines Instinktes, den Mund zu einem stummen Schrei.

Und dann wurde es richtig dunkel.

 

***

 

Das Gesicht, das Max entgegen blickte, als er die Augen wieder öffnete, war schneeweiß.

Schneeweiß und wunderschön.

Die Frau lächelte ihn an und kicherte dann stumm hinter vorgehaltener Hand, als Max vorsichtig seine eigene Hand vor Augen hielt.

Um ihn herum war es noch immer dunkel, kalt und vor allem nass. Seine Augen, auch wenn er sie bis eben geschlossen hatte, schienen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt zu haben. Er konnte nun deutlich den Boden unter sich erkennen, auf dem er gelegen hatte. Unter seinem Kopf lag ein mit Algen überzogener Stein. Grünliche Blätter wiegten sich in der leichten Strömung.

Die offenen Haare umspielten das Gesicht der Frau und ihr weißes Kleid erinnerte ihn an das Nachthemd seiner Mutter. Sie berührte seine ausgestreckten Finger. Ihre Haut war warm.

Wieder kicherte sie, doch dieses Mal konnte er das Geräusch deutlich in seinem Kopf hören.

Nicht einatmen, schoss es Max durch den Kopf. Er musste nach oben.

Seine Füße stießen sich wie von selbst vom Boden ab und seine Arme begannen zu rudern. Die Frau schwamm mühelos neben ihm her. Um ihn herum. Sie lächelte und Max hatte Schwierigkeiten, sich zu erinnern, warum er unbedingt nach oben musste. Was war oben?

Natürlich, seine Eltern.

Wo war seine Angel?

Das Licht über ihm wurde langsam heller und seine Arme ruderten immer schneller. Ein dumpfer Schmerz machte sich in seiner Brust breit. Er musste sich konzentrieren, dass er den Mund nicht wieder auf machte.

Nein. Nicht einatmen.

Der Durchbruch an die Oberfläche kam überraschend, aber trotzdem keinen Moment zu früh. Mit einem Schluchzen füllte sich seine Lunge mit Luft, nur damit er im nächsten Moment von einem Hustenanfall geschüttelt wurde. Seine Arme arbeiteten Gott sei Dank noch immer von allein, sodass er sich ganz darauf konzentrieren konnte, seine Atmung zu kontrollieren.

Das Boot schwamm, mit der richtigen Seite nach oben, nur wenige Meter von ihm entfernt. Als er es erreichte, zog er sich mit letzter Kraft hinein. Fast glaubte Max, das Boot würde wieder kentern, doch es beruhigte sich. Atemlos lag er auf der Plane, unter der er eben noch vor der Sonne Schutz gesucht hatte.

Was war das gewesen?

Wer war diese Frau im See?

Sie konnte definitiv besser tauchen als er.

Irgendetwas stach ihn in den Rücken und als er unter sich tastete, spürte er seine Angel. Er drehte sich langsam zur Seite, um sie hervorzuholen. Sein Boot wackelte verdächtig. So schnell wollte er nicht noch einmal ins Wasser.

Hatte er sie nicht vorhin im See verloren? Nur deshalb war er schließlich gekentert. Aber wenn er gekentert war… Wieso lag dann seine Plane noch wie unberührt im Boot? Und was war das dort hinten bei seinen Füßen?

Ungläubig griff er nach dem Korb. Er war verdächtig schwer und als Max ihn öffnete, sah er Fische darin. Nicht nur einen oder zwei, nein. Sein Korb war halb voll mit Fischen.

Max rieb sich die Augen. Sein Kopf schmerzte. Vielleicht hatte er auch nur geträumt? Vielleicht war er gar nicht in den See gefallen. Vielleicht hatte er einen Sonnenstich bekommen und konnte sich deshalb an nichts erinnern.

Vielleicht aber träumte er jetzt. Vielleicht war er gestorben und das hier war der Himmel. Ein Himmel mit Fischen und nicht verloren gegangenen Angeln.

