Wie ich Belohnungen für’s Schreiben nutze

Wenn beim Joggen der schwerste Schritt immer der erste aus der Tür ist, verhält es sich beim Schreiben genauso: Das erste Wort ist immer das schwerste. Sich hinzusetzen, Scrivener zu öffnen und schließlich die meist leere Seite mit dem ersten Wort zu füllen, scheint manchmal schier unmöglich.

Um den Start zu erleichtern, kann man sich die Umgebung so widerstandslos wie möglich einrichten oder sich kleine Ziele setzen. Doch auch hinterher kann man seinem Gehirn gute Signale setzen, damit der Start das nächste Mal nicht ganz so schwer fällt — denn es weiß dann, dass hinterher tolle Dinge passieren können.

Ich habe eine ganze Zeit lang erfolglos Belohnungen angewendet und vorerst aufgegeben. Erst als ich kürzlich ein Buch über gute Gewohnheiten gelesen habe, habe ich auch verstanden warum.

Gut vs Böse

Das Problem an Belohnungen ist, dass man die richtige Belohnung für die richtige Aufgabe finden muss. Denn ja, es gibt schlechte Belohnungen, die tatsächlich eher kontraproduktiv sind.

Stell dir vor, du machst Diät. Du stellst deine Ernährung um, du verzichtest auf Süßigkeiten und isst mehr Brokkoli, du läufst jeden Tag in der Mittagspause eine Runde um den Block. Du verlierst tatsächlich das gewünschte Gewicht und belohnst dich — mit einer Sahnetorte.

Das ist, man glaubt es kaum, eine denkbar schlechte Belohnung für die umgestellte Ernährung, denn sie steht dem komplett entgegen. Dein Gehirn lernt, dass die Ernährung tatsächlich ein Verzicht ist, eine Anstrengung, die mit Sahnetorte belohnt wird. Und dein Gehirn will ja eigentlich Sahnetorte, sonst wärst du ja nicht auf Diät. Du belohnst dich also für eine Gewohnheit, die du eigentlich komplett in dein Leben integrieren willst, aber doof findest.

Oder anders ausgedrückt: Du bestrafst dich im Endeffekt für das Stück Sahnetorte mit der gesunden Ernährung davor. Dein Gehirn lernt also, dass die gesunden Gewohnheiten nicht an sich toll sind, sondern einer Belohnung bedürfen um sie durchzuhalten.

Damit wird das Ganze sicher nicht zu einem Selbstläufer, sondern es bleibt ein Kampf gegen dich selbst.

Schlechte Belohnungen für’s Schreiben

Jede Belohnung, die deiner neuen Gewohnheit konträr entgegen steht, ist eine schlechte Belohnung. Ebenso Belohnungen, die du eigentlich „lieber“ machen würdest als schreiben.

Also etwa deine Lieblingsserie auf Netflix schauen, so wie ich es früher immer gemacht habe.

Damit zeigst du dir selber, dass dir das Schreiben an sich keinen Spaß macht. Sondern du machst es nicht gerne, zwingst dich aber, damit du deine Lieblingsserie schauen darfst. Damit trainierst du dir selbst eine gewisse Abneigung gegen das Schreiben an, denn du willst ja lieber deine Lieblingsserie schauen.

Ich will mir nicht bei bringen, dass ich eigentlich nicht schreiben will, sondern meine Lieblingsserie schauen. Sondern ich will beides.

Gute Belohnungen

Du willst ja aber Schreiben. Zumindest ich will das. Und ich will es oft, nach Möglichkeit noch viele, viele Jahre lang. Nicht, weil ich mal reich werden will (dafür gibt es genügend andere, wesentlich leichtere Jobs), sondern weil ich Geschichten erzählen will.

Deshalb sollte mir das Schreiben an sich Spaß machen. Andernfalls kann ich es auch lassen und stattdessen meinem Brotjob nachgehen.

Nachdem ich lange Zeit keine Belohnungen benutzt habe und damit auch echt gut gefahren bin, habe ich doch manchmal das Gefühl, eine zu brauchen. Es gibt schließlich genügend doofe Schreibsessions, nach denen ich alles hin schmeißen will, genügend Zweifel und genügend wild gewordene Storylines, die mit dem Sektglas über die Wiese davon hüpfen.

Doch wenn nicht die Lieblingsserie, was dann? Na, andere Dinge, die ich gerne mache:

Ein Bad nehmen, gutes Essen essen, durch die Wohnung tanzen, die Fingernägel lackieren, Mittagsschlaf…

Das sind alles Dinge, die ich gerne mache — und vor allem sind sie unabhängig vom Schreiben. Ich nehme auch ein Bad, wenn ich nicht davor 1.000 Wörter in die Tasten gehauen habe. Und ich lackiere mir oft die Fingernägel, während ich nebenbei meine Lieblingsserie schaue.

„Aber das ist kein richtiger Ansporn.“

Wem die Belohnungen oben zu „klein“ erscheinen, sollte nochmal den Anfang lesen.

Die Belohnungen sind nicht dafür gedacht, mir zu zeigen, dass das Schreiben anstrengend ist und ich dafür eine Ausnahme machen muss. Die Belohnungen sind vielmehr das I-Tüpfelchen, denn die eigentliche Belohnung ist ja, dass ich am Ende Wörter vorzuweisen habe.

Ich bin nach jeder Schreibsession einen Schritt weiter. Ich habe vielleicht eine Storyline aufgelöst oder eine Geschichte zu Ende geschrieben — oder sie angefangen. Das ist doch der eigentliche „Sieg“ an der Gewohnheit.

Die eigentliche Belohnung deiner Diät ist ja auch nicht die Sahnetorte.

Sondern, dass du gesünder bist und abgenommen hast.

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