Wie ich mir die täglichen Gedanken aus dem Kopf schreibe

Wie ich mir die täglichen Gedanken aus dem Kopf schreibe

Vor etwa einem Jahr habe ich euch erzählt, dass ich jeden Tag 750 Wörter auf 750words.org schreibe. Keine Geschichten, sondern Gedanken, Gefühle, Ziele. Also all die Dinge, die einen den ganzen Tag über beschäftigen.

Doch wie sieht es heute damit aus?

Was ist 750words?

Die Idee ist abgeleitet von den sogenannten „Morning Pages“, die im Buch The Artist’s Way beschrieben werden. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber der Grundgedanke ist folgender:

Jeden Morgen soll man 3 Seiten handschriftlich alles aufschreiben, was einem gerade durch den Kopf geht. Dadurch wird der Kopf freier und man hat mehr Platz für die wichtigen — kreativen — Gedanken und Ideen.

Buster, der Macher hinter 750words.org, hat die drei Seiten auf etwa 750 Wörter umgerechnet und dafür eine Website erstellt. Dort schreibt man nun also eben das auf, was einem durch den Kopf geht.

Wozu ist das gut?

Für mich hat das Aufschreiben meiner Gedanken tatsächlich eine befreiende Wirkung. Ich habe damit viele Gedanken sortiert, oder eben einfach mal „laut gesagt“. Vor allem im Sommer letzten Jahres, als ich mich in einer schwierigen, nahezu ausweglosen beruflichen Situation sah, hat mir das Schreiben auch bei einigen Entscheidungen geholfen.

Ich habe mich jeden Morgen hingesetzt, und meine Gedanken in 750+ Wörter zusammengefasst: Ziele, Erfolge, Dankbarkeit, Missmut, Zusprachen… Alles, was man sicherlich sonst in ein Tagebuch schreibt, habe ich dort verewigt. Wenn ich fertig war, habe ich mich tatsächlich besser und für den Tag gewappnet gefühlt.

Und nun?

Tja, die große Frage ist, mache ich das immer noch?

Nein, tue ich nicht.

Wie, ich mache das nicht mehr, höre ich euch fragen. Ich hatte doch so davon geschwärmt!

Ich schwärme auch immer noch davon. Zumindest von der Idee. Die Umsetzung allerdings läuft momentan anders.

  • Ich mag keine Wortzahlziele. Das ist wahrscheinlich das größte Problem. Immer, wenn ich mir eine Anzahl an zu schreibenden Wörtern setze, passiert in meinem Kopf etwas komisches: Es geht plötzlich nur noch darum, das Ziel zu erreichen. Ganz oft habe ich mich dabei erwischt, wie ich nutzlose Dinge geschrieben habe („Ich weiß selber nicht, was ich noch schreiben soll, aber die 750 Wörter müssen ja voll werden.“ — 17 Wörter) nur um die Wortzahl voll zu bekommen. Das ist ja aber nicht Sinn der Sache.
    Ich kann besser mit Schreibzeitzielen umgehen. 15 Minuten sind 15 Minuten, auch wenn ich die letzten 5 Minuten davon keinen weiteren Buchstaben zu Papier bringe. Natürlich bringt es auch nichts, 15 Minuten lang auf den Bildschirm zu starren und dem Cursor beim Blinken zuzuschauen. Aber ich schreibe tatsächlich freier, wenn ich nicht ständig daran denke, wie viele Wörter es noch bis zum Ziel sind.
  • Ich bin nicht immer im Internet. So schön der Zukunftsgedanke bei einen Online-Tagebuch auch ist, ich habe nicht überall Internet. Wenn ich Familie besuche, die in der deutschen Pampa wohnt — man mag es kaum glauben, aber es gibt noch genügend Fleckchen in Deutschland, wo das Internet wirklich Neuland ist — dann habe ich keine Möglichkeit, mich auf 750words.org einzuloggen und zu schreiben. Die Seite soll es einem ja vereinfachen, seine täglichen Morning Pages zu schreiben und in einer idealen Zukunftswelt tut sie das auch. Nur leider nicht unbedingt für mich.
    Dazu kommt, dass man für seinen geschriebenen Tage Punkte bekommt. Die Punkte werden gestaffelt, je nachdem wie lange man schon hintereinander geschrieben hat. Wenn man einen Tag auslässt, dann sind das keine Punkt und an den folgenden Tagen jeweils weniger Punkte als davor. Das geht wieder gegen meine perfektionistische Natur, in der ich natürlich immer die höchstmögliche Punktzahl erreichen will. Nach einer Weile wurde das eine Frustrationsquelle (aber auch ein Thema für meine täglichen Wörter… ein Teufelskreis?).
  • Schnell zu tippen hilft mir weniger dabei, seine Gedanken zu sortieren. Ich kann recht schnell tippen und damit hatte ich die 750 Wörter auch recht fix fertig. Doch meine Gedanken kamen so schnell gar nicht hinterher. Ich war noch damit beschäftigt, mich innerlich über mein Asthma zu ärgern, da tippten meine Finger schon das nächste Thema des frustrierenden Kollegen an. Schließlich musste das ja auch effizient sein, die 750 Wörter mussten erreicht werden und ich auf Arbeit gehen. Am Ende fühlte ich mich eher gehetzt, von meiner eigenen Schreibgeschwindigkeit und dem Wissen, dass die 750 Wörter in 20 Minuten fertig zu sein hatten. Denn dann fuhr mein Bus.

