Von Dingen, für die wir nicht bereit sind

Manchmal muss man einfach Dinge tun, für die man vermeintlich noch nicht bereit ist.

Als ich mich 2015 für meinen ersten 10-Kilometer-Lauf angemeldet habe, war ich dafür nicht bereit.

Als ich 2016 einen neuen Job in einer völlig neuen Branche angefangen habe, war ich dafür nicht bereit.

Als ich ein paar Monate später bei einem Hindernislauf gestartet bin, war ich dafür nicht bereit. Und als ich während des gesamten Laufes jedes einzelne Hindernis angegangen bin, war ich absolut nicht bereit.

Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mir denke:

„Nein, das ist verrückt. Das kannst du gar nicht. Das solltest du lieber lassen. Du wirst dich blamieren.“

So stand ich an der Startlinie des 10-Kilometer-Laufs. So stand ich vor der Eingangstür meines neuen Arbeitgebers. So stand ich vor dem See, der das erste von 20 Hindernissen darstellte, und vor der Schlammgrube, die eines der letzten Hindernisse war.

Und so stand ich auch vor der ersten Geschichte, die ich veröffentlicht habe.

Oder vor dem ersten Buch.

Natürlich will unser Gehirn uns damit nur beschützen. In allem, was wir tun, sieht unser Gehirn den Säbelzahntiger oder von mir aus den tödlichen Abgrund, des es zu überqueren gilt.

Es ist — das gebe ich gern zu — sicher auch nicht ganz normal, sich an einem Sonntag Morgen durch Schlammgruben und über Container mit Autoreifen zu kämpfen. Das kann tatsächlich auch ein bisschen gefährlich sein.

Und wie ich mir habe sagen lassen, sind sich die meisten Menschen in meinem Umfeld auch einig, dass man weder 10 noch 5 Kilometer rennen sollte. Es sei denn, man wird verfolgt.

Aber so eine kleine Geschichte auf einem Blog im großen, weiten Internet? Oder so ein kurzes Buch mit 143 Seiten?

Das kann doch nun wirklich nicht so schlimm sein.

Denke ich, während mein Gehirn schreiend im Kreis läuft und lautstark das Gegenteil verkündet.

Mein Gehirn hat aber Gott sei Dank mehrere Stimmen. Und da gibt es neben dem schreienden Hysteriker noch die Fünfjährige, die immer genau das tut, was man ihr gerade verboten hat. Und dann noch den Rationalisten, für den Logik oberste Gebot hat.

Das sieht dann in etwa so aus:

Hysteriker: „Du kannst doch nicht in den See springen. Bist du verrückt? Bist du sicher, dass du schwimmen kannst? Das Seepferdchen-Abzeichen damals in der dritten Klasse hast du nicht bekommen!“

Fünfjährige: „Na und? Was soll schon passieren?“

Rationalist: „Du hast 50€ Startgebühr bezahlt. Die wirst du doch jetzt nicht etwa verschwenden und nicht antreten?“

Am Ende jubeln alle Drei mit mir, wenn ich nach 2:09 Stunden endlich das Ziel erreiche, meiner Freundin um den Hals falle und mich mit Kartoffelbrei wieder aufpäppele.

Auch wenn der Hysteriker leicht hustet. „Musstest du wirklich ZWEIMAL ins Wasser springen?“ Die Fünfjährige hingegen brüllt: „Nochmal, nochmal!“

Tatsache ist, dass die wirklich spannenden Dinge meistens außerhalb unserer Komfortzone liegen.

Die Erfolge, die uns Hochgefühle bescheren, sind die, für die wir haben kämpfen müssen. Das beste Adrenalin wird dann ausgeschüttet, wenn man zurück blickt und sagen kann: „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffe.“

Ich habe den 10-Kilometer-Lauf geschafft. Ich habe den Einstieg in den neuen Job geschafft. Ich habe den Hindernislauf geschafft.

Ich habe eine Schrankwand alleine demontiert und letzten Monat zum ersten Mal eine Bohrmaschine benutzt um Regalbretter an die Wand anzubringen.

Ich habe ein Buch geschrieben und veröffentlicht.

Alles nur Dank der Frage meiner inneren Fünfjährigen:

„Na und? Was soll schon schiefgehen?“

Und dem Stirnrunzeln meines Rationalisten:

„Du bist nicht so weit hergekommen, um wieder umzukehren.“

Manchmal kommt der Rationalist — genauso wie der Hysteriker oder die Fünfjährige — auch in menschlicher Form vor. So stand ich, nachdem ich die Schrankwand demontiert hatte, schwitzend in der dritten Etage meines Treppenhauses. In der Hand hielt ich ein 50-Kilo-Paket, an dessen anderem Ende der arme Mensch stand, der sich mir zu helfen bereit erklärt hatte. Und nach der zwanzigsten Entschuldigung aus meinem Mund („Ich hab nicht gedacht, dass es so schwer ist. Es tut mir so leid. Das hast du dir sicher anders vorgestellt.“) kam von ihm schließlich ganz ruhig: „Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder wir tragen es wieder runter und bringen deinen neuen Kleiderschrank zurück zu IKEA. Oder wir schleppen den noch die restlichen zwei Etagen rauf.“

Ende vom Lied: Ich habe jetzt einen neuen Kleiderschrank.

Und eine quietschvergnügte innere Fünfjährige.

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