Kann man Deadlines für Kreativität nutzen?

Die Ironie des heutigen Artikels ist, dass ich ihn am Sonntag morgen um 9:26 Uhr zu schreiben beginne — wenn meine Artikel eigentlich sonntags 9 Uhr veröffentlicht werden. Ich weiß nicht, was diese Woche los war, aber anscheinend habe ich hier etwas völlig verpasst. Und ich habe nicht mal die Ausrede, dass ich auf der Buchmesse bin, denn… na ja, ich sitze eben hier an meinem Schreibtisch.

Eigentlich bin ich ein großer Fan von Deadlines. Als ich letztes Jahr jeden Monat eine Kurzgeschichte veröffentlicht habe, hatte ich einen Produktionsplan. Damit habe ich die sechs Kurzgeschichten in drei Monaten geschrieben. Ich wollte ja den Rest des Jahres für mein Großprojekt nutzen, wofür ich mir ebenfalls eine Deadline gesetzt hatte.

Aber irgendwie hat diese Deadline dann nicht funktioniert. „Morpheus“ dümpelt noch immer halb lektoriert auf meiner Festplatte umher, lange nach der gesetzten Deadline.

Es ist nicht so, dass ich die andere Deadline einfach ignoriert hätte. Also warum funktioniert der Druck bei dem einen Projekt und beim anderen nicht?

Wozu Deadlines gut sind.

Einmal Hand hoch, wer schon mal eine Hausarbeit am Abend vor dem Abgabetag angefangen hat.

Mhm, dachte ich mir doch.

In der Schule sind Deadlines dazu da, einen gewissen negativen Druck aufzubauen. Niemand würde in der 8. Klasse ein Herbarium anlegen, wenn es nicht in fünf Wochen abgegeben werden müsste.

Also, zumindest ich nicht.

Doch für die selbst gesteckten Ziele sind Deadlines ein Segen. Denn auch da brauchen wir Menschen den Druck, damit wir uns eben nicht abends auf die Couch werfen und Netflix anmachen, sondern besagtes Ziel verfolgen.

Hätte ich letztes Jahr nicht versprochen, dass ich jeden Monat eine Kurzgeschichte veröffentliche, hätte ich bei weitem nicht so viele Geschichten geschrieben.

Kann man unter Druck kreativ sein?

Viele glauben, Kreativität wäre die Sache der Muse, die in unregelmäßigen Abständen unsere Schläfe küsst und dann wieder verschwindet. Aber das ist Humbug. Kreativität ist wie ein Muskel, den man trainieren kann und muss. Wer mehr schreibt, bekommt mehr Ideen. Wer häufig malt, sieht mehr Bilder. Und wer viel Musik macht, zu dem kommen die Melodien von ganz alleine.

Unter Druck ist unser Gehirn von sich aus schon kreativer. Denn jede Stresssituation deutet unser Gehirn als einen Test um’s Überleben. Und wenn wir eines können, dann ist es überleben.

Also ja, man kann unter Druck sehr wohl kreativ sein.

Wie isst man gleich noch mal einen Elefanten?

Ich schreibe jede Woche einen Blogpost. Meine Deadline ist Sonntag 8:55 Uhr (damit ich alles noch rechtzeitig einstellen kann), aber meistens schreibe ich den Artikel irgendwann unter der Woche.

Ahem. Außer diese Woche. Psssst.

Ein Blogpost hat bei mir immer weniger als 1000 Worte, kann also relativ schnell geschrieben werden. Mit Titelbild und Verlinkungen dauert das Ganze zwar auch ein bisschen, ist aber in ein paar Stunden erledigt. Deadline erfüllt. Bäm.

Mit anderen Worten: Das, was ich für die Deadline erfüllen muss, ist überschaubar. Machbar. Klein genug.

Über die Kunst, sich kleine Ziele zu stecken, habe ich schon einmal geschrieben [LINK]. Und das ist bei Deadlines nicht anders.

Die Deadlines für die Blogposts halte ich recht gut ein. Auch die der Kurzgeschichten letztes Jahr. Aber die für „Morpheus“ habe ich um Meilen verfehlt. Nicht, weil ich das Projekt nicht fertig stellen wollte.

Sondern weil „Morpheus“ wie die 20-seitige Hausarbeit ist, die ich am nächsten Tag abgeben muss.
Das Projekt ist für die Deadline, die ich mir ursprünglich gesetzt hatte, viel zu groß. Ich konnte nicht einschätzen, wie lange ich tatsächlich brauchen würde, denn es ist mein erstes Großprojekt. Je näher die Deadline kam, desto deutlicher wurde, dass ich sie nicht einhalten konnte.

Also habe ich aufgegeben.

Ich hätte auch einfach die Situation neu analysieren und die Deadline verschieben können. Ich hätte mir Teildeadlines setzen können. Aber nun ist die Deadline verstrichen, ich bin nicht gestorben und jetzt ist es ungleich schwerer, mein Gehirn von der Wichtigkeit des Projekts zu überzeugen.

Ein weiterer Nachteil an Deadlines: Wenn man sie zu kurz setzt, kommt nicht immer das Optimum am Ende raus. Das kann auch vorteilhaft sein, wenn man wie ich zum Perfektionismus tendiert und sonst nie etwas fertig stellen würde. Aber niemand kann ein Herbarium an einem Wochenende fertig machen, wenn es am Montag abgegeben werden soll. Das sieht zwar am Montag ganz nett aus. Aber zwei Wochen später liegt es verschimmelt beim Biolehrer.

Manches gut Ding will eben wirklich Weile haben.

Nochmal auf Anfang

Für „Morpheus“ stelle ich alles zurück auf Anfang. Ich analysiere das Projekt neu, setze Teilziele und Teildeadlines. Und die sind dann so klein, dass ich sie tatsächlich erreichen kann.

Wie geht es euch mit Deadlines? Gibt es ein Projekt, das ihr schon aufgegeben habt, weil die Deadline so lange verstrichen ist?

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