Immer – Eine Kurzgeschichte

immer

Toms Auto liegt im verschneiten Straßengraben und er ist auf dem Weg in das nächste Dorf von einem freundlichen Fremden gefunden worden. Dieser lädt ihn ein, zumindest die Nacht bei ihm zu verbringen. Das Auto würden sie am nächsten Morgen retten.

Tom hat den Unfall geplant. Er ist auf einer Mission. Doch die gestaltet sich schnell wunderlicher und unmöglicher, als er erwartet hat.

Lesedauer: ca. 17 Minuten


Tom erwachte, weil das Brummen des Motors verstummt war.

„Wir sind da“, sagte Rupert und zeigte grinsend auf das große, erleuchtete Haupthaus vor ihnen. Rupert war der Mann, der Tom vorhin auf der verschneiten Landstraße aufgesammelt hatte. Es war zu spät, um einen Abschleppwagen für Toms Auto zu holen. Es würde die Nacht in dem Straßengraben verbringen müssen, in den Tom es vorhin gelotst hatte.

Rupert hatte angeboten, dass Tom eine Nacht in seinem Gästehaus verbringen konnte. Den Abschleppwagen würden sie morgen holen. Tom, durchgefroren nach einer halben Stunde Fußmarsch, hatte dankbar eingewilligt.

Er war zu schnell gefahren. Callie hatte ihn immer davor gewarnt und sie hatte recht gehabt. Aber Callie war nicht hier um ihn darauf hinzuweisen.

Im Haus duftete es wunderbar nach Essen. Eine kleine blonde Frau stand am Herd und lächelte breit, als sie Tom erblickte.

„Sie müssen ja völlig durchgefroren sein. Im Bad liegen ein paar Handtücher. Duschen Sie erstmal. Ich bin übrigens Iris, Ruperts Frau. Er hat Ihnen sicher das Ohr abgekaut auf der Fahrt hierher.“

Während sie redete, schlich sich Rupert an ihr vorbei zum Topf. Sie drehte sich blitzschnell um und schlug ihm auf die Finger.

„Es wird gegessen, wenn alle soweit sind“, schimpfte sie, doch ihre Stimme hatte einen sanften Unterton. Neben ihrer kleinen Statur sah Rupert noch riesiger aus. Er hatte einen weißen Bart und einen dicken Bauch. Seine rote Latzhose war auf dem letzten Zentimeter Band geschnürt.

Er war genau der Mann, den Tom gesucht hatte.

Tom entschied sich für die Dusche. Er war länger auf der Landstraße unterwegs gewesen als er erwartet hatte. Irgendwie war er davon ausgegangen, dass jemand wie Rupert ihn schon eher finden würde. Erst jetzt im warmen Haus kehrte das Gefühl in seinen Händen zurück und verriet etwas von der Kälte, die sich in ihm breit gemacht hatte.

Vielleicht musste das aber auch so sein. Vielleicht war es wichtig, dass Tom fast erfroren war, wenn Rupert ihn fand. Vielleicht machte es das einfacher.

Aber Tom wollte ihm nichts einfach machen.

Er hatte das alles viel zu lange geplant.

Das Essen roch noch fantastischer, als er aus dem Bad kam. Rupert saß bereits am Tisch und las eine Zeitung. Auf der ersten Seite stand eine Vermisstenanzeige.

Genau wie letztes Jahr.

„Setzen Sie sich“, brummte Rupert. „Iris meint es ernst, wenn sie sagt, dass wir erst essen, wenn alle am Tisch sitzen. Und ich habe Hunger.“

Tom brachte ein Lächeln hervor und setzte sich. Iris hatte Nudeln mit Tomatensoße gekocht. Es roch genauso, als ob Callie gekocht hätte. Ein bisschen Chili lag in der Luft.

Aber Tom kannte die Regeln. Er schob die Nudeln von einer Seite auf die andere.

„Schmeckt es Ihnen nicht?“ fragte Iris besorgt. Sie hatte ihm den Teller besonders voll geschaufelt. Sie wollte ihn verführen mit dem Geruch seines Lieblingsgerichts.

