Seine Ruhe – Eine Kurzgeschichte

Achim will vor allem eins: seine Ruhe. Der junge Mann, der ihm nun gegenüber sitzt, will ihm genau das bieten. Doch die Konditionen sind nicht ganz das, was Achim sich vorgestellt hat…

Lesedauer: ca. 15 Minuten


„Sie sind der richtige Kandidat für unser Projekt.“

Der junge Mann, der da vor Achim saß, sah aus, als hätte er noch nicht einmal die Schule beendet. Das war so ein arroganter Schnösel, der sich über ihn lustig machen wollte, da war sich Achim sicher. Genauso wie alle anderen.

„Ich bin überhaupt kein Kandidat“, sagte er deshalb. „Ich verbitte mir so etwas.“

Der junge Mann vor ihm lächelte.

„Herr Lambrecht“, sagte er langsam. „Ich bin mir sicher, dass ich Ihre Meinung ändern kann. Geben Sie mir fünf Minuten Ihrer Zeit. Deswegen sind Sie doch gekommen.“

„Ich bin gekommen, weil ihr Arschlöcher mir sonst die Zuschüsse streicht“, schimpfte Achim. „So macht ihr das immer. Entweder, man tut, was ihr sagt oder die Zuschüsse sind weg. Halsabschneider.“

Er saß auf der vordersten Stuhlkante, den Gehstock fest in seiner Hand. Jederzeit könnte er aufstehen und gehen, das wusste er. Und das würde er. Wenn dieser junge Mann — dieses Kind — vorlaut wurde, dann würde er auf jeden Fall aufstehen und gehen.

Zuschüsse hin oder her.

Er konnte seine Frau Marlies sowieso nicht so lange alleine lassen.

Aber sein Gegenüber lächelte immer noch. Debil, sowas.

„Herr Lambrecht, wir sind nicht die Regierung. Auf Ihre Zuschüsse haben wir keinen Einfluss. Aber wir hier bei Planetary Enterprises wollen Sie unterstützen. Wir glauben, dass Sie uns ebenso unterstützen können.“

„Woher wollt ihr das wissen?“

„Aus Ihren Briefen.“ Der junge Mann holte einen Stapel Zettel aus einer Schublade neben sich und legte sie vorsichtig auf den Tisch. „Das sind doch Ihre Briefe, richtig?“

„Ja. Aber die liest sowieso niemand.“

„Ich habe sie gelesen“, sagte der junge Mann. „Jeden einzelnen. Aber ich gebe zu, ich verstehe, warum jemand anderes nach einer gewissen Anzahl vielleicht aufgegeben hat.“

Er fächerte den Zettelstapel auf und schob ihn wieder zusammen, so als ob er Achim klar machen wollte, mit welchen Mengen sie zu tun hatten. Der Stapel mit den Briefen war hoch, das wusste Achim selbst. Er hatte so viele Briefe geschrieben, an so viele Stellen, wegen so vielen Problemen. Aber die meisten blieben völlig unbeantwortet. Unbeachtet wahrscheinlich.

„Jeden einzelnen?“, fragte er nach und der junge Mann nickte. Er sah ehrlich aus. „Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet“, platzte es aus Achim heraus. „Und das ist nun der Dank. Dass meine Briefe nicht gelesen werden. Aber was soll man schon anderes erwarten von der heutigen Jugend.“

Der Mann vor ihm zuckte leicht mit den Mundwinkeln und schüttelte fast unmerklich mit dem Kopf.

