Seidenfein – Eine Kurzgeschichte

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Lara hat einen Job. Endlich, nach so vielen Bewerbungen. Hochmotiviert will sie den am liebsten gleich antreten und reist einen Tag eher an als vorgesehen. Doch auf der Farm scheint niemand sie zu erwarten. Und überhaupt ist dort nicht alles so, wie es scheint…

Lesesdauer: ca. 20 Minuten


Das Wärterhaus neben dem Tor war leer. Lara kramte die Zugangskarte aus dem Umschlag und zog sie durch den angebrachten Scanner.

Nichts rührte sich.

Sie zog die Karte erneut durch und bemerkte dann, dass am Scanner selbst kein Lämpchen brannte. Außer Betrieb.

Vorsichtig drückte sie gegen die kleine Tür, die in das Tor eingelassen war. Entgegen Laras Erwartungen ließ sie sich ohne Probleme geräuschlos aufschieben.

Unglaublich. In so einem großen Unternehmen, kein Wärter und eine offene Eingangstür. Gut, sie war erst für morgen angekündigt, aber es konnte doch jederzeit ein Gast kommen und niemand war da, um ihn zu empfangen.

Vielleicht waren ja alle panisch damit beschäftigt, eben diese Zugangsbeschränkungen zu reparieren.

Mit der Tasche in der einen und dem Umschlag in der anderen Hand marschierte Lara auf Gebäude zu, das ihr auf dem Lageplan markiert worden war. Es war auch das einzige, das so aussah als könnte es Büros beherbergen. Ansonsten befanden sich auf dem riesigen Gelände drei große Lagerhäuser.

Die Tür zu dem Haupthaus war nur angelehnt und Lara trat in den dunklen, kühlen Flur. Auch hier war alles still. Eine Küche ging nach rechts ab. Der Anweisung im Umschlag nach lag ihr Zimmer mit der Nummer 102 im Obergeschoss, also stieg sie die steile Treppe hinauf.

So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt. Sie hatte ihre feinsten Sachen angezogen. Auch wenn ein geübtes Auge sicherlich sofort erkennen würde, dass die Jacke zu groß war und die Bluse am Kragen einen Fleck hatte, der nicht mehr herauszuwaschen ging. Ihre Mutter hatte sogar — in ihrer üblichen Übereifrigkeit — das Logo der Spider Silk Farms in die Jacke gestickt. Das zeigte Führungsqualitäten und Unternehmensverbundenheit, hatte sie gesagt. Beides Qualitäten, nach denen Firmen heutzutage suchten.

Sie fand ihr Zimmer sofort. Eine Nummerierung war eigentlich zwecklos, denn vom Gang gingen nur drei Zimmer ab. Der Masse an Bewerbern bei dem Vorstellungsgespräch nach zu urteilen, hatte Lara mehr Zimmer erwartet. Und im allgemeinen mehr Menschen.

Das Zimmer war klein, mit einem winzigen Fenster. Das Bett stand an der rechten Wand. Darauf lag ein Rucksack, dessen Inhalt großzügig im Raum verteilt war. Hosen, T-Shirts, Boxershorts. Wie blöd musste man eigentlich sein, bei den wenigen Optionen das falsche Zimmer zu belegen?

In dem vergilbten Spiegel über dem Waschbecken prüfte sie noch einmal ihr Erscheinungsbild. Sie hatte ihre braunen Haare nach hinten gesteckt und trug die Perlenohrringe ihrer Großmutter. Als Glücksbringer. Kein Make-Up. Schwarze Stoffhosen und flache, aber hübsche, Schuhe — schließlich wusste sie noch nicht, welche Arbeit sie genau hier erwartete. Sie hatte gehört, dass die Arbeit auf den Seidenfarmen eher fließend verteilt wurde. Was anfiel, wurde von allen erledigt.

Sie ging zurück nach unten und stellte ihre Tasche in der Küche ab. Die Sache mit dem Zimmer könnte sie auch noch heute abend klären, wenn sie erstmal die anderen gefunden hatte. Es gab offensichtlich viel zu tun, wenn sie bis jetzt noch niemanden angetroffen hatte.