„Doch, doch“, wiegelte Tom ab und blitzte sein vertrauensseligstes Lächeln hervor. „Es schmeckt ausgezeichnet. Aber mir ist der Hunger ein wenig abhanden gekommen. Der Schreck… Es ging ja alles so schnell.“

Iris runzelte die Stirn, doch sie schien sich mit der Ausrede zufrieden zu geben. Das war leichter als gedacht.

Tom wartete geduldig bis Rupert mit seiner zweiten und dritten Portion fertig war und folgte ihm dann nach draußen. Durch das dichte Gestrüpp der Bäume konnte man ein paar Lichter erkennen. Dafür, dass sie hier mitten in der Einöde waren, gab es hier zu viele Lichter. Irrlichter womöglich.

Aber Tom würde sich nicht in die Irre leiten lassen.

Rupert führte ihn zu der kleinen Gästehütte direkt neben dem Haupthaus.

„Iris hat schon alles vorbereitet. Eigentlich haben wir nur im Sommer Gäste, deswegen ist es vielleicht noch etwas kalt. Aber hier im Schrank sind Decken, falls Sie frieren sollten. Morgen früh rufen wir gleich Greg an. Das ist unser Mann für’s Grobe.“ Er lachte und streichelte sich über den Bauch, als ob er den Witz des Jahrhunderts gerissen hätte. Tom lächelte müde und gähnte dann offensiv.

Es wirkte. Rupert ließ ihn mit einem „Gute Nacht, dann!“ allein.

Tom wusste, dass ihm nicht allzu viel Zeit blieb. Er musste vor Sonnenaufgang von hier verschwunden sein. Das sagten zumindest die Legenden und Tom hatte nicht vor, sie auf die Probe zu stellen.

Trotzdem konnte ein kurzes Nickerchen sicher nicht schaden. Das Haupthaus war immer noch hell erleuchtet, und von hier aus sah er Iris durch das Küchenfenster abwaschen. Er konnte ohnehin nicht einfach auf dem Gelände herumstreunen, während Iris und Rupert — falls das denn wirklich ihre Namen waren — noch wach waren. Sie würden ihn sonst noch ertappen und dann war sein Plan dahin.

Tom stellte sich einen Wecker auf seinem Handy und kroch dann unter die Bettdecke. Iris hatte auch hier alles richtig gemacht. Es war, als ob sie genau wusste, was er liebte. Die dicke Daunendecke, das feste Kissen, die weiche Matratze. Alles war perfekt.

Er könnte auch für immer hier bleiben.

Nein. Dafür war er nicht gekommen.

Vielleicht war es doch besser, wenn er wach bliebe. Doch das war der letzte Gedanke, bevor ihm die Augen zufielen.

***

Draußen kreischte jemand.

Tom sprang aus dem Bett und vor die Tür. Die Mülltonne neben seiner Hütte rollte scheppernd auf dem Schnee. Am Waldrand raschelte es. Wahrscheinlich nur ein Tier. Oder der Wind.

Das Haupthaus lag im Dunkeln, die schneebedeckte Lichtung wurde nur vom vollen Mond erleuchtet. Ob er den Wecker verschlafen hatte? Er musste seine Schuhe holen.

Doch als er wieder hinein ging, erstarrte er.

Auf dem Gästebett, in dem er noch vor Minuten gelegen hatte, saß eine Frau. Sie trug ein weißes Nachthemd und einen roten Morgenmantel. Ihr Füße waren nackt und ihre Haaren hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fiel.

Sie sah genauso aus wie immer.

„Callie“, entfuhr es Tom.

Mit zwei Schritten war er bei ihr und zog sie an den Armen zu sich hoch. Ihre Haare rochen nach dem Fliedershampoo, das sie so sehr liebte. Sie schien schwach auf den Beinen zu sein und erwiderte seine Umarmung nur zögerlich.

„Du hättest nicht kommen sollen“, flüsterte sie.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Wir können gehen.“ Tom strich ihr über die Haare, die Wangen, die Arme. Sie hatte sich in dem Jahr nicht verändert. „Ich habe immer gewusst, dass du noch lebst.“

Sie lächelte, aber in ihren Augen sammelten sich Tränen.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie wieder. „Es hätte etwas Schlimmes passieren können.“ Langsam trat sie einen Schritt zurück. Sie sah bleich aus im Mondlicht. Das Rot ihres Morgenmantels machte das noch deutlicher. Ob sie krank war? Sie war ohne Schuhe gekommen, sicher fror sie schon.