„Ist doch wahr“, wetterte Achim. Die Reaktion dieses Schnösels hatte ihn angestachelt. „Die Jugend von heute weiß doch gar nicht mehr, was richtige Arbeit ist. Die sitzen die ganze Zeit nur rum und schauen sich Katzenvideos im Internet an. Oder sie filmen sich selber bei irgendwelchem Unsinn. Als wären das Dinge, die man für die Nachwelt aufheben sollte. Was genau berechtigt denn Sie dazu, hier zu sitzen und mir die Zuschüsse zu kürzen?“

„Ich habe einen Masterabschluss in Angewandter Psychologie. Ich möchte Ihnen Ihre Zuschüsse auch gar nicht kürzen. Ich möchte mit Ihnen zusammen arbeiten. Ihre—“ Der Mann brach ab, als Achim ein Lachen hervor presste. Er zog einen der Briefe aus dem Stapel und legte ihn oben auf. Achim wusste nicht mehr genau, welcher Brief das war. Er hatte schließlich viele Briefe geschrieben. „Ihre Erfahrung ist wertvoll, Herr Lambrecht. Das wissen Sie selbst am besten.“

Achims Lachen verwandelte sich in ein Husten. Er hätte auch auf den Boden gespuckt, aber er war sich immer noch nicht sicher, ob sein Gegenüber nicht doch Einfluss auf seine Zuschüsse hatte. Er brauchte sie, so sehr er es auch hasste. Für seine Frau, die daheim auf dem Sofa saß und die Wohnung nicht mehr verließ.

„Sie haben Maschinenbau studiert“, sagte der junge Mann. Wenigstens etwas Handfestes, wollte Achim sagen, doch er verkniff es sich. „Maschinenbau wird auch heute noch viel gebraucht.“

Eine glatte Lüge, das wusste auch Achim. Wer brauchte heute noch Maschinenbauer, wenn es doch Maschinen gab, die Maschinen bauten. Und zwar genauso, wie es der Programmierer eingestellt hatte. Maschinenbauer hatten ausgedient. Trotzdem hob es seine Laune. Er fand es nett von dem Jungen, dass er sich Mühe gab. Vielleicht war der doch nicht so schlecht.

„Sie scheinen mit Ihren derzeitigen Wohnverhältnissen unzufrieden, wenn ich Ihre Briefe richtig verstehe“, sagte der junge Mann dann.

„Da sind Sie der einzige, der das richtig versteht. Vielleicht auch der Einzige, der das tatsächlich gelesen hat.“

„Was genau stört Sie denn? Mit Ihren eigenen Worten, mal aus dem Bauch heraus. So ganz ohne politische Korrektheit.“

Achim lächelte nüchtern. Ohne politische Korrektheit. Der Junge wollte ihn wohl in die Pfanne hauen. Doch sein Gegenüber schien Gedanken lesen zu können.

„Wie ich schon sagte, ich bin nicht vom Staat. Ich schreibe auch nichts mit. Was Sie hier sagen, geht nur Sie und mich etwas an. Sie haben mein Wort, dass Ihre Aussage nur im Zusammenhang mit unserem Projekt verwendet wird.“

Er sollte sich gut überlegen, was er als nächstes sagte, dachte Achim. Oder auch nicht. Der Junge sah vertrauenswürdig aus.

„Es ist laut“, sagte er dann vorsichtig. „Furchtbar laut. Ständig weint oder schreit jemand. Haben Sie schon mal in einer Siedlung gewohnt? Die nennen das ‚Mehrgenerationenwohnraum‘, aber das ist doch ein Witz. Nur eine Ausrede, um all diese Menschen zusammen zu pferchen.“

Der junge Mann nickte.

„Ich wohne gar nicht so unweit von Ihnen, um ehrlich zu sein“, sagte er. „Auf der Arlington Street.“

„Dann kennen Sie das ja. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist was los. Die Kinder vor allem. Alle nicht erzogen. Aber wenn man die Eltern dazu sieht, dann weiß man ja bescheid.“

Der junge Mann gegenüber nickte andächtig.

„Sie selber haben keine Kinder, richtig?“

„Nein“, fauchte Achim. „Aber meine wären besser erzogen.“

„Da bin ich mir sicher“, sagte der Junge. Er meinte es ernst, das konnte Achim sehen.