Nein, die erste Variante gefiel ihm besser.

In Anbetracht des Korbinhalts und seines offensichtlich angeschlagenen Gesundheitszustands beschloss Max, nach Hause zu gehen. Ungläubig ruderte er an Land und machte das Boot am Steg fest.

 

***

 

„Wie hast du das gemacht?“

Max’ Mutter sah ihn mit großen Augen an. Dann wanderte ihr Blick wieder zu dem Korb, den er ihr auf den Küchentisch gestellt hatte.

„Du siehst das also auch, ja?“, fragte Max. Es beruhigte ihn, dass er nicht halluzinierte und in dem Korb wirklich Fische waren. Fische, die er sich nicht erinnern konnte, gefangen zu haben.

„Natürlich sehe ich das, mein Junge.“ Sie küsste ihn auf die Stirn und ihr Lächeln hätte den Nachthimmel erleuchten können. Er hatte sie lange nicht so lächeln sehen. „Du hattest heute wohl den richtigen Köder dabei?“

Sie nahm den Korb vom Tisch und begann, die Fische zu putzen. Nach dem fünften Fisch musste Max sich abwenden. Er konnte den Anblick nicht mit seinen Erinnerungen vereinbaren. Und die weiße Frau, deren Gesicht immer noch vor seinen Augen herum geisterte, war keine große Hilfe.

Er täuschte Müdigkeit vor und verzog sich in sein Bett. Seine Mutter sang in der Küche ein Lied und nach einer Weile hörte Max die schweren Schritte seines Vaters. Stumm lag Max auf seiner Matratze und lauschte der guten Laune seiner Eltern. Einige der Fische würden sie in Salz einlegen, damit sie für den Winter einen Vorrat hatten.

Einen Vorrat.

An Fisch.

Wann hatten sie das letzte Mal einen Fischvorrat für den Winter angelegt? Das musste schon eine ganze Weile her sein, denn Max konnte sich nicht erinnern.

Er wollte nach unten gehen und seinen Eltern erzählen, dass er die Fische nicht gefangen hatte. Doch wie sollte er ihnen erklären, dass er sie gefunden hatte? Dass er in den See gefallen war und…der See ihm die Fische geschenkt hatte?

Verrückt, sagte er sich und schüttelte den Kopf.

Das Gesicht der Frau aus dem See aber konnte er nicht verscheuchen. Es blieb selbst, als er nach Stunden schließlich die Augen zu machte und einschlief.

 

***

 

Der See sah anders aus. Größer. Tiefer. Geheimnisvoller.

Trotz seines Angelerfolgs am Vortag — wenn man es denn so nennen konnte — war Max auch heute wieder mit seinem Boot in die Mitte des Sees gerudert und hatte die Schnur ins Wasser gehängt. Die Sonne war durch Wolken verdeckt.

Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er sich über den Rand des Bootes lehnte und das Wasser unter sich absuchte. Wonach, wusste er selbst nicht.

Gestern musste ein Traum gewesen sein. Er hatte einfach zu viel von der Sonne abbekommen und das Angeln an sich war schon so automatisch, dass sein Gehirn die Erinnerung einfach gelöscht hatte.

Dennoch schien ihm das Wasser jetzt um einiges unheimlicher als sonst. Vielleicht war das auch einfach nur das Wetter. Seine Mutter hatte ihn gewarnt, heute nicht zu gehen. Sie hätten doch genügend Fisch für die nächsten Tage. Doch er wollte die Glückssträhne, die er gestern anscheinend gefunden hatte, noch ein wenig auskosten.

Eine Bewegung im Wasser ließ ihn aufschrecken.

Hatte er dort etwas vorbei schwimmen sehen? Etwas Weißes? Seine Angel hing ruhig im Wasser. Bislang hatte noch kein Fisch angebissen.

Vielleicht doch keine Glückssträhne.