„Wo hast du deine Schuhe?“ fragte Tom. „Wenn wir gleich losgehen, dann schaffen wir es noch vor Sonnenaufgang zum Dorf. Alles wird gut, Callie. Wir können–“

Tom stockte. Callie hatte sich wieder auf das Bett gesetzt und spielte mit den Staubkörnern im Mondlicht. Das Licht schien durch ihre Hand hindurch zu schimmern.

„Bist du fertig?“ fragte sie. Sie klang gelangweilt. Oder traurig? Tom konnte das nicht auseinander halten. In den Monaten bevor sie verschwunden war, war sie immer das eine oder das andere gewesen.

„Nein“, sagte Tom langsam. „Wo sind deine Schuhe?“

Sie hatte sie sicher vergessen. So eine Kleinigkeit wie Schuhe oder ein Mantel im Winter waren ihr auch schon vor einem Jahr manchmal entgangen.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie, anstatt auf seine Frage zu antworten. Tom atmete tief durch. Auch das hatte sie vorher oft gemacht: Sätze wiederholt, bis das Gespräch für keinen von beiden mehr einen Sinn ergab. Die Ärzte hatten viele Namen dafür gefunden. Und viele Pillen. Doch das hatte nichts geholfen.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie keine Schuhe hatte, aber er würde sie tragen. Er hatte nicht all die Strapazen auf sich genommen, um ohne sie zu gehen. Wie lange sie wohl durch den Schnee hatte laufen müssen? Ihre Füße waren zumindest noch nicht blau vor Kälte.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie langsam.

Tom blickte von ihren Füßen zu ihr auf. In ihrem Blick lag eine Klarheit wie er sie lange nicht gesehen hatte.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie noch einmal, „weil ich nicht kann.“

„Natürlich kannst du–“

Callie schüttelte den Kopf.

„Du irrst dich. Und das weißt du auch. Du hast es schon gesehen, nicht wahr? Du willst es nur noch nicht wahr haben.“

Sie hob ihre Hand gegen das Licht und fuhr durch die Staubkörner in der Luft. Es war keine Täuschung gewesen.

Das Mondlicht schimmerte durch ihre Haut hindurch.

Tom drehte sich weg. Er zog seine Schuhe an und seinen Mantel über. Wenn er sie tragen musste, dann mussten sie gleich los. Es würde länger dauern, Mondlicht hin oder her.

„Ich bin von einer Klippe gestürzt“, sagte sie, als er seine Hände um ihre Arme schließen wollte. Er griff durch sie hindurch. „Ich bin zu schnell gefahren. So schnell, wie du immer fährst. Rücksichtslos. Und natürlich passiert bei dir nie etwas und bei mir… Es war dunkel und es hat geschneit. Kein Handyempfang. Also bin ich losgelaufen.“

Tom griff erneut nach ihr. Ihre Haut war kühl unter seinen Fingern, doch als er zog, spürte er nur Luft. Sie schien es gar nicht zu bemerken.

„Es war unglaublich kalt, weißt du. Ich wollte einfach nur zum Dorf. Da waren Lichter, so viele Lichter. Und plötzlich war der Boden unter mir weg… Hörst du mir überhaupt zu?“

Tom schaute in ihr Gesicht. Dann schaute er auf seine Hände, wieder an ihren Armen. Er zog, doch ihr Körper gab nicht nach. Stattdessen rutschte er durch sie hindurch. Als er sie ansah, lächelte sie.

„Das kann ich steuern, weißt du.“ Sie hob ihre Hand und drückte gegen seine Brust. Er spürte keinen Widerstand. Stattdessen verschwand sie bis zum Handgelenk in seinem Körper. Sie zog ihre Hand zurück. Ihre Augen glitzerten. „Ich mag es nicht, wenn du mich nicht fragst, was ich will.“

„Was willst du denn?“ fragte Tom. Er wollte ruhig bleiben, aber ihnen rannte die Zeit davon. Sie mussten vor Sonnenaufgang…

„Dass du mir zuhörst.“ Sie klopfte neben sich auf das Bett. „Richtig zuhörst. Dass du nicht abschaltest, wenn ich nicht das sage, was du hören willst.“

„Okay“, sagte Tom und setzte sich. Er atmete tief durch.