„Diese Rücksichtslosigkeit ist eine Schande“, fuhr er fort. „Es interessiert heute niemanden mehr, ob die Kinder jemanden stören. Ob das überhaupt in Ordnung ist, wenn die im Gang Fangen spielen. Hauptsache, man muss sich nicht kümmern.“

„Die Kinder sind ja aber die meiste Zeit in der Schule“, versuchte der junge Mann zu beschwichtigen.

„Dann sind ja aber die Eltern zu Hause. Oder der Hund oder sonst irgendein kreischendes Haustier. Es grüßt ja auch niemand. Überall steht Zeug im Gang, über das man drüber fällt. Unverschämt sind sie, allesamt. Aber natürlich macht da niemand etwas.“

„Ich sehe, dass Sie einen Umzugsantrag gestellt haben.“

„Einen?“ Achim lachte trocken. Alle 14 seiner Anträge waren abgelehnt worden. Die Verwaltung hatte all seine Anmerkungen nicht als Einschränkung der Lebensqualität gewertet. Aber die Leute wohnten selber ja auch ganz sicher nicht dort. Denen war das egal.

In jeder Antwort verwiesen sie außerdem auf den Schwerbehindertenzusatz seiner Frau und das angeblich so umfangreiche Angebot zur Betreuung. Aber da meldete sich doch auch niemand. Er war den ganzen Tag mit seiner Frau allein. War doch egal, ob er das nun dort oder in einer ruhigeren Gegend tat.

„Wie ich sehe, hat Ihre Wohnung einen nicht zu verachtenden Komfortstatus“, sagte der Mann nun. Ja, auch das hatten sowohl die Wohnungsverwaltung als auch die Stadtverwaltung mehrfach erwähnt.

„Ach Schwachsinn. Als ob ein Geschirrspüler aufwiegt, dass ich nachts vor lauter Gebrüll nicht schlafen kann“, rief Achim. Am liebsten hätte er mit der Faust auf den Tisch geschlagen.

Der junge Mann nickte.

„Wir können Ihnen einen neuen Wohnraum anbieten“, sagte der junge Mann nun, endlich ohne Umschweife. „Er liegt zugegebenermaßen etwas abgeschieden, allerdings brauchen Sie sich um die Versorgung keine Gedanken zu machen. Die wird zentral geregelt. Die Lage ist ruhig und Ihr Quartier etwa doppelt so groß wie derzeit.“

Achim schaute den jungen Mann ungläubig an. Wie konnte denn solcher Wohnraum einfach zu haben sein? Warum bot man ihm das erst jetzt an? Erst jetzt, nachdem er doch die letzten Jahre unablässig Briefe geschrieben hatte?

Dass es immer so lange dauern musste, bis ihn mal jemand erhörte.

„Ich will ehrlich mit Ihnen sein“, fuhr der junge Mann fort, „Sie werden Ihren Anspruch auf staatlichen Wohnraum verlieren, wenn Sie sich an unserem Projekt beteiligen.“

„Ich dachte, Sie sind von der Regierung“, sagte Achim.

„Wie ich schon sagte“, seufzte der junge Mann. „Wir sind eine Stiftung, die sich durch Gemeinschaftsspenden finanziert. In unregelmäßigen Abständen wird so ein Platz in unserem Projekt frei. Die Probanden erklären sich allerdings bereit, ihre staatlichen Ansprüche aufzugeben.“

Was für staatliche Ansprüche denn? Diese minimale Kabine, in der er mit Marlies hausen musste? Oh, wie es ihn nervte, wenn sie dort auf der Couch saß und ihm zum vierten Mal die Geschichte von dem Vogel erzählte, weil sie die vorherigen drei Mal schon vergessen hatte. Wie sie ihn immer wieder fragte, was sie ihm zum Mittag kochen sollte — völlig egal, welche Uhrzeit es war und völlig abgesehen davon, dass sie gar nicht mehr kochen konnte.

Wie sie die Nachbarskinder zu sich in die Wohnung einlud, als ob nur sie allein dort wohnte und sie keine Rücksicht nehmen musste.

