Pfefferkuchenhaus – Eine Kurzgeschichte

Seit Hänsel und Gretel die Hexe getötet und zurück in ihr Heimatdorf gekehrt sind, herrscht eine erleichterte Stimmung. Auch bei Paul und Lisa, die sich im Wald verlaufen haben. Denn wenn die Hexe tot ist, kann das Haus, vor dem sie stehen, unmöglich gefährlich sein. Oder doch?

Lesedauer ca. 18 Minuten


„Ich glaube nicht, dass Hänsel die Hexe in den Ofen geschubst hat.“

Die Baumrinde unter Lisas Händen fühlte sich rau an. Die Kälte machte ihre Haut anfälliger für die Splitter und Spitzen des Holzes. Hier unter der Tanne lag wenigstens kein Schnee und so hatten ihre Schuhe vielleicht die Möglichkeit ein wenig zu trocknen. Neben ihr stieß ihr Bruder Paul ein Lachen aus, das sich prompt in ein keuchendes Husten wandelte.

„Natürlich hat er das“, sagte er.

„Aber er war doch eingesperrt.“

Lisa rieb ihre kalten Hände aneinander. Paul tat es ihr nach. Sein Schal hatte in diesem Winter noch einige Löcher mehr bekommen.

„Er hat sich eben vorher befreit.“

Seit Hänsel und Gretel vor einigen Wochen wieder in das Dorf zurück gekehrt waren, gab es kein anderes Gesprächsthema mehr. Alle wussten, dass im Wald eine Hexe lebte, die sich immer mal wieder Kinder holte. Kinder, die im Wald nicht aufpassten, vom Weg abkamen oder nach Sonnenuntergang noch in der Dunkelheit herum stromerten. Die Kinder verschwanden spurlos. Wie Thomas damals.

Bislang war noch keines der Kinder zurück gekehrt.

„In jedem Fall ist die Hexe tot“, sagte Lisa schließlich beschwichtigend.

„Genau“, sagte Paul.

„Also ist das Haus leer.“

Sie starrten an dem Tannenstamm vorbei auf die Lichtung. Das Haus, das dort stand, war in den tollsten Farben bemalt und trotz des tiefen Winters lag auf der Wiese keine einzige Schneeflocke. Im Gegenteil, einige der Obststräuche schienen Früchte zu tragen. Keine zehn Meter von Lisa und Paul entfernt stand ein Rosenbusch in voller Blüte. Während die Bäume im Dorf alle Blätter verloren hatten und unter einer dicken Schneeschicht begraben waren, bewegten sich die grünen Baumkronen auf der Lichtung in einer leichten Brise.

Lisa fragte sich, ob es auf der Lichtung wärmer war als im Wald. Aber sie traute sich nicht, auch nur einen einzigen Schritt hinter der Tanne hervor zu treten.

„Genau“, sagte Paul wieder, aber auch er bewegte sich keinen Zentimeter.

Aus dem Schornstein des Hauses stieg Rauch auf.

„Da sind keine Pfefferkuchen“, sagte Lisa und versuchte dabei, mehr sich selbst zu beruhigen als ihren Bruder. Vielleicht war es gar nicht das Haus der Hexe?

Plötzlich öffnete sich die Tür des Hauses. Die Geschwister zuckten hinter den Tannenstamm zurück. Lisa hörte Pauls rasselnden Atem an ihrem Ohr und hoffte inständig, dass er jetzt keinen Hustenanfall bekommen würde. Innerlich begann sie zu zählen. Wenn sie bei Hundert ankam, würde sie einen Blick zurück auf die Lichtung wagen.

„Hallo“, sagte plötzlich eine Stimme, als Lisa überlegte, welche Zahl nach sechzehn kam. „Ihr könnt rauskommen, ich habe euch schon gesehen.“

Paul warf Lisa einen warnenden Blick zu. Doch was nützte das Verstecken jetzt noch? Außerdem war die Hexe tot. Lisa holte tief Luft und trat dann hinter dem Baum hervor. Paul rührte sich nicht.