Da war es wieder, diesmal war er sich sicher. Ein Stofffetzen rauschte an seinem Boot vorbei und verschwand wieder in der Tiefe. Hatte jemand etwas verloren?

Angespannt starrte er auf das Wasser bis die Bewegung erneut kam. Er streckte seine Hand aus, doch der Stoff schien weiter weg als er angenommen hatte. Er beugte sich über.

Dass er wieder kentern würde, ahnte er zu spät. Das kalte Nass schwappte über ihm zusammen.

Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Sie weiteten sich bei dem Anblick, der sich ihm bot. Keinen halben Meter vor ihm schwamm die Frau von gestern. Sie lächelte. Max fand sie noch immer wunderschön. Ihr weißes Kleid wog sich in der Wasserströmung und nun war er sich sicher, dass er sie gesehen hatte. Gestern und eben, als sie an seinem Boot vorbei geschwommen war.

Wer war diese Frau? Und wie konnte sie so lange die Luft anhalten?

Sie öffnete den Mund für ein Lachen, dass er in seinem Kopf hören konnte.

„Hallo Fremder“, hörte er ihre Stimme. Sie klang wundervoll. Aber wie konnte er sie hier, unter Wasser, hören? „Mir ist langweilig.“ Sie zog einen Schmollmund und Max war sofort klar, dass er ihr jeden Wunsch erfüllen würde. Wenn er denn könnte. Er musste mal Luft holen.

Doch über ihm war nur Dunkelheit. Die Sonne, die er eben noch hatte sehen können, war verschwunden. Wo war denn oben eigentlich?

„Hab keine Angst“, sagte sie. Er sah, dass sich ihr Mund nicht bewegte, und doch wusste er, dass es ihre Stimme war. „Hier brauchst du das nicht.“ Sie kam auf ihn zu und nahm seine Hand. Sie fühlte sich genauso warm an wie gestern. Kichernd zog sie ihn hinter sich her, tiefer ins Wasser.

Sie schwamm zwischen Pflanzen hindurch, tanzte mit den Fischen und zeigte ihm Steine. So viele glitzernde Steine. Er fragte sich, ob er sie im Ort würde verkaufen können. Das könnte bestimmt eine hübsche Summe einbringen. Doch seine neue Freundin warf ihm einen finsteren Blick zu. Es war ihm Verbot genug.

Max folgte ihr durch das Wasser, der Gedanke an Luft völlig vergessen. Wer brauchte schon Luft, wenn er dieses Lachen hören konnte?

Das musste ein Traum sein. Ganz bestimmt.

Sie verschwand in einem Dickicht von Seetang. Ihr weißes Kleid war die einzige Lichtquelle im Wasser, alles andere in völlige Dunkelheit getaucht. Er schob den Tang beiseite, doch sie war verschwunden.

Wo war sie hin?

Er traute sich nicht, seinen Mund zu öffnen um nach ihr zu rufen. Doch was hätte er auch rufen sollen? Er kannte nicht mal ihren Namen.

Plötzlich spürte er ein Stechen in seiner Brust.

Was tat er hier unten eigentlich?

Über ihm glitzerte ein Lichtstrahl, weit entfernt. Die Sonne. Die Oberfläche. Luft. Ja, Luft, fiel ihm plötzlich ein. Der Schmerz in seiner Lunge wurde stärker. Er stieß sich mit den Füßen vom Boden ab. Mit wenigen Schwimmzügen durchbrach er das Wasser.

Die Dämmerung hatte schon eingesetzt. Hektisch sog er Luft in seine Lungen. Sein Boot war nicht weit von ihm entfernt.

Da war der Korb, seine Angel auf dem Boden des Bootes und die Plane, sorgfältig zusammengefaltet. So hatte er sein Boot nicht verlassen. Sein Boot war, genau wie gestern, gekentert. Doch hier war es nun, trocken und unversehrt, mit allem, was dazu gehörte. Vorsichtig öffnete er den Korb.

