Was ich aus 5 Jahren NaNoWriMo gelernt habe

Logo Eigentum des National Novel Writing Month

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In etwas mehr als einer Woche ist November und das ist der — zumindest in Autorenkreisen weitreichend bekannte — Schreibmonat schlechthin: der NaNoWriMo.

National Novel Writing Month.

1999 von Chris Baty gegründet, ist das Ziel ganz simpel: Innerhalb der 30 Novembertage sollen 50.000 Wörter zu Papier bzw. Bildschirm gebracht und so der erste Entwurf eines Romans fertig gestellt werden.

Das klingt zunächst irre, denn 50.000 Wörter sind keine kleine Hausnummer. Pro Tag sind das etwa 1.666 Wörter. Je nachdem, wie schnell man schreibt, kann man sich ausrechnen wie lange man dafür täglich investieren muss. Warum also sollte man so etwas tun und wie soll man das schaffen?

Wichtig ist zunächst, dass man sich eins noch einmal klar macht: Es geht darum, den ERSTEN ENTWURF zu schreiben. Das heißt, der innere Kritiker — ihr wisst schon, der kleine dicke Typ in der Lederjacke, der Bier trinkend und Zigarre rauchend auf eurer Schulter sitzt und eigentlich alles scheiße findet, was ihr da fabriziert — wird in den Urlaub geschickt und es wird einfach geschrieben. Und wer das schon einmal probiert hat, der weiß auch, dass das Ziel nun nicht mehr ganz so irre klingt.

Ich habe schon einige Male am NaNoWriMo teilgenommen und will nun ein paar Weisheiten mit euch teilen, die ich dabei gelernt habe.

Meine Historie

2010 habe ich zum ersten Mal teilgenommen und beeindruckende 60.000 Wörter für ein Projekt geschrieben, von dem ich vorher eher eine vage Idee hatte.

Von 2011 bis 2014 habe ich fast jedes Jahr irgendwie so halb teilgenommen. Das heißt, ich habe das Ziel nicht wirklich ins Auge gefasst und mich einfach gefreut, wenn ich irgend etwas geschrieben hatte.

Letztes Jahr, 2015, habe ich mich dann wieder auf den Hosenboden gesetzt und einen Entwurf für eine Geschichte geschrieben, die ich schon länger geplant hatte. Dabei habe ich die 50.000 Wörter gerade so erreicht, allerdings lag das Problem eher darin, dass meine ersten Entwürfe allgemein eher kurz sind.

Meine Lehren

Ein paar Lehren habe ich aus den vergangenen fünf Jahren gezogen:

Ein Konzept zu haben ist wichtig.

Im ersten Jahr hatte ich nur eine vage Idee. Es war ziemlich leicht, die Wortzahl vollzukriegen, weil ich während des Schreibens die Geschichte entdeckt habe.

Das klingt im ersten Moment sicher, als ob es das Ziel sei. Je schneller und einfacher man 50.000 Wörter bekommt, desto besser, oder?

Für den NaNoWriMo vielleicht, aber für die Nachbearbeitung definitiv nicht. Die Geschichte ist nicht fertig geworden und sie liegt so, wie ich sie vor sechs Jahren verlassen habe, noch auf meiner Festplatte. Also für meine Autorenkarriere hat das absolut nichts gebracht, außer der Lehre, die ich daraus ziehe:

Es ist wichtig, schon vorher ein Konzept zu haben, damit man die Wörter optimal nutzen kann.

Täglich schreiben ist wichtiger als viel zu schreiben.

1.666 Wörter pro Tag klingen viel. Nicht jeder schreibt tatsächlich 1.666 Wörter jeden Tag, sondern teilt sich die Schreibzeiten nach seinem Wochenrhythmus ein. Einige schreiben innerhalb der ersten zehn Tage jeden Tag 5.000 Wörter und sind fertig. Wieder andere schreiben nur am Wochenende, nehmen sich dann aber den ganzen Tag Zeit und schreiben viel auf einmal.