„Ich bin tot.“

Tom schüttelte den Kopf, doch sie legte eine Hand an seine Wange. Dieses Mal spürte er ihre kalte Haut wieder.

„Ich bin tot“, wiederholte sie. „Schon seit dem Tag, an dem ich unser Haus verlassen habe. Die Wälder hier sind so verwinkelt. Man hat mich einfach nicht gefunden.“

„Ich habe dich gefunden“, sagte Tom leise. Sie lachte.

„Ja, und was für einen Preis du beinahe dafür gezahlt hättest. Du hättest da draußen sterben können. Rupert fährt nicht jeden Tag dort lang. Aber er hat es für mich getan.“

Sie strich ihm wieder über die Wange. Langsam wurde ihre Hand wärmer. Und weniger durchsichtig.

„Lass uns gehen“, sagte Tom erneut. Wenn er sie sehen konnte, dann konnte sie auch mitkommen.

„Nein“, sagte Callie. „Ich habe hier zu tun. Die Arbeit macht sich nicht von allein.“

„Welche Arbeit denn?“ Sie war seit Jahren schon berufsunfähig. Es war schwer, eine Arbeit zu bekommen, wenn sie an vielen Tagen kaum aus dem Bett gefunden hatte.

Wortlos stand Callie auf und ging aus dem Schlafzimmer. Tom rannte hinter ihr her. Er war überrascht von dem Tempo, das sie vorlegte. Sie schien über den Schnee und durch die Bäume zu fliegen. Vor einer großen Halle holte er sie schließlich keuchend ein.

Als sie drinnen das Licht anschaltete, erkannte Tom eine Werkstatt. In der Mitte stand ein riesiger Christbaum, an den Wänden hingen Tannenzweige mit roten und grünen Weihnachtskugeln. Kleine Schokokränze dekorierten die Lampen in der Halle.

Überall standen Werkbänke. Callie bahnte sich einen Weg hindurch bis zu einem kleineren Tisch an der hinteren Wand. Die Arbeitsplatte war überfüllt mit kleinen Schachteln. Einige standen offen. Darin befanden sich wunderschöne Schmuckstücke: eine Kette, ein Armband, einige Ringe, eine silberne Taschenuhr.

„Hier arbeite ich“, sagte Callie. Sie breitete lächelnd die Arme aus. Unter einem Stapel Schachteln zog sie eine Liste hervor. „Hier links stehen die Namen und rechts die Geschenke. Ich verpacke sie und lege ich sie unter den Baum.“

Tom drehte sich um. Unter dem Christbaum stapelten sich tatsächlich eine Vielzahl eingepackter Kisten.

„Du verpackst Geschenke? Für wen denn?“

Callie lachte. Sie drehte sich um ihre eigene Achse und hüpfte dann aufgeregt auf den Baum zu.

„Hast du es immer noch nicht begriffen? Rupert… die Deko… der große Baum?“

Tom starrte sie an. Sie war verrückt geworden, das war die einzig logische Erklärung. Rupert hatte sie gekidnappt und ihren angeschlagenen Geisteszustand ausgenutzt um ihr einzureden, dass sie… für den Weihnachtsmann arbeitete?

Callie nickte aufgeregt, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen waren leicht gerötet. Der Lichterschein gab ihr eine gesunde Hautfarbe. Sie sah so lebendig aus wie schon ewig nicht mehr.

Aber sie war verrückt.

Oder er war verrückt.

Denn sie war durchsichtig.

„Sei nicht albern“, sagte er langsam, doch sie lachte nur noch lauter.

„Hier, ich zeige es dir“, sagte sie wie zu einem Kind. Sie gab ihm die Liste. „Such dir einen Namen aus, neben dem noch nichts steht.“

Tom las überflog die Liste und wählte schließlich den ersten Namen ohne Geschenk.

„Amelie Gertentrunk“, sagte er.

Callie lächelte, streckte dann beide Hände aus und schloss die Augen. Sie wiederholte den Namen leise und plötzlich begannen ihre Hände wie von selbst an zu glühen. Sie wurden heller und heller und… dann sahen sie wieder normal aus.

Doch jetzt lag in Callies Handflächen eine silberne Kette mit einen tropfenförmigen Anhänger.

