Wort für Wort – Tomaten und Bäume für Produktivität

wortfuerwort

Am Anfang stand das Wort.

Und danach kam das nächste. Das nächste. Und dann wieder das nächste.

Jede Geschichte wird Wort für Wort geschrieben.

Aber manchmal hat man trotzdem das Gefühl, dass all die vielen Worte, die diese Geschichte ausmachen sollen, nicht so recht erscheinen wollen.

Wer einen Roman schreiben will, der muss schon mit etwa 50.000 Wörtern rechnen. Und das ist eine Liebesgeschichte. Fantasy siedelt sich im Bereich von 3 bis 4 mal so vielen Wörtern an. Klar, so eine riesige Welt muss auch erstmal erklärt werden.

Für den ersten Entwurf meiner langen Geschichte habe ich mit etwa 40.000 Wörtern geplant. Meine ersten Entwürfe sind immer kürzer als das Endprodukt, weil ich zunächst erstmal die Geschichte zu Papier bringen muss und mich erst hinterher darum kümmere, dass alles gut zusammen passt und die Orte beschrieben sind.

Im Augenblick, in dem ich diesen Blogpost schreibe, habe ich gerade die 20.000-Wort-Marke geknackt — nach ziemlich genau 31 Tagen. Ich finde, das kann sich sehen lassen, auch wenn ich etwas hinter meinem Zeitplan her hinke.

Doch, wie schafft man es, so viele Wörter auf die blöde weiße Seite bzw. den Bildschirm zu bringen? Allein die Zahl klingt schon angsteinflößend, und wer ein bisschen mathematisch begabt ist, wird auch schnell ausrechnen können, wie lange er brauchen würde, um so viele Wörter zu schreiben.

Für alle die neugierig sind: Bei mir sind es 12:04 Stunden reine Schreibzeit. Ja, ich schreibe das so genau auf. Und ich zeige euch gleich, warum.

Diese 12 Stunden habe ich natürlich nicht am Stück geschrieben. Das geht gar nicht und würde auch keinen Spaß machen. Nein, die 12 Stunden entsprechen vielen, vielen kleinen Intervallen, in denen ich geschrieben habe. Hier und da mal ein paar Wörter.

Und das ist das ganze Geheimnis.

Pomodoro — das Geheimnis der Produktivität

Die Pomodoro-Technik ist vor allem und Produktivitäts-Junkies und Freiberuflern ziemlich bekannt.

Fakt ist, dass der Mensch sich keine 8 Stunden am Tag dauerhaft, krampfhaft wirklich konzentrieren kann. Nein, wir werden abgelenkt von Facebook, unseren Emails, dem blinkenden Licht am Telefon, der Wäsche, unserem Hungergefühl und… müsste nicht die Wand da hinten mal gestrichen werden?

Das Geheimnis liegt nicht daran, diese Ablenkungen komplett aus seinem Leben zu verbannen, sondern ihnen den Raum zu geben, den sie brauchen. Und in der restlichen Zeit wird gearbeitet.

Bei der Pomodoro-Technik sind das genau 5 Minuten. 25 Minuten wird gearbeitet und danach lässt man sich 5 Minuten Zeit, etwas anderes zu machen. Eine 25-Minuten-Einheit nennt sich Pomodoro. Nach zwei Stunden, also vier Pomodoros, gibt es eine längere Pause.

Was ich anfangs als Irrsinn abgetan habe, hat sich für mich schnell als Segen herausgestellt.

Als ich meinen Controllingkurs vor ziemlich genau einem Jahr begonnen habe, hatte ich nämlich genau das Eichhörnchenproblem, das alle anderen auch haben. Sicherlich begünstigt durch meinen Job konnte ich mich kaum mehr fünf Minuten am Stück konzentrieren, da ich jeden Moment damit rechnete, das Telefon müsste klingeln oder mein Chef wöllte irgendetwas von mir.

Selbst zu Hause konnte ich nicht abschalten: Einen Absatz gelesen, zack, zum Emailpostfach gewechselt.

So konnte das nicht weiter gehen.

Ich habe mir also einen Wecker gestellt und genau diese Technik ausprobiert. Und voilà, es hat funktioniert.

Jedes Mal, wenn ich den Drang hatte, auf mein Telefon zu schauen oder meine Emails zu checken, habe ich mir gesagt:

Das hat Zeit. Das kannst du alles nachher in der Pause machen.

Ich habe den Kurs etwa anderthalb Monate vor dem offiziellen Studienschluss beendet, mit einer Note von 1,2. Dank Pomodoros.

Forest — Das Hilfsmittel

Nun ist so ein altmodischer Küchenwecker absolut ausreichend für diese Technik und selbst ein Handywecker tut genau das, was er soll.