Das Mädchen, das am Rande der Lichtung stand, sah nicht viel älter aus als Lisa selbst. Sie trug ein knöchellanges Kleid unter ihrem dicken Wintermantel. Und Handschuhe. Handschuhe! Neidisch blieb Lisas Blick daran hängen und sie knetete erneut ihre Hände, damit sie warm wurden.

„Hallo“, sagte das Mädchen wieder und lächelte. „Wollt ihr nicht reinkommen?“

Aus den Augenwinkeln sah Lisa Paul energisch mit dem Kopf schütteln. Stumm tat sie es ihm nach. Das Lächeln des Mädchens verblasste ein wenig.

„Es ist aber kalt hier draußen“, sagte sie. „Und diese Nacht soll es auf jeden Fall Frost geben.“

Unwillkürlich durchfuhr Lisa ein Schauer. Schon die letzte Nacht hatten Paul und sie eng aneinander gekuschelt in einer Erdhöhle verbracht. Paul hatte ein Feuer am Eingang gemacht und so die Tiere und die Kälte abgehalten. Aber der Gedanke an eine weitere Nacht im Wald behagte Lisa nicht.

Sie wollte nach Hause.

Allerdings wussten weder sie noch Paul, in welche Richtung ihr Zuhause überhaupt lag. Sie hätten einfach auf der Lichtung warten sollen, bis ihre Eltern sie wieder abholten. So war es vereinbart gewesen. Doch Paul und sie hatten sich hoffnungslos verlaufen, als sie nach Feuerholz gesucht hatten.

Paul schüttelte noch energischer den Kopf, wahrscheinlich weil er sehen konnte, dass Lisa der Gedanke von einer warmen Unterkunft für die Nacht sehr gefiel. Er streckte eine Hand nach ihrem Arm aus und zog sie wieder hinter den Baum zurück.

Als ob der Baum sie schützen konnte.

Lisa hörte die knirschenden Fußstapfen des Mädchens, als dieses sich entfernte.

„So habe ich mir die Hexe nicht vorgestellt“, sagte sie langsam und wagte einen Blick hinter dem Baumstamm hervor. Sie konnte sehen, wie das Mädchen zurück ins Haus ging und die Haustür hinter sich zuzog. Ein sehnsüchtiges Seufzen entfuhr ihr.

„Das ist ja der Trick“, sagte Paul und spuckte auf den Boden. Direkt danach begann er zu husten, so wie er schon in den letzten Wochen immer wieder gehustet hatte. Es klang nicht gut, fand Lisa. „Sie will uns bestimmt in Sicherheit wiegen. Wir sollten gehen.“

Seine Hand immer noch fest um ihren Arm geklammert, lief Paul los. Lisa ließ sich stumm mit ziehen, den Blick stur auf den Boden gerichtet. Er hatte ja recht. Sie sollten der Hexe nicht folgen. Sie sollten überhaupt nicht hier sein. Ihre Eltern machten sich bestimmt schon große Sorgen.

Plötzlich hielt Paul an.

Verwirrt sah Lisa auf, nur um wieder denselben Baum zu sehen, hinter dem sie eben gestanden hatten. Da war die Lichtung und das Haus, die Fußstapfen des Mädchens und… Auf dem Waldboden beim Baumstamm war Reisig ausgelegt, darüber Tierfelle und einige Decken.

Und Handschuhe.

Ohne zu zögern ließ Lisa sich auf den Schlafplatz nieder.

„Steh auf“, sagte Paul und wurde prompt erneut von einem Hustenanfall heim gesucht. Auf den Decken lag eine Flasche, die sich noch warm anfühlte. Lisa öffnete den Korken und roch daran.

„Hier ist Tee drin“, sagte sie und reichte Paul die Flasche. Er griff danach, doch er trank nicht, sondern schleuderte die Flasche in Richtung der Lichtung.