Für eine beständige Schreibgewohnheit ist das allerdings alles andere als förderlich. Wer in solchen Sprints schreibt und sich seinen ganzen Monat freischaufelt, der hört mit dem 30. November schlagartig wieder auf. Für den ist das Projekt ein Lauf mit einem bestimmten Ziel und wenn das erreicht ist, lässt man das Schreiben wieder fallen wie eine heiße Kartoffel.

Das Gehirn hat gelernt, dass Schreiben mit extremen Anstrengungen und Entbehrungen einhergeht. Und warum sollte es sich das öfter als einmal pro Jahr — wenn überhaupt — antun?

Da ist auch 2010 wieder mein passendes Beispiel. Wie gesagt, die Geschichte liegt unfertig und unberührt auf meiner Festplatte.

Besser ist es, jeden Tag ein bisschen zu schreiben. Auch wenn man die 1.666 Wörter nicht schafft, so muss man an einem anderen Tag weniger „aufholen“, als wenn man gar nicht geschrieben hätte. Fügt eine Gewohnheit in euren Tagesablauf ein: abends vorm Schlafen gehen, morgens nach dem ersten Kaffee oder eine halbe Stunde in der Mittagspause. Das ist etwas, das man auch nach dem NaNoWriMo noch beibehalten kann.

Man muss es wollen.

Ein Fehler, den ich in den vier Jahren von 2011 bis 2014 gemacht habe: Ich habe die Sache nicht ernst genommen.

Ich hatte es ja schon einmal geschafft, so schwer war es schließlich nicht. Ich musste mich nur immer mal hinsetzen.

Aber dann hatte ich einen Tag verpasst und dann zwei. Nach drei Tagen liegt man 5.000 Wörter zurück. Die holst du auf, dachte ich mir, am Wochenende. Aber dann habe ich es doch nicht gemacht.

Mal hatte ich am Ende 10.000, mal 15.000 Wörter, aber nie mehr.

Auch wenn ich gerade noch getönt habe, dass man sich eine Gewohnheit zulegen sollte, die man auch hinterher fortsetzen kann, so ist der NaNoWriMo trotzdem eine Ausnahmesituation.

Ich tippe sehr schnell: An guten Tagen schaffe ich 1.666 Wörter in etwa einer Stunde — wenn ich weiß, was ich schreiben will. Aber auch eine Stunde muss man irgendwo in seinen Tagesablauf einplanen, wenn man die Wörter nicht am Wochenende nachholen will.

Der November wird also durchaus von Entbehrungen begleitet. Man sieht seine Freunde womöglich nur halb so oft, oder gar nicht. Man steht vielleicht eine Stunde eher auf.

Aber genau hier kommt die Schreibgewohnheit zugute: Wer schon eine hat, muss sie nur etwas ausweiten. Wer noch keine hat, kann sie hinterher halbieren und damit seine weitere Schreibkarriere bestreiten.

Der Weg ist das Ziel.

Wer Ende November 50.000 Wörter vorweisen kann, der bekommt ein schönes Zertifikat zum Ausdrucken und ein paar Gutscheine — zum Beispiel einen 50%-Gutschein für die Software Scrivener, die ich für Autoren wärmstens empfehle.

Niemand bietet einem sofort einen Veröffentlichungsvertrag an. Niemand kennt das Buch, das man da geschrieben hat. Und es ist auch noch lange nicht fertig, denn das war ja nur der erste Entwurf.
Wer also Fanfaren und Luftschlangen erwartet, wird sicher enttäuscht sein — es sei denn, man hat einen Partner, der sowas organisieren kann.

Das eigentliche Ziel des NaNoWriMo ist es nicht, 50.000 zusammenhangslose Worte aufzuschreiben. Es geht darum, eine Geschichte fertig zu bringen, den ersten Entwurf niederzuschreiben und dabei jeden Tag so viel zu schreiben, dass der Zigarre rauchende Kritiker von ganz alleine von der Schulter hüpft.