Die Unterlagen, die das Unternehmen Lara mit der Jobzusage zugesandt hatte, schickten sie zunächst in eine der Lagerhallen. Sie steckte den Umschlag in ihre Tasche zurück. Trotz der Hitze draußen behielt sie ihre Jacke an und machte sich auf die Suche nach ihrem Vorgesetzten. Irgendjemand musste doch hier das Sagen haben. Und dieser jemand würde sich sicherlich freuen, wenn die Neue schon einen Tag eher da war.

Die Seidenfarm hier im Norden der Stadt war die kleinste der fünf Farmen des Unternehmens. In den drei Lagerhäusern, die Lara schon flüchtig gesehen hatte, wurde die Seide produziert. Durch ihre besondere Struktur hielt sie Wärme und Kälte vom Körper ab, schützte vor UV-Strahlung und passte sich perfekt an die Figure des Trägers an. Es war „die“ Seide, die jeder trug, der das Geld dazu hatte.

Wozu Lara definitiv nicht gehörte.

Die Eingangstür der ersten Lagerhalle führte zunächst in einen kleinen Raum, von dem aus zwei weitere Türen abgingen. Sie klinkte an der Tür zur Halle, doch die öffnete sich nicht. Sie griff nach der Zugangskarte in ihrer Jackentasche, doch da war sie nicht. Sie hatte alle Unterlagen in den Umschlag zurück gesteckt. Die Karte lag also noch im Haupthaus.

Die andere Tür führte in ein Treppenhaus. Daneben war kein Scanner. Hier konnte Lara ihre Suche erstmal fortsetzen, bevor sie ihre Karte holen ging.

Die Tür war unverschlossen. Doch auch im Treppenhaus war es still. Langsam musste Lara doch jetzt mal auf jemanden treffen, der hier arbeitete. Spider Silk suchte immer neue Leute und, zumindest in ihrer Gegend, arbeitete mindestens einer von jeder Familie für das Unternehmen. Wo waren die denn alle?

Die Treppe führte sie in ein Obergeschoss und zu einer weiteren Tür mit Zugangsscanner. Doch, genau wie beim Tor, brannte kein Lämpchen und die Tür ließ sich problemlos öffnen.

Lara trat hinaus auf eine Anhöhe innerhalb der Lagerhalle. Rings herum an der Hallenwand verlief ein verglaster Gang, der mit einem Gitter verstärkt war. Die Halle musste um einiges gekühlt sein, denn trotz des Glases drangen die niedrigen Temperaturen zu ihr durch. Jetzt war sie froh, ihre Jacke dabei zu haben.

Als Lara nach unten schaute, erblickte sie einen Wald voll weißer Türme. Das war sie also, die mysteriöse Spinnenseide. Aufgewickelt in meterhohe Cocoons. Wie viele Spinnen wohl in einem solchen Cocoon lebten? Lara hatte immer gedacht, Spinnen wären Einzelgänger. Doch diese Cocoons mussten von hunderten Spinnen erbaut worden sein.

Etwa zehn Cocoons standen in der Halle, die — abgesehen von einigen Spinnweben zwischen den Cocoons — sehr sauber aussah. Bis auf die hinterste Ecke, die Lara erst jetzt bemerkte. Ein riesiges Netz war dort gespannt, sicherlich dreimal so groß wie einer der Cocoons.

Eine Tür öffnete sich unterhalb Laras Füßen und fiel mit einem lauten Krachen wieder ins Schloss. Endlich jemand. Lara klopfte an die Glasscheibe, doch das Geräusch klang seltsam dumpf.

„Wow“, hörte sie eine männliche Stimme. „Das ist ja irre.“

Die Stimme kam von der Ecke des Gangs und als Lara genauer hinsah, entdeckte sie einen Lautsprecher. Das Glas war anscheinend dicht.

Der junge Mann trat nun weiter in die Halle. Bedächtig streichelte er einen der Cocoons. Er war sicherlich auch neu hier. Vielleicht wurde er gerade eingewiesen. Das würde erklären, warum Lara bis jetzt niemanden gesehen hatte. Sie war zwar einen Tag zu früh, aber doch zu spät für die Einweisung.