„Bist du verrückt?“, schimpfte er. „Das ist eine Hexe. Sie frisst Kinder. Das weißt du doch. Du trinkst nichts und du isst nichts, hast du verstanden?“

Lisa nickte stumm. Es gab ohnehin nichts zu essen in dem Stapel.

„Aber schlafen können wir hier“, sagte sie nach einer Weile leise. „Es ist schon dunkel.“ Tatsächlich konnte sie sich nicht erinnern, wann die Dämmerung eingesetzt hatte, aber plötzlich war der blaue Himmel verschwunden und hatte einem Sternenzelt Platz gemacht. Der Schnee reflektierte das Licht des Hauses. Knurrend sank schließlich auch Paul auf die Tierfelle herab und zog Lisa neben sich.

„Wir verschwinden, sobald es wieder hell wird“, sagte er. Er wehrte sich nicht, als Lisa die Decken um sie beide herum drapierte. Aber er sah auch nicht so aus, als würde er in dieser Nacht schlafen wollen. Sie selbst würde auch nur kurz die Augen zu machen.

Nur ganz kurz.

Als Lisa die Augen wieder öffnete, stand die Sonne hoch am Himmel. Kleine Schneeflocken rieselten zwischen den Baumkronen hindurch. Bis auf ihre Nasenspitze fühlte sich alles an ihr wohlig warm an.

„Paul“, sagte sie und rüttelte am Arm ihres Bruders. Der Schlaf musste ihn genauso übermannt haben wie sie. Sein Atem röchelte leise und die rote Färbung seiner Nase verhieß nichts Gutes. Sie mussten dringend nach Hause. Sie rüttelte erneut an Pauls Arm, doch außer einem lauteren Röcheln passierte nichts.

„Ich glaube, er hat Fieber“, sagte plötzlich eine Stimme. Das Mädchen von gestern stand am Rande des Reisigs mit zwei dampfenden Bechern. „Er glüht richtig.“

Lisa schaute zwischen Paul und dem Mädchen hin und her. Er würde nicht wollen, dass sie dem Mädchen vertraute. Sie wollten nach Hause. Paul wollte nach Hause. Oder zumindest nicht hier sein.

„Ich habe Tee gemacht“, sagte das Mädchen dann und stellte einen der dampfenden Becher auf einem Stein ab. „Warte hier.“ Dann verschwand sie wieder auf die Lichtung.

Lisa hatte kaum Zeit darüber nachzudenken, ob sie wirklich warten oder doch lieber versuchen sollte, Paul zu wecken, da war das Mädchen schon zurück. Sie trug eine Schüssel bei sich und ein beißender Geruch stieg Lisa in die Nase. Unwillkürlich musste sie niesen.

„Eukalyptus“, sagte das Mädchen und lächelte. In der Schüssel befand sich eine klare Flüssigkeit und ein Lappen, den das Mädchen auswrang und Paul auf die Stirn legte. Einen weiteren Lappen schob sie unter die Decken auf seine Brust. Dann reichte sie Lisa den Becher. „Trink etwas. Du siehst auch nicht so gut aus.“

Es gab tausend gute Gründe, nicht zu trinken. Lisa tat es trotzdem. Der warme Tee rann ihren Hals hinunter und ein Schauer durchfuhr sie. Die Wärme, die sie vorhin unter den Decken gespürt hatte, war nichts gegen das Gefühl, das sie nun durchströmte.

„Wir müssen dann nach Hause“, sagte Lisa vorsichtig. Der Becher in ihrer Hand schien nicht leerer zu werden, egal wie oft sie aus ihm trank. „Unsere Eltern warten schon auf uns.“

Das Mädchen sah sie an ohne zu antworten. Lisa war sich plötzlich sehr bewusst, wie viele Löcher ihre Kleider hatten, und war froh darüber, dass sie noch halb unter den Decken versteckt war.

