Von Geschichten, die auf der Strecke bleiben

Ich habe die Storyline umrissen, die Geschichte getaktet und den ersten Entwurf begonnen.

Drei Mal.

Ich habe wirklich mein Bestes gegeben.

Aber die Geschichte wollte nicht.

Es ist bei Weitem nicht das erste Mal. Ich denke, jeder angehende Schreiberling hat die ein oder andere Romanleiche auf der Festplatte liegen. Charaktere, die das Licht außerhalb der Notizbuchseiten nicht erblicken. Szenen, die losgelöst ohne Anfang und Ende nebeneinander versauern.

Eine der wichtigsten Regeln beim Schreiben ist es, Dinge zu beenden.

Das ist überhaupt auch eine der wichtigsten Regeln im Leben.

Wer immer nur neue Geschichten beginnt anstatt die alten fertig zu schreiben, hört meistens an der schwierigsten Stelle auf. Aber gerade das ist ja die Stelle, an der es am meisten zu lernen gibt. Wer vorher abbricht, tritt auf der Stelle.

Und erfährt nie, wie toll das Gefühl ist, wenn man etwas fertig hat.

Trotzdem ist auch dieser Rat — genau wie der mit dem täglichen Schreiben — mit einem Körnchen Salz zu nehmen.

Es gibt durchaus Geschichten, die auf der Strecke bleiben (müssen).

Nicht jede Geschichte sollte auf Teufel komm raus beendet werden.

Vor gut 15 Jahren habe ich mal eine Romanidee angefangen, in der sich Menschen in Tiere verwandeln konnten. Das war’s dann auch schon an Geschichte, denn weiter hatte ich mir nichts ausgedacht. Es gab keinen Plot, keine wirkliche „Geschichte“. Es war vielmehr eine Aneinanderreihung von Szenen. Klar hätte ich die Geschichte irgendwie beenden können. Aber es hätte mir nichts gebracht, denn gelernt hätte ich nichts. Ich war noch nicht soweit.

Es gibt bestimmte Kriterien, nach denen es meiner Meinung nach völlig okay ist, eine Geschichte unbeendet liegen zu lassen:

  • Die Geschichte zu schreiben, macht keinen Spaß.
  • Die Geschichte hat keinen „Lehr-Effekt“.
  • Die Geschichte liegt zu lange und man hat den Kontakt verloren.

Wenn ein Punkt allein auftritt, ist das noch kein Grund, die Geschichte auf’s Abstellgleis zu schieben. Jedem Punkt für sich kann man entgegen wirken.

Die Geschichte macht keinen Spaß: Überleg dir, welche Szene dir zu schreiben Spaß machen würde. Worauf hast du dich schon gefreut?

Die Geschichte bringt dir nichts bei: Fokussiere einen bestimmten Aspekt, z.B. Dialoge und achte besonders darauf, wie du das in der Geschichte umsetzen willst.

Der Kontakt ist verloren: Lies dich neu ein und mach dir neue Geschichten. Eine neue Outline kann manchmal Wunder wirken.

Wenn aber alle drei Punkte auf eine Geschichte zutreffen, dann ist der Aufwand es nicht wert. Warum sollte man sich quälen, nur um eine Geschichte zu schreiben, an der man kein Interesse mehr hat und die einem keinen Spaß mehr macht?

Oh, du meinst, dass es wichtig für deine Autorenkarriere ist, genau diese Geschichte zu schreiben? Glaub mir, damit tust du dir keinen Gefallen. Dein Desinteresse und deine Unlust an dem Projekt werden sich durchziehen und der Leser wird es merken.

Wenn es unbedingt diese Geschichte sein muss, dann finde einen besseren Grund als: weil ich es mir so ausgedacht habe. Ändere etwas. Töte einen Hauptcharakter (vielleicht sogar den Protagonisten). Schick einen Nebencharakter auf eine Reise in ein Paralleluniversum. Oder verlege die gesamte Geschichte unter Wasser. Tu, was auch immer du tun musst, um deine Freude an der Geschichte wieder zu finden.

Und wenn du das nicht kannst, dann lass es bleiben. Es liegen so viele Geschichten in der Luft.

Such dir einfach eine neue.

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