Das würde den guten ersten Eindruck wieder zunichte machen.

Plötzlich bemerkte Lara im Augenwinkel, dass sich im hintersten Spinnennetz etwas bewegte. Ihr Blick hing an dem Gebilde, das sich plötzlich zu öffnen schien. Die dunkle Farbe des Netzes war keineswegs Dreck, wie Lara nun sah. Sie war eher ein Schatten von dem, was jetzt daraus hervortrat.

Eine Spinne.

Eine Spinne, die größer war als jede Spinne das Recht zu sein hatte. Lara war, zugegebenermaßen, keine Leuchte in Biologie gewesen, doch von solchen Spinnen hätte sie sicherlich gehört. Vogelspinnen galten als die größten Spinnen der Welt, und sie waren etwa handtellergroß.

Doch diese hier war etwa zwei Meter — so hoch wie die Cocoons in der Halle.

Die Cocoons in denen wahrscheinlich doch keine Spinnenkolonien lebten. Das waren wohl eher Netze für Riesenspinnenkinder.

Die Spinne bewegte sich lautlos auf den jungen Mann zu. Der war noch damit beschäftigt, die Größe der Cocoons zu bestaunen, als auch er die Spinne entdeckte.

Er sagte nichts. Von hier oben konnte Lara seinen Gesichtsausdruck nicht lesen, doch sie hörte seine zögerlichen Schritte rückwärts auf die Tür zu. Er klinkte. Sie öffnete sich nicht.

„Hey“, rief er. Die Spinne zuckte hinter einem Cocoon zurück. Er atmete auf. Doch, für ihn nicht sichtbar, wich die Spinne nun zur Seite aus. Lara klopfte gegen das Glas, doch es verhallte dumpf. Nicht mal die Spinne blickte zu ihr auf.

„Hallo“, rief der junge Mann, diesmal auf die Tür gerichtet. Von innen gab es keinen Scanner, das hatte er nun bemerkt. Seine Stimme nahm einen leicht panischen Unterton an. „Hallo, die Tür! Die Tür klemmt!“ Er hämmerte dagegen, doch sie öffnete sich nicht. Er klinkte erneut, wieder und wieder.
Die Spinne unterdessen hatte sich lautlos ihren Weg durch die Cocoons gebahnt. Lara schlug die Hand vor den Mund. Sie musste etwas tun. Sollte sie zurück ins Haupthaus, ihre Karte holen? Oder lieber jemanden finden, der hier arbeitete? Warum kam niemand?

Der junge Mann hatte die Spinne nun gesehen und ließ sich langsam, die Hände beschwichtigend vor sich gehalten, rückwärts in die Halle drängen. Lara schüttelte den Kopf. Sah er nicht, dass sein Weg zur Tür nun abgeschnitten war?

„Hallo du“, sagte er ruhig. „Ich tu dir nichts. Ich bin auch gleich wieder weg. Ich muss nur kurz da zu der anderen Tür. Ganz ruhig.“

Die andere Tür, die Lara gar nicht bemerkt hatte, lag hinten in der Halle, direkt neben dem riesigen Spinnennetz. Und daneben war ein Scanner für die Zugangskarte. Das Unternehmen musste wirklich in die Sicherheit investieren, dachte Lara wie erstarrt.

Sie sollte jemanden holen. Doch wen? Etwas rufen. Doch was? Irgendwas.

Die Spinne, so riesig und doch wendig folgte dem jungen Mann durch die Halle, trieb in hierhin und dorthin. Zur Tür, ja, aber auch direkt in den dichten Cocoon-Wald hinein. Und dort, zwischen den Cocoons, sah Lara im letzten Moment etwas schimmern.

Er schrie auf, als sein Rücken gegen das Netz stieß. Er versuchte sich loszureißen, doch die Fäden klebten an ihm, zerrten ihn weiter und weiter in sich hinein. Er war gefangen, in der Mitte der Halle, zwischen zwei Cocoons. Er schrie lauter und kämpfte gegen das undurchdringliche Netz.