Aber zumindest ich, als visueller Spielemensch, brauchte noch ein bisschen mehr.

Ich fand die App Forest, die genau mein Spielebedürfnis erfüllte… und mir dabei half, meine Konzentrationszeit auch gegenüber meinen Mitmenschen klar zu kommunizieren.

In der App stellt man die Zeit ein, die man sich konzentrieren möchte — zwischen 5 und 120 Minuten. In dieser Zeit „wächst“ ein digitaler Baum. Checkst du zwischendurch auf dem Telefon deine Emails oder Whatsapp, stirbt der Baum und du musst erneut beginnen.

Aus deinen Konzentrationsbäumen wird dir Tag für Tag ein Wald zusammen gestellt, du kannst dich auch anmelden und die Bäume mit anderen teilen.

Der größte Vorteil der App: Der Timer lässt sich als Bildschirm einrichten, sodass du immer genau siehst, wie viel Zeit du noch hast. Und andere sehen das auch.

In meinem Elternhaus wurde der Satz „Das Bäumchen wächst“ schnell zum Synonym für „Bitte nicht stören“. Wenn mein Vater mich unterbrechen wollte, konnte er einfach auf mein Handy schauen und wusste, dass ich noch 15 Minuten nicht ansprechbar war.

Wenn das aber auch zu lange ist?

Im letzen Monat, das gestehe ich ehrlich, hat aber selbst das niedliche Bäumchen nichts genutzt. 25 Minuten abends hinsetzen und schreiben? Nein, das klang immer noch zu viel.

Aber ich erwähnte ja schon einmal die NaNoWriMo Word Crawls. Und für alle die, denen auch 25 Minuten wie eine Ewigkeit vorkommen, ist das genau das richtige.

Eine typische Liste für meine derzeitigen Schreibeinheiten sieht so aus:

150 Wörter > 10 Minuten > 300 Wörter > Bis zur nächsten vollen 1000 > 15 Minuten > 150 Wörter

Das sind sechs kleine, überschaubare Einheiten. Nach jeder Einheit kann ich theoretisch aufhören, und tue es auch manchmal. Zu Beginn stehen 150 Wörter. Die schaffe ich oft in weniger als 5 Minuten. Selbst, wenn ich danach keine Lust habe und aufhöre, habe ich 150 Wörter, die ich vorher nicht hatte.

Ganz oft aber komme ich danach in Fahrt und beende meine vorher gesetzte Liste. Am Ende stehen dann 1.500 bis 2.000 Wörter — ein Ergebnis, das sich auf jeden Fall sehen lassen kann.

Die Idee kam mir bei dem Harry Potter Pub Crawl, den ich an einem Wochenende erledigt habe. Ich war so begeistert davon, wie schnell ich voran kam, dass ich seitdem mein Schreibverhalten entsprechend angepasst habe. Jetzt schreibe ich nahezu nur noch in solchen kleinen Sprints, investiere am Ende etwa eine Stunde abends (oder eben auch nur eine halbe) und fühle mich gut, weil ich etwas geschafft habe.

Wort für Wort

Es ist egal, ob ihr nun mit Pomodoros beginnt, oder euch durch die Word Crawl Liste durcharbeitet. Jede Geschichte wird Wort für Wort geschrieben. Eine leere Seite kann man nicht lektorieren.

Lange Geschichten dauern leider auch lange. In einem Monat habe ich vorher etwa 2 Kurzgeschichten (fertig) geschrieben und bin jetzt gerade mal bei der Hälfte meines ersten Entwurfs.

Das schlaucht — das will ich nicht verhehlen.

Aber wir kreativen Menschen sind auch immer kleine Kinder. Joanna Penn, eine sehr erfolgreiche Thriller-Autorin, belohnt sich selbst mit lustigen Stickern, wenn sie ihr Tagessoll an Wörtern geschafft hat. Eine NaNoWriMo-Teilnehmerin hat mir vor ein paar Jahren erzählt, dass sie sich vorm November 30 teure Pralinen kauft und sich für jeden Tag im Schreibsoll mit einer davon belohnt. Ich lasse Bäumchen wachsen und jubele über 150 Wörter im ersten Entwurf.

Vielleicht hilft euch Forest — bei der App kann man übrigens mit den Punkten, die man für erfolgreiche Konzentrationssessions bekommt, neue lustige Bäume freischalten. Vielleicht helfen euch Pralinen. Oder auch Sticker.

Findet eure Motivation und macht euch das Leben nicht zu schwer. Jedes Wort, das ihr zu Papier bringt, ist ein weiteres Wort in der Geschichte.

Und jede Geschichte wird Wort für Wort geschrieben.

Kommentar verfassen