„Wir haben uns nur verlaufen“, sagte sie. „Aber wir wissen genau, wo wir lang müssen. Sobald er aufwacht, gehen wir.“

Das Mädchen sagte noch immer nichts. Stattdessen holte sie ein Stück Brot aus ihrem Mantel hervor und reichte es Lisa. Da sie den Tee schon getrunken hatte, biss sie ohne Bedenken von dem Brot ab. Das war jetzt auch nicht mehr wichtig. Der beißende Geruch von den Lappen auf Pauls Brust stieg ihr in die Nase und sie nieste wieder.

„Komm, lass uns rein gehen, sonst wirst du auch noch krank“, sagte das Mädchen dann.

Vielleicht war es der Tee, oder Pauls röchelnder Atem oder die Art, wie das Mädchen sie ansah, aber Lisa rappelte sich auf und folgte dem Mädchen ins Haus.

***

Es war dunkel, als Paul erwachte. Dunkel und überraschend warm. Außerdem trocken.

Paul erwartete, dass er eingeschneit war, als er die Augen öffnete. Doch stattdessen lag er in einem Bett mit einer dicken Daunendecke über ihm. Heftig strampelnd warf er sie von sich.

Die Hexe hatte ihn geholt.

Verdammt, er hätte nichts von dem Tee trinken sollen. Ja, er hatte eine große Show abgezogen, damit Lisa nichts davon trinken würde. Aber als sie dann neben ihm eingeschlafen war, hatte er sich einfach nicht mehr zusammen reißen können. Das Kratzen in seinem Hals war einfach zu stark gewesen.

Mühsam stellte er seine Füße auf dem Boden ab. Ein Schauer durchlief ihn plötzlich. Ohne die Daunendecke war die Luft im Zimmer — nein, in seinem Gefängnis — sehr kalt.

Wie lange hatte er geschlafen?

Vorsichtig trat er die wenigen Schritte zum Fenster. Schockiert stellte er fest, dass draußen Sommer war. Das Gras war grün, die Büsche trugen Früchte.

Dann fiel ihm ein, dass im Garten der Hexe ja immer Sommer war. Es war also vielleicht noch nicht alles zu spät. Da seine Beine ihn bis jetzt nicht im Stich gelassen hatten, schnappte er sich seinen Schal vom Stuhl und trat vorsichtig zur Tür.

Zu seinem Erstaunen war sie unverschlossen.

Die Tür öffnete sich in einen langen Gang mit vielen weiteren Türen. Einige davon standen offen und ließen das Licht der Fenster in den Gang. Paul bahnte sich seinen Weg über den Teppich.

Ob Lisa auch hier oben gewesen war? Ob sie den Teppich schon gesehen hatte? Sie würde ihn lieben, all die Farben, die er trug. Vielleicht konnten sie den Teppich mit nach Hause nehmen, nachdem sie die Hexe getötet hatten.

Und dann würden sie Hänsel und Gretel als Lügner entlarven.

Die Holztreppe gab keinen Laut von sich, als er hinunter stieg. Aus dem hinteren Teil des Hauses hörte Paul, wie jemand mit Töpfen und Pfannen hantierte. Der Geruch von Kartoffeleintopf stieg ihm in die Nase. Sein Bauch gab unwillkürlich ein Glucksen von sich und Paul hielt inne um zu lauschen, ob jemand ihn gehört hatte. Doch wer auch immer in der Küche war, bemerkte Paul anscheinend nicht.

Er brauchte eine Waffe. Irgendetwas, womit er die Hexe außer Gefecht setzen konnte. Doch das einzig Brauchbare war ein Wanderstock aus Holz, der hinter der Einganstür an der Wand lehnte. Das musste reichen.

Lautlos schlich er sich über den Flur in die Küche.

Da stand sie, über den Herd gebeugt.

Sie schlürfte Suppe von ihrem Kochlöffel und sah dabei so normal aus, dass Paul fast ins Stocken geriet. Doch dann holte mit dem Wanderstock aus, so weit er konnte, und ließ ihn auf den gebückten Rücken hinabsausen.