Der Stoff war reißfest, dachte Lara, während die Spinne sich bedächtig näherte und in Windeseile mehr Fäden spann.

Dann verstummte das Schreien plötzlich.

Binnen Sekunden war von dem jungen Mann nichts mehr zu sehen. Nur ein Cocoon, gut zwei Meter hoch, in blütenreinem Weiß.

„Du bist ja hardcore.“ Lara zuckte zusammen, drehte sich und stolperte über ihre eigenen Füße. Sie landete hart auf dem Fußboden. Vor ihr hatte sich ein Kerl aufgebaut, etwas älter als sie, mit breiten Schultern und noch breiterem Stand. Seine blonden Haare standen wüst in alle Richtungen ab. Auf seiner Jacke war das Spider Silk Symbol aufgestickt.

Zu ihrer Überraschung lachte er.

„Mensch“, sagte er, „du bist ja eine. Guckst dir ohne Probleme die Futterzeit unserer lieben Gerda da an, aber beim leisesten Geräusch kippst du aus den Schuhen.“ Er reichte ihr die Hand und half ihr zurück auf die Füße.

„Er hätte eigentlich gestern schon anreisen sollen,“ redete er weiter. „Für morgen ist eine weitere Futterration angesagt. Nicht für Gerda, klar. Aber trotzdem. Ich habe immer gern einen Tag Zeit dazwischen. Die Arbeit wird ja nicht weniger. Ich bin übrigens Carl.“

Er hielt ihr die Hand noch einmal hin und Lara schüttelte sie zögerlich.

„Und du bist…?“

„Oh, ich bin… die Neue. Lara.“

„Die Neue? Oh wow. Das haben die mir da oben gar nicht gesagt! Aber dich schickt der Himmel. Seit Monaten bettele ich, dass sie mir noch jemanden schicken, der mit anpackt. Seit Monaten, ja. Kaum zu glauben, dass sie mich endlich erhört haben.“

„Du bist hier allein?“ fragte Lara. Ihr Stimme klang anders, so fremd, so normal zugleich. Was hatte sie dort eben gesehen?

„Ja, kaum zu glauben, oder? Kein Budget, sagen die immer. Aber mal ehrlich, wir produzieren hier die beste Seide der Welt und die können nicht mal zwei Leute hier beschäftigen, die dafür sorgen, dass unsere Spinnchen glücklich sind?“ Hatte er eben Spinnchen gesagt?

„Kaum zu glauben“, hauchte Lara. Carl führte sie aus der Lagerhalle. Lara erschauerte als die draußen in die trockene Hitze trat. Ein Mensch war da drinnen. Eine Riesenspinne war da drinnen. Und die Cocoons…

„Wir werden erst heute abend aufräumen und ernten. Jetzt ist Gerda noch zu aufgeregt. Wo kommst du eigentlich her?“

„Norden.“ Lara hatte sich angewöhnt, ihre Herkunft nicht weiter zu spezifizieren. Das Viertel, aus dem sie stammte, war als das ärmste Ghetto der ganzen Stadt verschrien. Nicht zu unrecht, das musste sie zugeben. Doch wann immer sie ihre Adresse angab, hoben die Leute ihre Augenbrauen und aus einem vielversprechenden Bewerbungsgespräch wurde plötzlich ein „Wir suchen niemanden.“

„Von der Nordfabrik? Was hast du denn verbrochen, dass sie dich hier her versetzt haben? Na ja, mir soll’s recht sein. Aber hier wirst du ein bisschen mehr anpacken müssen.“

Lara setzte an, ihm zu widersprechen. Nicht aus der Nordfabrik, sondern… Nein, das sollte sie nicht erwähnen.

Carl ging direkt ins Haupthaus in das Zimmer, das Lara eigentlich bewohnen sollte. Beim Anblick des Bettes seufzte er.

„Erst zu spät kommen und dann noch so eine Unordnung hinterlassen. Sowas kann ich vielleicht leiden.“ Er begann, die Sachen auf dem Bett zurück in den Rucksack zu stopfen. Nach einem Monat sah er Lara an. „Bist du da um zu helfen oder um zuzuschauen?“

Zögerlich begann Lara am anderen Ende des Bettes. Unter einer Reihe von Elektronik fand sie einen Umschlag. Sie schüttete den Inhalt auf die Bettdecke.