Manche Geschichten sind kürzer als 50.000 Wörter. Manche sind länger. Manche sind vielleicht schon angefangen. Manche reifen im Schreibprozess, manche werden erst entdeckt.

Wer am Ende in seiner Geschichte einen Schritt weiter ist — wer sie fertig geschrieben hat, wer große systematische Probleme in der Struktur oder der Charaktere gelöst hat, wer das Ende nun endlich kennt auch wenn es noch nicht fertig getippt wurde — der hat gewonnen. Egal, ob er 50.000 Wörter erreicht hat, oder nicht.

Nutze die Gemeinschaft.

Ich habe mich nie groß mit anderen im Forum angefreundet. Dafür hatte ich gar keine Zeit, ich war zu sehr mit Schreiben beschäftigt.

Aber wer etwas Zuspruch braucht oder sich von anderen anspornen lassen will, der trifft im Forum auf eine offene und hilfsbereite Gemeinschaft.

Meine größte Hilfe waren immer die Pub Crawls: Auf witzige erzählende Weise werden hier Zwischenschreibziele, sogenannte Sprints, vorgegeben. Das teilt die Masse in kleinere, überschaubare Ziele ein.

Zwischenziele sind zum Beispiel fünf Minuten, 100 Wörter, fünfzehn Minuten, bis zur nächsten vollen Viertelstunde, so viele Minuten wie du Stifte auf dem Tisch liegen hast oder so viele Wörter wie die Waschmaschine an Restzeit anzeigt.

Im Forum wird sich gegenseitig angefeuert und zugejubelt, es werden Ideen getauscht und es gibt einen Platz zum ausheulen.

Und wenn man gar nicht weiter weiß, dann gibt es die Reisende Schaufel des Todes.

Mein NaNoWriMo 2016

Wer meinen Newsletter erhält, weiß es schon: Ich arbeite gerade an einem längeren Schreibprojekt.

Das habe ich auch schon begonnen. Ich schätze, dass der erste Entwurf etwa 40.000 Wörter lang wird — wie gesagt sind meine Entwürfe immer um einiges kürzer als die Endfassung. Nachdem ich meine erreichten Wörter in den letzten Monaten analysiert habe, habe ich mir selbst ein Ziel von 5.000 Wörtern pro Woche gesetzt. So hätte ich das Manuskript in 8 Wochen fertig.

Wenn der NaNoWriMo nicht wäre.

Mein Ziel für den diesjährigen NaNoWriMo ist es, meine durchschnittlichen täglichen Wörter zu erhöhen und so das Manuskript schon im November fertig zu stellen.

Aber ich gestehe: Ob ich das schaffe, ist mir nicht wichtig.

Wichtiger ist mir mittlerweile, dass ich die Wörter regelmäßig zu Papier bzw. Bildschirm bringe. Dass ich durchhalte. Dass ich spätestens Ende Dezember ein Manuskript habe, das ich überarbeiten kann.

Der NaNoWriMo wird mir dabei helfen, mich ein bisschen zu fordern.

Ich weiß, dass ich damit ganz eklatant gegen meinen eigenen Punkt 3 verstoße. Aber ich denke, auch das ist eine Lehre, die ich für mich gezogen habe: Nicht alles ist für jeden gut.

Ich habe fünf Jahre lang am NaNoWriMo teilgenommen und bislang noch nichts produziert, was ich veröffentlicht habe. Die Wörter sind nicht mein Problem, sondern das Durchhalten, das Strukturieren, das Überwinden der Angst.

So gesehen gibt es für mich gar keinen NaNoWriMo 2016. Außer den Lehren, die ich daraus gezogen habe und den Harry Potter Pub Crawls, die ich auch in diesem Jahr wieder nutzen werde.

Nun zu euch: Nehmt ihr am diesjährigen NaNoWriMo teil? Oder habt ihr euer eigenes Ziel gesteckt?

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