Der Stock stoppte mitten in der Luft, wenige Zentimeter über der Hexe.

Langsam drehte sie sich um.

„Ach, du bist wach. Genau rechtzeitig zum Mittagessen“, sagte sie und pflückte den schwebenden Stock aus der Luft. „Macht es dir etwas aus, den hier wieder zurück an die Garderobe zu stellen?“

Die alte Frau, die vor ihm stand, lächelte. Sie hatte keine Hakennase, sehr viel weniger Falten als Paul angenommen hatte und eine Warze war in ihrem Gesicht weit und breit nicht zu sehen. Die grüne, beblümte Schürze erinnerte ihn an die Bäckersfrau aus dem Dorf.

Zögerlich nahm er den Stock entgegen. Noch bevor ein zweites Mal ausholen konnte, ertönte plötzlich hinter ihm ein kurzer Schrei. Wenig später schlangen sich zwei Arme um seine Mitte. Die Hexe war uninteressant.

„Du bist wach“, hörte er Lisas Stimme an seinem Rücken. Ohne ihn loszulassen schlich sie um ihn herum.

Doch das Mädchen, das ihn nun anblickte, sah nicht aus wie seine Schwester.

Ihre Haare waren gekämmt und hingen in zwei geflochtenen Zöpfen über ihre Schultern. Sie trug einen dicken roten Wollschal und als sie einen Schritt zurück trat um ihn von Kopf bis Fuß zu mustern, erkannte er, dass sie ein neues Kleid trug. Und Handschuhe.

Doch das Grinsen in ihrem Gesicht war so typisch Lisa, dass er sie zurück in seine Arme zog.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, raunte sie ihn sein Hemd. „Aber sie hatte versprochen, dass du gesund wirst.“

Plötzlich war im Haus ein Höllenlärm. Ein kalter Windstoß zog durch die offene Eingangstür in die Küche und brachte Fußstapfen und Kinderlachen mit sich. Lisa entzog sich Pauls Umarmung, nahm ihm den Stock aus der Hand und ging zurück in den Flur, wo andere Kinder gerade das Haus betraten. Er sah Lisa dabei zu, wie sie ihren Mantel ablegte — und die Handschuhe — den Stock am Eingang abstellte und einen Korb mit Beerenobst vom Boden aufhob. Auch die anderen Kinder hatten Körbe mit Obst oder Gemüse in den Händen und entledigten sich lachend unter viel Getöse ihrer Wintersachen.

Paul erkannte das Mädchen, das sie beim Baum gesehen hatten und erinnerte sich plötzlich wieder daran, was er eigentlich wollte.

Hexe töten, Lisa schnappen und ab nach Hause.

Die Hexe zu töten schien bei Weitem nicht so einfach zu sein, wie gedacht, auch wenn sie für ihn günstig nah am Ofen stand. Er konnte immer noch Lisa schnappen und davon laufen. Doch die kam ihm grinsend entgegen und lachte über etwas, das eines der anderen Kinder gesagt hatte. Sie sah kein bisschen so aus, als ob sie verängstigt wäre.

Im Trubel der Kinder wurde Paul mit an den übergroßen Küchentisch geschoben, wo jeder einen Platz fand. Er zählte noch sechs andere Kinder.

„Ich bin übrigens Maja. Schön, dich wieder auf den Beinen zu sehen.“ Das Mädchen von der Tanne hatte neben ihm Platz genommen. „Und gerade rechtzeitig.“

„Wieso rechtzeitig?“ Wieviel Zeit blieb ihm noch zur Flucht?

„Morgen ist doch Weihnachten. Ein besseres Geschenk als dich wieder auf den Beinen zu sehen, gibt es für Lisa sicher nicht.“

Paul schaute auf seine Hand, die Lisa fest umschlungen hielt. Ihre Hände waren warm, obwohl sie von draußen kam.