Der Brief darin sah genauso aus wie ihrer. Derselbe Lageplan, dieselben Anweisungen. Unter dem Schreiben war noch der Klebestreifen für die Zugangskarte.

Carl hatte gesagt, für morgen war noch ein Neuankömmling geplant.

Sie sollte eigentlich erst morgen anreisen.

Carl wusste nichts von einer neuen Hilfe.

Aber für so etwas wurden doch keine Bewerbungsgespräche geführt. Niemand führte ein Gespräch mit jemandem, den er…

Carl riss sie aus ihren Gedanken als er ihr das Papier aus der Hand nahm.

„Du machst mich fertig. Du willst doch jetzt hoffentlich nicht noch eine Trauerfeier abhalten? Was macht ihr denn da den ganzen Tag oben?“

„Ich… wir…“ Lara holte tief Luft und stählte sich. „Ich musste so etwas noch nie machen.“ War ja keine Lüge. Carl schüttelte den Kopf.

„Das sehe ich.“ Er zeigte auf ihre Schuhe. „Bürojob, nehme ich an? Tja, tut mir leid, aber hier musst du alles machen. Auch aufräumen.“

Lara nickte. Sie griff nach den restlichen Sachen des jungen Mannes und folgte Carl hinaus hinter das Haupthaus. Dort befand sich eine tiefe Grube, in die Carl ohne zu zögern den Rucksack warf. Lara tat es ihm mit den restlichen Sachen nach.

„Der erste ist immer der schwerste“, sagte Carl und zeigte auf das Tablet, das vor ihr an der Reeling angebracht war. „Den roten.“

Lara tippte auf das rote Feld. Unter ihr zischten Flammen aus den Grubenwänden.

Binnen Sekunden war von dem Rucksack nichts mehr erkennbar.

Als Lara Carl erklärte, sie hätte keine Zugangskarte bekommen, seufzte er und murmelte etwas von inkompetenten Bürokraten. Er holte in der Küche eine Karte aus einem Schubfach, zog sie über ein Tablet und reichte sie ihr dann.

„Das System hier hat manchmal Macken“, sagte er. „Es spinnt eben manchmal.“ Er schaute Lara mit großen Augen an und lachte dann schallend. Lara unterdrückte den Drang, loszuheulen.

Carl reichte ihr gleich das Tablett mit den Worten, „Deinen Namen brauchen wir noch für die Registrierung“. Nachdem Lara fertig getippt hatte, kam eine Willkommensmeldung und dann sah sie gleich oben rechts eine Akte im Status „Verspätet“. Sie tippte darauf und das Gesicht des jungen Mannes starrte ihr entgegen. Er hatte Thomas Hinterton geheißen und hatte keine zwei Straßen von ihr entfernt gewohnt. Ein grüner Button unten hieß „Erledigt“.

Laura tippte darauf.

„Ich schaue mir die Akten immer erst hinterher an, wenn ich das Papier hab. Hab sonst einfach keine Zeit. Und das ganze Technikzeugs ist eh nichts für mich.“

„Das vorhin“, begann Lara. „Sowas habe ich noch nie gesehen“, platzte sie heraus.

„Kann ich mir vorstellen. Ganz schöne Snobs da oben. Ich wette, bei euch kriegen die Leute auch Nummern und keine Namen“, brummte er.

„Mit Nummern wäre es einfacher“, sagte Lara.

„Deswegen schaue ich mir die Akten auch immer erst hinterher an. Ist besser, wenn’s dann schon vorbei ist.“

„Der Scanner am Tor ist kaputt“, sagte Lara dann. „Das solltest du dir mal ansehen.“ Carl lachte. Sie machten sich auf den Weg zur Lagerhalle.

