Vermeidungstaktiken erkennen und besiegen

Es ist Dienstag abend.

Ich habe eben mein Mittagessen für die nächsten beiden Arbeitstage gekocht: eine Zucchini-Blumenkohl-Suppe mit viel Chili. Sie schmeckt fantastisch. Natürlich probiere ich noch den kleinen Rest, der nicht in meine Dosen gepasst hat und surfe währenddessen auf Tumblr.

Ob ich noch eine Wäsche anmachen sollte? Ich habe am Wochenende nicht gewaschen, bestimmt geht mir morgen die Unterwäsche aus. Nein, nicht wirklich.

Aber der Schreibtisch muss aufgeräumt werden. Dringend. Und die Kassenzettel, die hier liegen, müssen noch in meine Haushaltsapp getragen werden. Abwaschen muss ich auch noch.

Und dann ist da noch der Blogpost für Sonntag.

Den sollte ich auch schreiben.

Am Wochenende geht es nicht, denn ich fahre am Freitag in die Internetwüste Deutschlands. In eine der erstaunlich vielen Internetwüsten.

Morgen? Geht auch nicht. Donnerstag erst recht nicht.

Verdammt.

Der Post muss heute geschrieben werden. Nein, jetzt!

Aber die Wäsche…?

Was Du heute kannst besorgen…

Es geht mir oft so, wenn ich mich an’s Schreiben setze. Plötzlich fallen mir all die Dinge ein und auf, die ich noch erledigen muss:

  • Putzen – auf jeden Fall und immer. Wie lange habe ich schon nicht mehr gesaugt? Oder die Kommode abgestaubt? Oder unter dem Bett die Spinnen verjagt?
  • Wäsche waschen – auch immer ein wunder Punkt. Seit ich vor ein paar Jahren großzügig entrümpelt habe, sortiere ich oft alte Klamotten aus. Das hat zur Folge, dass ich einfach gar nicht so viele Klamotten besitze. Dafür aber einen großen Wäschekorb…
  • Aufräumen – meine Lieblingsbeschäftigung. Alles raus und dann neu wieder sortiert. Okay, das ist nicht wirklich „aufräumen“, aber es zählt.
  • Kochen und Essen – nom nom.

Es gibt noch unzählige andere Beispiele, aber die obigen zeigen schon ganz gut, worauf ich hinaus will.

Natürlich sind das alles Dinge, die erledigt werden müssen. Ohne Frage.

Aber muss das unbedingt jetzt sein?

Wenn ihr wissen wollt, ob ihr euch gerade wirklich wichtigen Dingen widmet, dann solltet ihr euch diese Frage beantworten:

Was mache ich gerade NICHT?

Wenn die Antwort „chillen“ ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Vermeidungshandlung ziemlich gering. Ist die Antwort aber „schreiben“, „lernen“, „Sport machen“ oder ähnliches, tja, dann müsst ihr dem Monster wohl oder übel ins Auge sehen.

„Dünnbrettbohrer“

Ich suche eigentlich immer den Weg des geringsten Widerstandes. Warum ein Brett an der dicksten Stelle durchbohren?

Was in vielen Situationen ein Segen ist, ist hier aber ein Fluch.

Denn Schreiben ist schwer – es ist an Abenden wie heute die dickste Stelle im Brett.

Solch uninteressanten Aktivitäten wie Putzen, Aufräumen, Wäsche waschen sehen daneben wie die glorifizierte dünne Stelle aus. Sie liefern schnell ein Erfolgserlebnis…

(Ich kann das deshalb so genau sagen, weil ich mittlerweile abgewaschen habe.)

Selbst wenn ich mich selbst damit tröste, dass ich ja nur 30 Minuten schreiben muss, tänzele ich um den Anfang drum herum.

30 Minuten sind keine „nur“-Zeitangabe, es sei denn, sie stehen vor dem Wort „Schläfchen“. Bei allem anderen klingen 30 Minuten immer wie eine halbe Ewigkeit, auch wenn sie keine sind.
30 Minuten joggen? Pft. 30 Minuten zum nächsten Dönerladen laufen? Ich denke nicht. 30 Minuten schreiben? Eeeeeeeeh.

Die dünnste Stelle im Brett

Die beste Methode, die Vermeidung zu vermeiden (tehe… hast du gesehen, was ich da gemacht habe? Sorry, weiter im Text.), ist so offensichtlich wie einfach:

Anstatt nur „30 Minuten“ zu veranschlagen, verringere den Zeitrahmen so weit, dass es keine Ausrede mehr dafür gibt, es nicht zu tun. 5 Minuten. 2 Minuten. So klein wie möglich.

Als ich mich für diesen Blogpost hingesetzt habe, lautete meine Vorgabe: „Ich werde nur mal ein paar Stichpunkte zu dem Thema Vermeidungstaktiken aufschreiben.“ Und schwupps, habe ich schon gute 600 Wörter zu virtuellem Papier gebracht. Es sind auch schon mehr als 5 Minuten vergangen.

Nach 5 Minuten habe ich mich nämlich meist schon so weit in meine Geschichte oder mein Brainstorming oder meinen Blogpost eingearbeitet, dass ich nicht aufhöre, sondern noch eine ganze Weile weiter schreibe. Meist so um die 30 Minuten. Oft sogar länger.

Der schwierigste Schritt für einen Läufer ist der erste aus der Tür.

Genauso geht es dem Autor.

Das schwierigste Wort ist immer das erste.

Also: Geh 5 Minuten joggen. Und danach noch ein bisschen mehr.

Mach dein Bett. Und räum danach den Schreibtisch auf.

Schreib ein Wort. Und danach noch eins. Und dann noch eins. Und noch eins… und…

Oder eben nicht

Nach 5 Minuten darfst du auch aufhören. An manchen Tagen will einfach nichts funktionieren, die Worte wollen nicht kommen oder der Schuh kneift. Alles ist doof, die Pizza ruft und Netflix hat dich eben darüber informiert, dass Sense8 eine neue Folge im Programm hat.

Dann lass es. Wirklich. Mach deine 5 Minuten oder 2, schreib dein eines Wort und leg die Sache ad acta. Du bist immer noch weiter, als wenn du nichts gemacht hättest.

Solche Tage gibt es.

Aber sie sind Gott sei Dank recht selten.

Pst, während des Schreibens dieses Blogposts habe ich:

... den Blogpost fertig geschrieben
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One thought on “Vermeidungstaktiken erkennen und besiegen

  1. Pingback: Self Care in einer depressiven Phase – Words I Weave

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