„Paul?“ Ein Junge schräg gegenüber von Paul hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und schaute ihn neugierig an. Er kam Paul bekannt vor. „Ich bin’s, Thomas. Ist schon ein paar Jahre her.“ Er grinste breit.

Paul nickte bloß, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Was machte Thomas hier?

In der Zwischenzeit hatte die Hexe einen Stapel mit leeren Schüsseln auf den Tisch gestellt und ein Kind nach dem anderen stand auf, um sich vom Herd von der Suppe zu nehmen.

Lisa zupfte an Pauls Hand als sie beide an der Reihe waren und zog ihn dann mit sich. Entsetzen machte sich in Paul breit. Lisa schlürfte genau wie die anderen Kinder von der Kartoffelsuppe.

„Iss, Paul. Ich erkläre dir nachher alles“, sagte die Hexe dann und zu seinem Erstaunen hob seine Hand den vollen Löffel zum Mund, ohne dass er den Befehl dazu gegeben hätte.

***

„Du hast sicher viele Fragen“, sagte die Hexe später, als Paul sich die Hände an einem Wischtuch abtrocknete. Er war zum Abwasch geblieben, weil das an diesem Tag wohl Lisas Aufgabe war und er seine Schwester keine Sekunde mehr aus den Augen lassen wollte.

„Keine Fragen“, sagte er. „Wir gehen nach Hause.“ Er versuchte, so viel Autorität in seine Stimme zu legen wie sein Vater es immer tat, wenn es keine Diskussion zu einem Thema mehr geben würde.

„Das könnt ihr gern, nachdem ihr eure Ausbildung abgeschlossen habt“, sagte die Hexe. Sie schickte Lisa nach oben, damit sie mit Maja lesen üben konnte. Als Paul seiner Schwester folgen wollte, lief er gegen eine durchsichtige Wand. „Lass uns ein paar Minuten allein reden.“

Die Hexe setzte sich an den Küchentisch und schenkte Tee in zwei Becher ein.

„Du bist ein schlauer Bursche“, sagte sie. „Aber ich fürchte, man hat dich in Bezug auf mich angelogen.“

Paul nahm einen Schluck von dem Tee und wurde von Wärme durchflutet. Er spürte, wie die Kraft in seinen Beinen langsam wieder zur Normalität zurück kehrte.

„Ja, ich bin eine Zauberin“, fuhr die Hexe dann fort. „Aber ich entführe keine Kinder, geschweige denn, dass ich sie fresse. Kinder werden zu mir geschickt.“

„Von wem?“, fragte Paul.

„Weißt du, Paul, das Leben als Erwachsener ist nicht immer einfach. Vor allem nicht, wenn die Mittel nicht ausreichen. Ernteausfall oder ein fischarmer Sommer reichen da schon aus, um eine Familie in Bedrängnis zu bringen.“

„Wer schickt die Kinder zu Ihnen?“

„Du stellst gleich die schwierigen Fragen“, sagte die Hexe und nahm dann selbst einen Schluck von ihrem Tee.

Wie von selbst drängte sich plötzlich ein Bild vor Pauls inneres Auge: Thomas, fünf Jahre jünger als jetzt, wie er mit den anderen Kindern im Dorf Schiffchen am Fluss baute. Er war kurz danach verschwunden, aber niemand hatte darüber gesprochen. Pauls Eltern hatten einen Monat lang die Straßenseite gewechselt, wann immer sie Thomas’ Eltern begegneten. Genauso hatten es alle anderen im Dorf getan, als ob sie etwas Schlimmes angestellt hätten.

Zum Beispiel ihr Kind an eine kinderfressende Hexe zu verkaufen.

„Ich bin mir sicher, du verstehst, was das für eine schwierige Entscheidung ist“, sagte die Hexe. Paul schüttelte den Kopf. „Ich werde dich und deine Schwester hier ausbilden. Ihr werdet alles lernen, was ihr für euer Leben braucht. Und dann könnt ihr den Wald verlassen und euch eine Existenz aufbauen.“

„Es ist noch nie ein Kind zurück gekommen“, sagte Paul.