„Ja, ich weiß schon. Bin ich noch nicht dazu gekommen. Aber Hauptsache, die Scanner an den Lagerhallen funktionieren. Nicht, dass es die Spinnchen nach draußen ziehen würde…“

„Sie mögen die Hitze nicht.“

„Sie mögen vieles nicht. Hitze, Lärm, Helligkeit, Schmutz. Ich bin den ganzen Tag nur damit beschäftigt, sie zu hegen. Und dann noch hinter den Neuankömmlingen aufzuräumen, alles wieder so herzurichten, dass der Nächste kommen kann und nicht stutzig wird. Ich bin so froh, dass sie mittlerweile wenigstens die Futterauswahl outgesourct haben. Da hätte ich nun wirklich keine Zeit mehr für.“

Carl gab ihr einen cremefarbenen Overall und zog seinen über. Dann gab er ihr eine Machete. Sie lag schwer in ihrer Hand und gab ihr eine gewisse Sicherheit. Als sie die Halle betraten, pfiff Carl in eine Pfeife um seinen Hals.

Am Ende der Halle in dem großen Spinnenhaus regte sich etwas. Die Spinne schob ihren massigen Kopf aus ihrem Netz. Carl winkte und pfiff erneut. Dreimal kurz. Die Spinne zog sich wieder zurück.

„Sie sind eigen, das gebe ich zu. Aber wenn du sie erst kennst, kommst du prima mit ihnen klar.“
Lara bezweifelte das.

Carl zeigte auf einen Cocoon keine drei Meter entfernt. Wer immer das mal gewesen war, er hatte es fast bis zur Tür geschafft. Fast…

„Ich halte fest und du hobelst unten ab“, sagte Carl. Er drückte ein wenig gegen den Cocoon und Lara kniete sich auf den Boden. Bedächtig schob sie die Machete unter den Cocoon, weiter und weiter, während Carl oben gegen drückte.

„Bitte sag mir, dass wir’s gleich haben“, sagte Lara. Sie hatte einen sauren Geschmack im Mund. Endlich kippte der Cocoon und Carl fing ihn auf. Lara war in Sekunden bei der Tür, zog ihre Zugangskarte durch den Scanner und rannte ins Freie.

Sie übergab sich hinter der Lagerhalle. Sie wollte den Cocoon weder sehen noch anfassen. Was tat sie hier eigentlich? Warum wusste niemand davon, dass hier Menschen über Menschen hineingeschleust und den Spinnen zum Fraß vorgeworfen wurden? Menschen wie Thomas.

Und wie Lara.

Das waren Menschen, die wie Lara, jahrelang ohne Job und ohne Sozialhilfe leben mussten. Menschen, die sich von dem Versprechen eines festen Jobs bei bestandener Probezeit blenden ließen. Lara selbst hatte doch von vielen gehört, die für die Fabrik arbeiteten. Doch sie hatte noch nie jemanden getroffen.

Weil es niemanden mehr davon gab.

Sie musste hier weg. Doch Carl stand schon wieder neben ihr, klopfte ihr auf die Schulter und murmelte irgendwas davon, dass sie sich dran gewöhnen würde. Dass es nicht so schlimm war.

Und seltsamerweise beruhigte sie das.

Als sie das Haupthaus wieder betrat, machte er etwas zu essen und wies ihr ein Zimmer im Obergeschoss zu.

Eins der beiden, die nicht zum Anlocken von Spinnenfutter diente.

Morgen würden sie in den vorderen Hallen arbeiten, bis der Neuankömmling „seinen Weg gegangen war“, wie Carl sagte.

„Wenn du deinen Bericht schreiben willst, nur zu“, sagte er, nachdem er gegessen hatte. Lara hatte noch nichts von ihrem Teller angerührt.

„Meinen Bericht?“

„Ja, Ich weiß, dass es nervig ist. Und ihr im Norden müsst das bestimmt nicht machen, weil bei euch ständig jemand nach dem Rechten guckt. Aber hier unten kommt niemand vorbei. Also schreiben wir Berichte. Vor allem am Anfang. Das hilft auch mit dem… du weißt schon.“ Er reichte ihr das Tablett über den Tisch. „Musst ja keine Romane schreiben. Aber du könntest erwähnen, wie toll ich dich eingearbeitet habe. Liest zwar keiner, aber trotzdem. Ich hau mich jetzt hin. Die Arbeit wird morgen nicht weniger. Vor allem nicht, wenn du wieder kotzend hinter der Hütte liegst.“

„Entschuldige“, murmelte Lara.