Beim Anblick der Fische darin hörte er ein Lachen in seinem Kopf.

 

***

 

Am nächsten Tag machte Max sich ohne die Angel auf den Weg. Seine Mutter war fast in Tränen ausgebrochen, als er ihr gestern den vollen Korb gezeigt hatte. Sie hatte den ganzen Abend damit verbracht, die Fische zu salzen. Von seinem Vater hatte er sogar einen anerkennenden Händedruck erhalten. Er war ein zurück haltender Mann, sein Vater, da wog das noch viel mehr.

Er hätte an diesem Tag alles machen können. Er hätte tatsächlich, so wie er es vorgestern ersehnt hatte, den anderen zum Badesee folgen und mit Susanne reden können. Doch vorgestern schien so weit entfernt und Susanne, so schön sie auch sein mochte, verblasste gegen die Frau aus dem See.

Max ruderte mit dem Boot in die Mitte des Sees und sprang ins Wasser. Es war überraschend warm, auch wenn er heute auf sein Hemd verzichtet hatte. Als er die Augen öffnete, schwamm sie vor ihm.

„Du bist zurück“, hörte er sie sagen. Sie klang überrascht, aber froh. Er nickte. Noch immer wagte er nicht, den Mund unter Wasser zu öffnen. Aber wie sonst sollte er sich mit ihr unterhalten können? „Komm“, sagte sie und schwamm davon.

Max wusste, dass der See eigentlich gar nicht so groß war. Er wusste auch, dass er nicht allzu tief war, sonst hätte er sich in den letzten Tagen nicht so schnell vom Grund an die Oberfläche bewegen können. Aber die Welt hier unten erschien ihm plötzlich so riesig. So geheimnisvoll.

Es gab so viel zu entdecken und sie wollte ihm alles zeigen. Diese wunderschöne Frau wollte ihren Tag mit ihm verbringen. Das konnte er spüren.

Er folgte ihr durch das Wasser, das ihm heute gar nicht mehr so dunkel erschien. Das Leuchten ihres Kleides war ihm Wegweiser genug. Sie schwamm Kreise um ihn herum, kicherte, ließ sich von ihm fangen nur um kurz darauf wieder davon zu schweben. Mit jedem Lachen ihrerseits machte sich eine Wärme in ihm breit.

Irgendwann hielt sie an. Er fragte sich immer noch, wie sie hieß, doch das schien mittlerweile nicht mehr wichtig zu sein. Sie war wunderschön.

Als sie ihn küsste, wusste er, dass sie ihm gehörte.

Der verräterische Schmerz in seiner Brust kam viel zu früh. Er wusste, dass ihre Zeit um war, wenn seine Lungen nach Luft verlangten. Sie sah traurig aus, als sie sich zwischen den Seetang zurück zog.

 

***

 

„Du warst heute lange weg“, sagte seine Mutter, als er bei Nachteinbruch das Haus erreichte. Seine Haare trieften noch vor Wasser. Der Weg hierher war ihm unendlich lang vorgekommen.

„Ich war schwimmen“, antwortete er. Es war die Wahrheit und doch kamen ihm die Worte schwer aus dem Mund. Die Schritte hier her hatten ihn Kraft gekostet, er keuchte. Mühsam stellte er den Korb mit den Fischen auf den Tisch, die er nach seinem Auftauchen in seinem Boot entdeckt hatte.

Er wusste nun, dass seine Freundin ihm die Fische schenkte, damit er zu ihr kommen konnte. Wenn er nicht angeln musste, hatte er mehr Zeit für sie.

Sein Vater saß am Tisch und löffelte eine Suppe. Sie roch gut, doch Max verspürte keinen Hunger. Seine Gedanken hingen immer noch beim See.

„Wenn du so weiter machst, gibt es in dem See bald keine Fische mehr“, sagte sein Vater zwischen zwei Löffeln Eintopf. Er klang nicht wirklich besorgt. Max nickte stumm.

