Schreiben braucht Mut. Aber anders.

Eigentlich hatte ich für diese Woche ein anderes Thema geplant.

Schließlich habe ich schon Themen für die folgenden Wochen festgelegt, damit das Schreiben dann schneller geht. Aber irgendwie hat sich das Thema dann doch nicht mehr richtig angefühlt.
Denn wie soll ich über’s Schreiben schreiben, wenn ich momentan gar nicht schreibe?

Ja, genau. Vielleicht sollte ich es nochmal laut sagen:

Momentan schreibe ich nicht.

Nicht, weil ich gerade zu viel zu tun habe. Nicht, weil ich abends müde in’s Bett falle und mich früh müde wieder raus schäle. Nicht, weil das Lektorat der Kurzgeschichtensammlung so viel Arbeit in Anspruch nimmt.

Nein. Ich schreibe momentan nicht, weil ich mich davor drücke.

Und während ich mehr oder weniger verzweifelt versuche, die Gründe dafür zu analysieren, rinnt mir die Zeit durch die Finger. Frei nach dem Motto:

Gar nichts erlebt. Auch schön.

– Mozart, Tagebuch vom 13. Juli 1770

Das „eigentlich“ Wissen

Eigentlich weiß ich ja, welches Projekt ich als nächstes in Angriff zu nehmen habe. Ich habe letztes Jahr den ersten Entwurf meines Großprojekts „Morpheus“ fertig gestellt und dann mit dem Lektorat begonnen.

Dabei wurde aber irgendwie nichts besser, sondern alles viel schlimmer. Es war, als hätte ich eine Schublade in meinem Zimmer aufräumen wollen, aber am Ende alles aus den Schränken geholt und mit Fensterputzen angefangen. Nichts funktionierte mehr so, wie es ursprünglich geplant war.

Und dann kam die Kurzgeschichtensammlung. Da hatte ich erstmal etwas Leichteres, auf das ich mich konzentrieren konnte.

Oder besser: Ich hatte eine Ausrede.

Statt mein umgekrempeltes Zimmer aufzuräumen habe ich einfach das Haus verlassen und bin in eine Zweitwohnung gezogen. Aber nun muss ich die räumen, denn die Nachmieter — also die Leser — wollen einziehen.

Und da stellt sich die Frage:

Will ich wirklich in das alte Zimmer zurück? Oder lieber alles in ein neues Zimmer sortieren?

Zugegeben, der Zimmer-Vergleich hinkt an einigen Stellen. Denn wenn ich zu Hause alles aus meinen Schränken hole, kann ich nicht plötzlich meine Klamotten in die Küche sortieren, weil ich auf mein Schlafzimmer keine Lust mehr habe.

Aber im übertragenen Sinn geht das schon.

Ich muss den ersten Entwurf nicht weiter verschlimmbessern. Ich kann auch alles, was ich gelernt habe, nutzen und einen neuen ersten Entwurf schreiben.

Das klingt absolut logisch, aber trotzdem habe ich mit mir gehadert.

Denn sagen nicht immer alle, dass der erste Entwurf das Grundgerüst ist, an dem man arbeitet? Dass man den braucht, um etwas Gutes zu produzieren?

Wenn ich also noch einmal anfange, mache ich da die ganze Arbeit vorher wieder zunichte?

Die Frage hat mich eine ganze Weile beschäftigt.

Und dann noch eine Weile.

Und dann…

…Musste ich meiner Freundin erklären, warum genau ich eigentlich momentan nicht schreibe.

Wo, fragte sie, läge eigentlich mein Problem?

Ich wollte ihr wirklich erklären, dass im schlimmsten Falle die Autoren-Polizei vor meiner Tür steht und meinen Kopf einfordert. Eine falsche Entscheidung und alles — ja, ALLES — fällt den Abgrund herunter.

Ich gebe zu, als mir diese Antwort durch den Kopf schoss, kam sie mir selber ziemlich blöd vor. Deswegen habe ich sie auch nicht laut ausgesprochen. Stattdessen kam eher so etwas aus meinem Mund:

Ich habe Angst.

Angst davor, an dem Projekt zu scheitern. Angst davor, dass ich die Geschichte in all den Veränderungen nicht mehr wieder finde. Angst davor, irgendwelche ungeschriebenen Kreativitäts-Gesetze zu brechen und mich im Kreis zu bewegen.

Aber auch Angst davor, das Ganze tatsächlich fertig zu stellen und es dann der Welt zu präsentieren.

Je mehr ich davon erzähle, desto mehr wird mir bewusst, wie viel Mut ich für das Schreiben aufbringen muss. Na gut, vielleicht nicht für das Schreiben an sich. Aber für das Präsentieren.

Mit jeder Geschichte zeige ich euch ein Stück von mir selbst.

Von mir, von dir, von irgendwas dazwischen.

Ich lese gerade „Big Magic“ von Elizabeth Gilbert. Sie beschreibt darin einen wundervollen Austausch mit einer Leserin ihres Buches „Eat Pray Love“:

Eines Tages kam eine Frau zu Ihrer Autogrammstunde und sagte ihr, das Buch habe sie motiviert, ihren gewalttätigen Mann zu verlassen. Vor allem die Stelle, an der Gilbert beschreibt, wie sie eine einstweilige Verfügung gegen ihren Mann erwirkt, weil sie genug von ihm hat, habe sie inspiriert.

Gilbert war verwirrt, denn: Das ist in ihrem Buch nie passiert.

Die Leserin hatte vielmehr ihre eigene Situation in das Buch hinein gelesen. Sie brauchte einen Anstoß und hat den in Gilberts Buch gefunden — auch wenn die Gründe für Gilberts Scheidung ganz andere waren.

Im ersten Moment musste ich bei der Stelle lachen. Aber dann hat sie mich nachdenklich gestimmt.
Ich habe Angst, dass ich mit meinen Geschichten mich selbst preis gebe. Aber auch wenn ich das tue, findet mich jemand?

Ist es nicht vielmehr so, dass sich jeder selbst in der Geschichte finden sollte — egal, ob ich es genauso wollte oder nicht?

Ich kann nicht kontrollieren, wie mein Geschriebenes beim Leser ankommt oder was es auslöst. Ich kann nur kontrollieren, was es in mir auslöst.

Wenn die Geschichte fertig ist, muss ich sie loslassen.

Vielleicht ist es tatsächlich wie bei einem Kind, dem man das Laufen beigebracht hat. Es wird sicher fallen, stolpern, sich die Knie aufschürfen. Deshalb darf man es trotzdem nicht ständig an die Hand nehmen.

Auch meine Geschichten werden anecken, Gemüter erhitzen oder einfach versacken. Deshalb darf ich sie trotzdem nicht in meinem Laptop gefangen halten.

Also atme ich jetzt tief durch.

Und dann bringe ich meinem Morpheus das Rennen bei.

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