„Mach dir nichts draus. Wir waren alle mal Anfänger. Du musst dir ein bisschen Abstand schaffen. Dann machst du das mit links.“

Er nahm ihre Tasche und stieg die Stufen hinauf. Lara hörte seine Zimmertür ins Schloss fallen.
Sie schaltete das Tablet ein. Oben rechts blinkte ein großer Button mit der Akte für „Morgen“. Lara tippte darauf.

Und da war… sie.

Sie starrte auf ihr eigenes Bild, ihren Namen, ihre Adresse.

Das mulmige Gefühl manifestierte sich. Sie war genauso wie Thomas.

Sie war auch Futter.

Sie sollte davonlaufen. Der Scanner am Tor war noch nicht repariert. Sie konnte einfach durch das Eingangstor spazieren und die Straße entlang zurück in die Stadt.

Doch Carl hatte ihre Tasche nach oben gebracht. Und er würde Verdacht schöpfen, wenn sie plötzlich weg war und der Neuankömmling nicht auftauchte. Und spätestens wenn er die Akte sah, würde er eins und eins zusammen zählen.

Er würde seine Vorgesetzten informieren.Lara hatte gesehen, was hier vor sich ging. Das war kriminell. Sie könnte die Polizei alarmieren. Oder besser die Presse.

Aber die Leute von Spider Silk hatten ihre Daten. Sie wussten, wo Lara wohnte, kannten ihre Bankdaten und ihre Sozialversicherungsnummer.

Sie würden sie doch nicht so einfach gehen lassen.

Lara konnte auch die Akte löschen und bleiben. Sie konnte lügen und behaupten, dass der Neuankömmling es sich anders überlegt hatte.

Bleiben bedeutete all das hier.

… und einen Job.

Einen festen Job, wenn es nach Carl ging, der offensichtlich jede Hilfe gebrauchen konnte. Eine Unterkunft. Essen. Das war mehr als sie bekommen würde, wenn sie wieder ging. Wenn sie floh und eventuell, nein sogar sehr wahrscheinlich, verfolgt würde.

Sie schaute auf ihr Bild.

Nicht hinsehen, hatte Carl gesagt. Erst, wenn es schon passiert war.

Sie schloss die Augen und tippte.

Sie atmete tief aus und öffnete die Augen und starrte auf einen leeren Bildschirm.

Fliehen konnte sie später immer noch.


War das die richtige Entscheidung, was denkt ihr? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

Die Geschichte gefällt dir?

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5 thoughts on “Seidenfein – Eine Kurzgeschichte

  1. Papili

    kommt der Kumpel wieder raus aus dem Cocon und verliebt sich in Lara? befreit sie ihn? oder kommt noch ein fixerer Futterjunge?

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    1. Care Post author

      Schwierig. Ich fürchte, Lara hat gerade andere Probleme als irgendwelche Futterjungen zu retten 😉

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  2. Luise

    Hallo Carolina,

    was für eine Geschichte. Ich bin richtig froh, sie nicht vorm schlafen gehen gelesen zu haben. 😀

    Super, wie du es geschafft hast, die Leser in deinen Bann zu ziehen. Wie würde ich handeln? Keine Ahnung, zum Glück war ich noch nie in solch einer Situation! Aber wahrscheinlich genau wie deine Protagonistin. Wer will schon nicht seine eigene Haut retten? Vielleicht würde ich später überlegen, auszubüchsen oder die Gruselgeschichte irgendwie anders zu beenden, so dass ich meiner Wege gehen könnte. Aber ob so etwas gelingt?

    Ich bin gespannt auf den nächsten Blogeintrag!

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    1. Care Post author

      Ich bin auch ganz froh, dass ich die Geschichte nicht vorm Schlafen gehen geschrieben habe 😉 Schön, dass sie dir trotzdem gefallen hat!

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  3. Pingback: Frohe Weihnachten – Words I Weave

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