Sein Vater wusste nicht, dass es dort unten eine riesige Welt gab, die voll von Fischen war. So viele Fische.

Aber nur eine Frau.

Es war warm im Haus, doch Max fröstelte trotzdem. Er versuchte zu husten, um seine Lungen wieder auf Trab zu bringen. Doch irgendwie schaffte es die Luft nicht ganz hinein.

„Du wirst doch wohl nicht krank werden?“ Eine Hand legte sich auf seine Stirn, angenehm kühl. Aber trocken, wie Sandpapier. Besorgt sah ihn seine Mutter an. „Du solltest dich ausruhen.“

Er lehnte die Suppe ab, die sie ihm nach oben brachte und wickelte sich in seine Bettdecke. Draußen mussten es bestimmt 30 Grad sein, aber selbst unter der Decke fror Max noch. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Seine Haut juckte.

„Sommergrippe“, diagnostizierte seine Mutter und legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn.

Es vertrieb die Kälte ein wenig.

 

***

 

Die Sonne schien grell in Max’ Zimmer. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zu getan. Seine Arme wiesen blutige Kratzer auf, wo er das Jucken beruhigen wollte. Als er in der Küche unten die Töpfe und Pfannen klappern hörte, schälte er sich unter seiner Bettdecke hervor.

Sein Mund war trocken, er musste mehrfach blinzeln, bevor seine Augen die Umgebung scharf stellten. Alles war so… anders. Er schluckte ein paar Mal, doch es half nichts. Die Kanne Tee, die ihm seine Mutter am Vorabend noch neben sein Bett gestellt hatte, war leer.

Er konnte sich nicht erinnern, sie ausgetrunken zu haben. Erschöpft kroch er zurück unter seine Decke und wartete.

Heute würde er nicht angeln gehen.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Lärm unten endlich verstummte. Seine Eltern waren sicher auf dem Weg in die Stadt, um ein paar der gesalzenen Fische zu verkaufen.

Fische.

Max schüttelte sich.

Er hievte sich aus seinem Bett und ging, ohne sich umzuziehen, nach unten. Ein Zettel lag auf dem Küchentisch, der ihm ein Frühstück im Ofen versprach. Doch Max hatte keinen Hunger.

Die Sonne brannte auf seiner Haut, als er das Haus verließ. Er musste die Augen zukneifen, um das grelle Licht auszusperren. Wieso war hier alles so hell? Und so… trocken?

Der Weg zum See war kurz und als seine Zehen das Wasser berührten, atmete Max auf.

Ja, das war es, was er brauchte. Keinen Tee und kein Frühstück. Ohne zu zögern, lief er auf die Mitte des Sees zu und sobald die Wassertiefe es zuließ, tauchte er unter.

Endlich war es nicht mehr hell.

Und nicht mehr trocken.

Er konnte alles glasklar erkennen. Die Steine zu seinen Füßen, das Glitzern der Oberfläche über ihm. Von hier aus erschien ihm die Oberfläche gar nicht so einladend. Warum war er in den letzten Tagen immer so verrückt danach gewesen, wieder aufzutauchen?

In den letzten Tagen… Es erschien ihm wie eine ewige Vergangenheit.

Aus dem Augenwinkel sah er etwas Helles. Da war sie, seine Frau, bleich und wunderschön. Sie lächelte und drehte sich dann elegant weg, um ihm davon zu schwimmen.

Max setzte zur Verfolgung an. Dieses Mal würde er sie mühelos erreichen, das wusste er. Dieses Mal gab es für ihn kein Ende. Er würde hier im Wasser mit ihr tanzen. Für immer.

Er hörte ihr Lachen in seinem Kopf. Glasklar. Doch der wunderschöne Klang verzerrte sich. Wie in einem Musikstück, bei dem erst ein, dann zwei und dann immer mehr Töne nicht getroffen wurden. Er war jetzt schneller als in den letzten Tagen und in wenigen Schwimmzügen war er bei ihr.