750words.org adé. Hallo Zettel und Stift!

Ich schreibe noch immer viel mit der Hand. Nachdem nun alle der oberen Probleme ergründet und ergrübelt hatte, war die Antwort für mich eigentlich klar:

Die Methode im Internet funktioniert nicht. Aber eventuell funktioniert die originale Grundidee.

In The Artist’s Way soll man schließlich 3 Seiten handschriftlich zu Papier bringen. Und einige Studien belegen, dass das handschriftliche Schreiben die Menschen mehr mit dem Geschriebenen verbindet.

Ich holte also Zettel und Stift raus und schrieb drauf los. Meinen Frust, meine Ziele, meine Gedanken. Lösungen zu Problemen und Vorsätze. Danach warf ich das Papier in den Mülleimer.

Ich brauche kein schönes Moleskine-Journal und keinen Edelfüller dafür. Nur einen Zettel und einen Stift; und hinterher einen Mülleimer. Ich hebe die Gedanken nicht auf, dafür sind sie viel zu wirr. Ich will schließlich damit abschließen. Sie sollen raus aus meinem Kopf und Platz machen für Fokus auf andere Aufgaben.

Der Vorteil für mich ist auch: Das kann ich zu jeder Tageszeit, überall und egal wie lange machen.

Wenn ich auf Arbeit genervt bin, nehme ich mir fünf Minuten und schreibe den Frust von der Seele. Wenn ich abends einen schlechten Lauf hatte, heule ich kurz auf ein Stückchen Papier. Wenn ich morgens euphorisch in den Tag starte und sich alle Gedanken überschlagen, sortiere ich sie auf der Rückseite eines Schmierpapiers.

Und manchmal, da schreibe ich einfach nichts.

Der Sinn der Morning Pages ist es, dass der Kopf frei wird. Es ist ein Werkzeug für die Seele. Und das Werkzeug sieht bei jedem anders aus.

Manch einer liebt die Struktur, die 750words.org bietet. Ein anderer schwört auf Tagebücher, die er immer wieder liest. Und wieder andere sind wie ich — sie wollen den Kauderwelsch einfach nur los werden.

Wie sieht es bei euren Gedanken aus? Schreibt ihr Tagebuch? Oder grübelt ihr lieber innerlich?

2 thoughts on “Wie ich mir die täglichen Gedanken aus dem Kopf schreibe

  1. Erin J. Steen

    Das ist ein interessanter Ansatz. Bis eben habe ich davon noch nichts gehört, aber mir kommen 750 Wörter bzw. 3 Seiten ziemlich viel vor. Ich habe keine Ahnung, ob mir morgens so viele Gedanken durch den Kopf rauschen.
    Ich bin ganz froh darum, im der morgendlichen Stille meine erste Seite des Tages (für mein Projekt) zu tippen. Je nachdem wie der Tag so läuft, habe ich das Gedankenkreisen eher gegen Abend.
    Viele Grüße
    Erin

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    1. Care Post author

      Hallo Erin,
      du kannst deine 750 Wörter bestimmt auch abends schreiben 🙂
      Ich stimme dir aber zu: Es ist schön, wenn man gleich morgens ein paar Projektwörter zu Papier bringt. Dann habe ich gleich etwas erreicht und kann beruhigt in den Tag starten.
      Der figürliche Frosch ist dann geschluckt.
      Liebe Grüße,
      Care

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