„Es gibt da leider einen Haken“, sagte der junge Mann nun. „Der Platz ist nur für eine Person ausgelegt. Ihre Frau könnte nicht mitkommen.“

„Das geht nicht“, sagte Achim automatisch, obwohl er nicht ganz sicher war, warum genau das nicht ging. Ja, sie nervte ihn. Aber er hatte sie geheiratet und das bedeutete in seiner Generation noch etwas. Das verstand der Junge sicher nicht.

„Sie müssen sich um Ihre Frau keine Sorgen machen. Sie wird den Wohnraum behalten, der Ihnen gemeinsam zugewiesen wurde.“ Er fächerte ein paar der Papiere auf seinem Tisch auf und sortierte sie neu.

„Meine Frau ist krank“, sagte Achim. Es sollte vorwurfsvoll klingen, doch er hörte seine eigene Stimme tonlos. Es war eine Tatsache. Eine, mit der er jeden Tag leben musste.

„Das Programm bietet leider keine Möglichkeit, für die Ansprüche Ihrer Frau zu sorgen. Aber wie gesagt, die staatlichen Ansprüche bleiben bestehen. Für sie ändert sich nichts.“

Achim kratzte sich am Hosenbein. Seine Hose war zerknittert, aber man konnte noch entfernt eine ehemalige Bügelfalte erkennen. Marlies hatte immer sehr genau darauf geachtet, dass seine Hemden gestärkt und seine Hosen mit der geradesten Falte versehen waren. Jetzt bügelte sie schon lange nicht mehr und Achim würde auf seine alten Tage nicht damit anfangen.

Trotzdem war ihm der Zustand seiner Hose plötzlich peinlich.

„Sie bieten mir also einen Platz in einem Wohnprojekt an, in dem ich alleine leben werde.“

„Alleine, aber mit anderen. Keine Sorge, Ihre Mitbewohner sind auch alles ruhige Leute. Wie Sie. Und die Wände sind schalldicht.“

„Aber ohne meine Frau. Ohne kreischende Kinder.“

„Der Ausblick aus Ihrem Wohnzimmer ist außerdem fantastisch. Ich habe hier irgendwo auch Bilder.“ Sein Gegenüber begann von Neuem, in dem Blätterstapel zu wühlen. Mittlerweile war sich Achim sicher, dass auf dem Schreibtisch nichts mehr am richtigen Ort war. Seine Briefe lagen überall zerstreut, einige waren auch schon herunter gefallen.

„Nur keine Umstände“, wiegelte Achim ab. „Ich glaube Ihnen.“

Der junge Mann machte einen kompetenten Eindruck. Endlich jemand, der ihn verstand. Endlich jemand, der ihm zuhörte. Warum nur war das für alle anderen so schwer?

„Sie müssen sich natürlich nicht sofort entscheiden, aber der Platz wird nicht lange frei bleiben. Wir haben noch ein paar andere Kandidaten.“

„Andere Kandidaten?“ Achim verstand nicht. Was denn für andere Kandidaten? Er war doch der richtige Kandidat, hatte der Junge gesagt.

„Es gibt natürlich immer mehrere Kandidaten, Herr Lambrecht. Die Plätze sind begehrt. Und sie werden immer begehrter, je bekannter das Projekt wird.“ Dann lächelte der Mann plötzlich. „Aber vertrauen Sie mir, Ihre Chancen stehen außerordentlich gut.“

„Bis wann brauchen Sie meine Antwort?“ Achim zwang sich, die Stirn scheinbar nachdenklich in Falten zu legen.

Seine Entscheidung war längst getroffen.

 

***

 

Ruhe.

Endlich Ruhe.

Wie lange hatte er sich gewünscht, einfach mal einen Tag lang nichts zu hören? Viel zu lange. Und viel zu oft.

Ruhe hatte er jetzt genug.