„Nicht dahin, woher sie gekommen sind, das stimmt. Nun ja, bis auf die beiden aus eurem Dorf.“

„Hänsel und Gretel.“

„Ja, sie wollten unbedingt zurück. Ich hatte die Hoffnung, dass sie mit ihrer Heldengeschichte dem Ganzen ein Ende bereiten würden. Weißt du, ich bin nicht mehr die Jüngste. Aber ich fürchte, mit eurem Verschwinden ist die Legende wieder auferstanden.“

„Warum haben Sie uns dann aufgenommen?“

„Ich bin genauso an den Zauber gebunden wie diejenigen, die ihn aussprechen. So ist das mit der Magie.“ Die Hexe seufzte. Die Teekanne auf dem Tisch war plötzlich verschwunden. „Aber jetzt zeige ich dir erstmal das Haus.“

„Was ist, wenn ich jetzt schon gehen will?“ Er sollte nicht fragen, sondern es einfach tun. Wo war Lisa?

„Das kannst du versuchen“, sagte die Hexe über ihre Schulter hinweg als sie, dicht gefolgt von Paul, in den Flur trat. „Und wenn du es schaffst, werde ich schwer beeindruckt sein. Es gab mal einen Jungen, der ist das gesamte erste Jahr jeden Tag früh davon gelaufen, um einen Weg nach Hause zu finden. Er kam jeden Abend wieder.“

„Aber jetzt ist er fort, richtig?“ Es musste eine Möglichkeit geben.

„Nein, er ist in euer Dorf zurück gekehrt.“ Die Hexe zwinkerte Paul über ihre Schulter zu, während sie ihm aus einem Schrank im Flur einen Schal, eine Mütze und Handschuhe in die Arme drückte und ihn dann nach oben zurück in sein Zimmer führte. „Er kommt morgen zu Besuch, da kannst du ihn fragen.“

„Hänsel und Gretel kommen zu Besuch?“

„Natürlich. Morgen ist doch Weihnachten“, sagte die Hexe.

„Wegen der Magie?“, fragte Paul entsetzt.

„Nein, wegen der Familie.“

Dann lachte die Hexe. Wenn sie das tat, sah sie zehn Jahre jünger aus. Gar nicht alt und runzlig, wie er sie sich vorgestellt hatte. Aber das Haus bestand ja auch nicht aus Pfefferkuchen, wie er es sich vorgestellt hatte. Und Lisa, die im Zimmer gegenüber mit Maja auf dem Bett saß und laut Worte formulierte, die anscheinend auf dem Papier in ihrer Hand standen, sah auch nicht so aus als ob sie um ihr Leben bangte, so wie er es sich vorgestellt hatte.

Nein, Lisa hatte jetzt Handschuhe.

Und Paul hatte einen Schal.


Hexen und Handschuhe. Der Winter hat etwas Magisches an sich, findet ihr nicht? Was meint ihr, plant Paul schon seine Flucht für den nächsten Tag?

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One thought on “Pfefferkuchenhaus – Eine Kurzgeschichte

  1. Papili

    Ich hatte ja schon immer den Verdacht, dass mit Hänsel und Gretel was nicht ganz stimmt. Heute würde man wohl fake news dazu sagen, dabei ist diese Storry quasi schon ein richtiger fake oldie. Und nach so langer Zeit der Irreführung hat sich endlich mal eine in den Märchenwald hineingetraut und die Geschichte zumindest ein bisschen wieder auf die Füße gestellt. Klingt doch jetzt alles gar nicht mehr so irreal gruselig und ist sehr viel einleuchtender, obwohl …?
    Egal, es lassen sich so richtig keine Gegenargumente finden und so nehme ich für heute erstmal diese wirklich gelungene Version als gegeben.
    Also Kinder aufgepasst, es war eigentlich alles ganz anders …

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