„Oh, das ist wirklich schön“, sagte Callie. Als hätte sie es nicht gerade selbst in ihre Hände fabriziert. „Schau auf den Zettel“, wies sie Tom an.

Neben Amelies Namen stand nun eine Beschreibung der Kette, die Callie in der Hand hielt.

„Da wird sie sich sehr drüber freuen“, sagte Callie wie zu sich selbst, und legte die Kette sorgfältig in eine der leeren Schachteln auf dem Tisch. Mit wenigen Handgriffen hatte sie die Schachtel in gold-grünes Papier eingewickelt und mit einer roten Schleife versehen. Dann legte sie das Geschenk unter den Baum.

Auf dem Zettel in Toms Hand war der Name verschwunden.

„Du bist also ein Weihnachtswichtel.“ Es sollte ein Scherz sein, doch Toms Stimme stockte.

„Ist das nicht toll?“ rief Callie und nahm ihm das Papier wieder aus der Hand. „Ich mache etwas sinnvolles.“

Er hatte vergessen, wie schön ihr Lachen war. Wann hatte sie das letzte Mal so gelacht, dass es ihre Augen erreichte? Wann war sie das letzte Mal vor Aufregung auf und ab gehüpft?

Diese Callie hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben.

Sie nahm seine Hand und führte ihn kichernd und glucksend durch den Schnee zu seinem Gästehaus. Der Weg zurück erschien ihm viel kürzer, aber mittlerweile war sich Tom nicht mehr sicher, ob sein Zeitgefühl nicht mit ihm durchging.

Seine tote Frau führte ihn barfuß und nur mit einem Morgenmantel bekleidet durch Minusgrade. Er konnte ihre Hand in seiner spüren, aber er spürte auch, wie sie ihm entglitt, wenn er zu sehr zupackte. Er würde sie sich nicht über die Schultern werfen und mitnehmen können.

Wollte er das überhaupt noch?

„Ich vermisse dich“, sagte er in die Dunkelheit, als sie nebeneinander auf dem Bett lagen.

„Ich dich auch“, sagte sie und das Lachen verschwand aus ihrer Stimme. „Ich vermisse vieles. Aber ich habe auch viel vermisst, als ich noch gelebt habe. Da wusste ich nur nicht, was es war.“

Ihre Stimme füllte den Raum zwischen ihnen, legte sich auf seine Brust und drohte ihn zu ersticken. Sie hatte viel vermisst. Vieles, was er ihr nicht geben konnte. Sie wollte nicht mit ihm zurück, selbst wenn sie gekonnt hätte.

„Es tut mir leid, dass ich dich nicht glücklich gemacht habe“, sagte er nach einer Weile.
Ihre Hand fuhr über seine Wange. Jetzt war sie warm, wie auch der Rest ihres Körpers, den sie langsam an ihn schmiegte.

„Ich bin hier glücklich“, sagte sie. „Ich war auch mit dir glücklich. Aber hier kann ich es fühlen. Hier gibt es nicht mehr dieses Loch, das all das Glück aufsaugt.“

„Bleib bei mir“, sagte Tom.

„Ich bin doch immer bei dir“, sagte Callie. Sie strich ihm über das Gesicht und küsste seine Wange. Dann küsste sie ihn auf den Mund.

„Immer?“ Toms Frage verschwand auf ihren Lippen.

***

Als Tom die Augen aufmachte, war es hell. Der Platz auf dem Bett neben ihm war kalt.

Er hatte geträumt. Seine tote Frau war letzte Nacht nicht zu ihm gekommen. Sie arbeitete nicht für den Weihnachtsmann.

Nein, Tom hatte sich einfach nur in ein paar Legenden über verschwundene Seelen verrannt und sein Leben für eine irrwitzige Idee auf’s Spiel gesetzt. Jetzt war er schon genauso verrückt wie Callie es gewesen war.

Es klopfte ans Fenster.

„Frühstück ist fertig.“ Ruperts vergnügtes Gesicht erschien hinter der Glasscheibe. „Greg ist auch schon hier.“ Er zeigte auf einen kleinen, schmächtigen Mann neben sich.

Greg, der Mann für’s Grobe, hatte eine Hakennase und schütteres, rotes Haar.

Der Witz des Jahrhunderts. Tom konnte sein Lachen nicht unterdrücken.