Achim ging zur Essstation in seiner neuen Wohnung und wählte über den Monitor sein Mittagessen. Er hatte eine Weile gebraucht, sich daran zu gewöhnen, dass er alles über diese Bildschirme regeln musste. Aber nun war er ein echter Profi.

Es gab ja auch immer etwas Neues zu entdecken. Erst gestern hatte er heraus gefunden, wie er die Gemüsesorte von seinen Mahlzeiten auswechseln konnte.

Nun musste er endlich keinen Grünkohl mehr ertragen.

Er nahm die Menüschale, die kurz nach seiner Bestellung im Fach landete, und setzte sich in seinen Wintergarten.

Der junge Mann hatte nicht gelogen. Die Aussicht war atemberaubend. Wenn er die richtige Tageszeit abwartete, konnte er sogar seine frühere Wohnung sehen.

Na gut, die Wohnung und das Haus selbst konnte er nicht sehen, nicht einmal die Straße.

Aber mit viel Fantasie konnte er aus dem grauen Kontinent dort vor ihm die Stadt ausmachen, in der er gewohnt hatte.

Schräg neben seinem Wintergarten sah er die anderen Glaskästen der Wohnsiedlung. Einige davon waren zugehängt, immer abgedunkelt. Es war aber sicher nicht die Helligkeit, die ausgesperrt werden sollte.

Der Anblick der Erde so weit entfernt machte manchmal einfach melancholisch.

Nicht Achim, natürlich. Achim bereute nichts. Das war auch das, was er jede Woche in den Fragebogen eintrug, den er auszufüllen hatte. Er hatte sich schließlich aus freien Stücken für das Projekt entschieden und er würde keinen Rückzieher machen.

Neben ihm sah er in der Ferne eine Bewegung hinter der Scheibe. Er hatte keine Ahnung, wie seine Nachbarn hießen, schließlich hatte er auch noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt. Seine Wohnung war hermetisch abgeriegelt.

Der mürrisch blickende Mann zwei Wintergärten weiter winkte wenigstens zurück, wenn Achim ihm zuwinkte. Das tat er jetzt auch, und setzte sich ebenfalls mit einer Schale Essen an seinen Tisch.

‚Dort hinten braut sich ein Gewitter zusammen‘, würde er sagen, wenn der Griesgram neben ihm sitzen würde, und auf die Wolkenformation über dem Ozean zeigen.

‚Stimmt, das wird sicher viel Regen geben‘, würde der Griesgram sagen, und ihm erklären, wann das Gewitter das Festland erreichen würde.

Und dann würden sie weiter ihr Mittagessen essen und der Erde dabei zusehen, wie sie sich drehte.

Doch so lief das hier eben nicht.

Achims Wohnung war ganz am Ende der Siedlung gewesen, als er einzog. Doch mittlerweile wurden neben ihm neue Kabinen gebaut. Er hoffte nur, dass die Fläche vor ihm frei blieb, denn der Blick auf die Erde war ihm wichtig.

Manchmal erhielt er Nachrichten von der Erde. Er hatte beantragt — nein, es war eine Bedingung für seine Beteiligung am Projekt gewesen — dass er regelmäßig Nachrichten über seine Frau erhalten würde. Er hatte sie zurück gelassen, mehr oder weniger schweren Herzens, aber er hatte schließlich einen Eid geleistet. Der war ihm wichtig, auch jetzt noch. Die Nachrichten waren nie unterzeichnet, aber Achim wusste, dass sie von dem Jungen kamen, der ihm den Platz hier versorgt hatte.

Ein Piepsen sagte ihm, dass wieder eine solche Nachricht eingetroffen war.

Er richtete sich auf und warf auf dem Weg zum Monitor seine Menüschale in den Müll. Das Geräusch, das der Schlucker machte, wann immer er dort etwas hineinwarf, erinnerte ihn ein bisschen an hungrige Löwen in der Antike.

Er tippte auf den Bildschirm und die Nachricht leuchtete auf:

Es geht ihr gut. Medikamente schlagen an. Die Lesestunden gehen weiter. Heute morgen hat sie gelacht.