Doch als er nach ihrer Hand griff und sie umdrehte, war sie nicht mehr wunderschön.

Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, ihre Augen rot als hätte sie geweint. Max verstand nicht. Hier unten gab es doch nichts zu Weinen. Vorher vielleicht, als sie allein war. Aber nicht jetzt. Er war doch hier. Er war zu ihr gekommen und jetzt konnten sie gemeinsam glücklich sein.

Ihr lächelnder Mund verzog sich zu einer Fratze. Das Lachen, das nun in seinem Kopf ertönte, ließ ihn zusammen zucken. Nichts davon erinnerte mehr an die Frau, der er in die Tiefen gefolgt war. Sie wurde schwer in seiner Hand, als sie langsam zu Boden sank.

Was passierte hier?

„Endlich“, hörte er ihre Stimme. Wenigstens ihre Stimme war noch so wie vorher. „Ich bin frei.“

Sie versank erst mit den Füßen und dann langsam gänzlich im Grund des Sees. Max zog an ihrer Hand, doch sie schien sich aufzulösen.

„Nein“, wollte er rufen, doch als er seinen Mund öffnete, kam kein Ton heraus. Stattdessen lief das Wasser in seine Lungen.

Frisches, warmes Wasser.

Und dann war er allein.

 

***

 

Das glitzernde Etwas, das vor seine Augen sank, lenkte ihn ab.

Max hatte lange nach seiner Frau gesucht. Vergeblich. Sie war verschwunden. Wie lange war das jetzt her? Zu lange.

Ihm war langweilig.

Aber das da, dieses Etwas, weckte sein Interesse. Neu war es auf jeden Fall. Er erinnerte sich dunkel daran, so ein Etwas selbst mal gebaut zu haben. Doch die Erinnerung war flüchtig.

Neugierig zog er daran. Was war das? Eine Schnur? Eine Schnur… nach oben? Ja, sie führte dorthin, wo es glitzerte.

Nach oben. Seine Brust zog sich zusammen bei dem Gedanken daran. Er wollte nicht dort hoch. Aber dort war vielleicht… das Gegenteil von Langeweile?

Seine Hand legte sich wie von selbst um die Schnur als er durch das Wasser nach oben glitt. Da war ein Boot. Er wusste, dass es ein Boot war, auch wenn er nicht wusste, was das genau bedeutete.

Genauso wie er nun wusste, dass das eine Angel war, auch wenn er nicht wusste, wem sie gehörte.

Fische, dachte er. Doch der Gedanke kam nicht von ihm. Nein, der Gedanke kam aus dem Boot. Da kamen viele Gedanken aus dem Boot. Lustige Gedanken. Traurige Gedanken.

Kreative Gedanken.

Max zog an der Leine und die Gedanken aus dem Boot beugten sich über den Rand.

Es war ein Mädchen.

Und sie sah ihn.

Lachend schwamm er unter ihrem Boot auf die andere Seite. Sie folgte ihm. Er schwamm zurück und sie folgte wieder.

Bestimmt gefiel es ihr, wie der weiße Stoff seiner Hose im Wasser glitzerte.

Sie wollte Fische haben?

Er würde sie ihr schenken.

Wenn sie ihm ein wenig die Langeweile vertrieb.


Der Versuchung folgen oder doch lieber an Land bleiben? Wie hättet ihr entschieden? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

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2 thoughts on “Glitzern im Wasser – Eine Kurzgeschichte

  1. Papili

    Der unendliche Kreislauf – schön geschrieben und trotzdem irgendwie schade, dass sie nicht zueinander kommen können.

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  2. Papili

    Ich hab‘ da gerade mal nachgelesen im dicken Buch der Prophezeiungen. Es gäbe da eine Möglichkeit, den Ring zu durchbrechen. Das Mädchen müsste nur … Mist, jetzt hab ich die Seite verblättert. Na gut, dann warten wir halt auf das nächste angelnde Mädchen.

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