„Und er hat Ihr Auto schon dabei“, sagte Greg und grinste stolz durch’s Fenster. „Sonst hätte ich kein Rührei bekommen, sagt Iris. Und Sie wollen auf jeden Fall das Rührei probieren.“ Rupert wendete sich schon ab, als Greg noch hinterher setzte: „Ich würde mich an Ihrer Stelle beeilen, sonst gibt es keins mehr.“

Iris empfing Tom im Haupthaus mit dem Geruch von frischen Brötchen und Speck.

„Haben Sie gut geschlafen?“ fragte sie. Sie sah so unschuldig aus. Nett und liebevoll. Ehrlich. Schuldgefühle krochen in ihm hoch, als er darüber nachdachte, wie er sie verdächtigt hatte. Diese Frau würde niemanden kidnappen.

Sie würde höchstens jemanden mit ihrer Gutmütigkeit erdrücken.

Tom brachte nur ein Nicken hervor und schaufelte sich Ei in den Mund. Er hätte gestern abend schon etwas essen sollen. Sein Magen knurrte.

„Das mit dem Wagen war kein Problem“, sagte Greg, der ebenfalls eine riesige Portion Rührei auf dem Teller hatte. „Sieht zumindest nicht so aus, als ob es einen Schaden gegeben hätte. Wir probieren das gleich, aber ich denke, das war einfach nur unglücklich geparkt.“

Rupert brummte ein Lachen. In diesem Licht und mit diesem Lachen, da konnte man es fast sehen. Rupert als Weihnachtsmann?

Unsinn

Tom hatte nur geträumt.

Ein Windhauch strich ihm über den Nacken. Doch alle Fenster waren zu.

***

Der Wagen war tatsächlich unversehrt. Er benötigte zwar Starthilfe und die Batterie würde man tauschen müssen, aber Tom befand sich in kürzester Zeit wieder auf dem Weg nach Hause.

Was für ein verrückter Traum das gewesen war. Aber der Gedanke, dass seine depressive Frau nach dem Tod doch eine Lebensaufgabe gefunden hatte, hatte etwas Friedliches. Hier hatte sie all das, was sie zu Lebzeiten nicht hatte.

Der Traum fügte sich erstaunlich leicht in Toms Gedächtnis. Es war so normal, so echt. Als wäre es wirklich passiert. Callie hatte gelacht in diesem Traum. Sie war glücklich. So wollte er sie in Erinnerung behalten.

Er hielt an einer Tankstelle und öffnete das Handschuhfach um seine Brieftasche herauszuholen. Sie rutschte ihm aus den kalten Fingern direkt unter den Beifahrersitz. Tom erhaschte sie an einem Zipfel.

Nur war das, was er hervorzog, nicht seine Brieftasche.

Es war ein kleines, gold-grünes Päckchen mit einer roten Schleife.

Tom öffnete es zögerlich und schlug das Seidenpapier zurück. In der Schachtel lag eine Taschenuhr.

Eine Taschenuhr genau wie die, die er gestern nacht auf Callies Tisch gesehen hatte. Tannenzweige und Weihnachtskugeln waren in das Metall eingraviert. Sie fühlte sich schwer und warm in seiner Hand an. Im Deckel fand er eine weitere Gravur.

Es war kein Traum gewesen.

Callie war ein Weihnachtswichtel.

Sie war glücklich.

Im Deckel stand nur ein Wort, fein säuberlich in ihrer Handschrift:

Immer


In diesem Sinne: Frohes Fest!

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4 thoughts on “Immer – Eine Kurzgeschichte

  1. Papili

    Das ist die wohl schönste Weihnachtsgeschichte, die ich je gehört oder gelesen habe, und ich habe wirklich schon viele Weihnachtsgeschichten gehört und gelesen. Spannend, natürlich wie immer etwas skurril aber dennoch was fürs Herz.

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  2. Luise

    Oh wow! Du hast dich selbst übertroffen!

    Erst denkt man, ok, eine Selbstmord-Geschichte (zu Weihnachten ist die Selbstmordrate ja am höchsten), dann wendet sich das Blatt und ist über das skurrile verwundert und man kann nicht aufhören zu lesen und dann kommt man dahinter!

    Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, dass die Toten nach ihrem Ableben noch eine erfüllende Aufgabe finden. Und was könnte erfüllender sein als dem Weihnachtsmann zu helfen?

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