Die Lesestunden. Vor ein paar Tagen… nein, vor ein paar Wochen hatte er die Nachricht erhalten, dass eine Zweitklässlerin seiner Frau Geschichten vorlas. Das Mädchen hatte eine Lese-Rechtschreibschwäche und die Schule hatte ihr Übungsstunden aufgebrummt. Was gab es schon für ein besseres Publikum als jemanden, der ohnehin alles nur mit einem begeisterten Blick quittierte?

Diese Vorlesestunden waren Teil der Angebote, die seine Wohngemeinschaft bot. Hatte es die auch schon gegeben, als Achim dort gewohnt hatte? Warum hatte ihnen das niemand gesagt?

Heute morgen hat sie gelacht.

Achim löschte die Nachricht, bevor er sie ein zweites Mal durchlesen konnte. Das zweite Mal führte immer zum dritten und zum vierten und zum fünften… Der Bildschirm war fest in der Wand verankert.

So lange konnte er auf seine alten Tage einfach nicht mehr stehen.

Er ging zurück in seinen Wintergarten. Der Griesgram von Übernächstens war verschwunden. War auch nicht so wichtig.

Dort vorn, inmitten des Kontinents, dort saß seine Frau zu Hause auf dem Sofa. Vor ihr ein 8-jähriges Mädchen, das stotternd eine Lesefibel vorlas.

Und sie lachte.

Hatte gelacht.

Vielleicht eine Ausnahme.

Definitiv eine Ausnahme.

Er hatte sie schon seit Jahren nicht mehr lachen hören. Zumindest nicht über etwas Reales.

„Marlies“, sagte Achim laut und machte es sich in seinem Sessel bequem. Wenn er sich anlehnte, klappte das Fußteil aus, sodass er sich hinlegen konnte. Eine der besten Erfindungen, die es in seiner Kabine gab. Das Bett war viel zu unbequem. „Spiel mir mein Audioalbum.“

Die Sprachsteuerung seiner Wohnung gehorchte sofort. Aus dem Nichts erklang plötzlich Kinderlachen und Geschrei, das dumpfe Auftreten von Stiefeln auf dem Gang vor seiner Tür. Eine Tür, die er hier nie aufmachen konnte.

„Immer dieses Gebrüll“, schimpfte er leise. Das Lachen wurde lauter.

Hinter ihm ertönten schlurfende Schritte auf dem Teppich.

„Was wollen wir heute essen?“ Achim schloss die Augen. Marlies’ Stimme klang genauso, wie er sie in Erinnerung hatte. „Irgendwas mit Kartoffeln vielleicht? Ich mag Kartoffeln.“

Er konnte das Rosenparfüm riechen. Das Schlurfen entfernte sich wieder.

Manchmal fühlte er sich hier wie daheim.


Seine Ruhe… Wer hat die nicht gerne mal? Hättet ihr das Angebot angenommen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

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One thought on “Seine Ruhe – Eine Kurzgeschichte

  1. Papili

    Das Angebot scheint verlockend besonders dann, wenn die Langeweile einen in den Fingern hat. Aber … der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen! Allein kann er zwar ein bisschen vor sich hin leben, sich auch bestimmt eine ganze Zeit irgendwie beschäftigen … dann aber fehlt ihm die Kommunikation mit anderen, um sich weiterzuentwickeln. Eine Biene kann auch allein nicht wirklich LEBEN, auch wenn sie sich durchaus selber eine ganze Weile ernähren wird.
    Und noch eins: Technik darf den Menschen zwar immer unterstützen, sollte ihn aber nie bevormunden. Wenn allein Technik unser gesamtes Leben bestimmt, hängt dieses an einem sehr fragilen Faden.
    Fazit: Die Geschichte hat zumindest meinen Nerv in dieser Lebensfrage hervorragend getroffen. Ich bin gespannt auf die nächste!

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