Zahlen, Daten, Fakten – Eine Kurzgeschichte

Zahlen, Daten, Fakten

Abree liebt Zahlen. Sie hat schließlich die Formel entwickelt, mit der jetzt landesweit darüber entschieden wird, welche Paare einen der begrenzten Nachwuchsplätze erhalten. Abree liebt auch ihren Job. So sehr, dass sie von ihrem Chef zwangfreigestellt werden musste, damit sie wenigstens einmal alle fünf Jahre in den Urlaub fährt. Natürlich passiert es ausgerechnet an ihrem letzten Arbeitstag, dass Abree zwei Akten mit demselben Eignungsfaktor vor sich liegen hat – und nur noch einen Platz frei.

Lesedauer ca. 10 Minuten


„Du hast also Urlaub?“

Abree musste gar nicht von den sorgfältig gestapelten Akten auf ihrem Tisch aufsehen um zu wissen, dass Tom an ihrem Türrahmen lehnte. Er hatte wahrscheinlich die Hände in den Hosentaschen und ein schiefes Grinsen auf den Lippen. Wie immer, wenn er nicht wusste, wie er mit ihr ein Gespräch anfangen sollte. Es war für andere nicht immer leicht, mit Abree klar zu kommen. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er es immer wieder versuchte.

„Ja“, sagte sie langsam. Sie hob den Blick von der Akte. Dass sie recht gehabt hatte, gab ihr eine innere Genugtuung.

„Sechs Wochen. Ich bin schon ein bisschen neidisch. Fährst du weg?“

„Ans Meer. Meine Schwester hat mir etwas gebucht. Sie meinte, es würde mir gut tun.“

„Das Meer ist schön“, pflichtete Tom bei. „Ich war auch schon ein paar Mal da.“

Es war eine von Toms besten und schlechtesten Eigenschaften, dass er die Fakten immer in ein bestimmtes Licht drehen konnte. Sie wussten beide, dass Abree vom Chef zwangsfreigestellt wurde, nachdem sie sich auch in diesem Jahr geweigert hatte, Urlaub einzureichen. Tom hatte sie schließlich oft genug davor gewarnt.

So nannte Tom die Freistellung eben „Urlaub“ und Abrees Schwester hatte ihr ein Zimmer am Meer gebucht. Zwangserholung, sozusagen. Weg von den Zahlen, ein bisschen entspannen.

Aber Abree entspannte gerne mit Zahlen.

„Na gut. Ich muss jetzt los. Mach nicht mehr so lang.“ Tom winkte ihr zu und im nächsten Moment war er auf dem Gang verschwunden.

Mach nicht mehr so lang.

Abree hatte ihr Bestes getan, um den Tag noch etwas in die Länge zu ziehen. Sie hatte alle Akten aus ihrem Fach genommen und noch ein paar aus Toms geklaut. Er würde ihre Vertretung übernehmen, während sie weg war, doch sie traute ihm nicht ganz.

Tom betrieb eben eine „selektive Analyse“, wie er es nannte. Manchmal, da übersah er ein paar Daten für die Berechnung — ob nun absichtlich oder nicht. Abree tat das nicht. Für sie zählten alle Zahlen, Daten und Fakten. Sie war, so sagten alle, unbestechlich.

Doch so sehr sie auch den Tag in die Länge zu ziehen versucht hatte, auf ihrem To-Do-Stapel lagen nur noch zwei Akten.

Zwei Anwärter auf den letzten der begehrten Nachwuchsplätze in der Einrichtung.

Die Akte, die Abree gerade ansah, machte einen guten Eindruck. Das Paar war schon in fortgeschrittenem Alter, aber mit 43 und 45 Jahren gerade noch so in der von der Regierung festgelegten Obergrenze. Jedes Jahr wurde diese ein wenig nach unten korrigiert.

Das Paar hatte Glück.

Und die besten Voraussetzungen, ein neues Leben in der Gesellschaft groß zu ziehen: Die Auswertung der Aktivitäts-Chips zeigte einen sehr sportlichen Lebensstil, die Genanalyse jeweils nur geringe Veranlagungen zu Depressionen und bipolarer Störung. Einer von beiden hatte zusätzlich eine Veranlagung zu einer Essstörung, die in der vorherigen Generation einmal kurz zum Ausbruch gekommen war. Beide waren berufstätig, jeweils schon seit mehreren Jahren in den Unternehmen.

Das jährliche Einkommen würde dem Nachwuchs einen sicheren Start in die Gesellschaft garantieren, der Lebensstil für Gesundheit sorgen und die guten genetischen Voraussetzungen das Einfügen in der Gesellschaft fördern.

Abree konnte auch schon ohne Berechnung erkennen, dass die Chancen gut standen. Sie hatte die Formel entwickelt, mit der seit einigen Jahren landesweit über die Qualifikation von Paaren als zukünftige Eltern entschieden wurde.

Die Nachwuchsplätze waren knapp und die Einrichtungen überlastet. Jedes Jahr wurde nur eine bestimmte Anzahl an Plätzen überhaupt frei gegeben und jedes Jahr forstete sich Abree durch Tausende von Akten, um die Zukunft der Gesellschaft zu sichern. Es lag an Menschen wie ihr und Tom, dass sie die bestmöglichen Anwärter für die Plätze auswählten.

Sie liebte ihren Beruf. Sie wusste auch, dass niemand ihn so gut machte wie sie. Seit der Einführung ihrer Berechnung war der Bewerbungsprozess schneller und effektiver.

Vor allem waren die Ergebnisse genauer.

Man musste nur alle relevanten Faktoren eintragen: Alter der Eltern, prozentuale Veranlagungen für psychische Störungen, Aktivitätsprofile, Einkommen, Wohnungssituation. Der errechnete Faktor entschied dann darüber, wer als zukünftiges Elternpaar geeignet war und wer nicht.

Zahlen, Daten und Fakten.

Die konnte niemand leugnen.

Nicht so wie vorher, in denen ausgeklügelte Vorgespräche und unangekündigte Hausbesuche die werdenden Eltern überprüfen sollten.

Nur Paare, die einen Faktor über 50 erreichten, hatten ein Anrecht auf einen Nachwuchsplatz. Danach entschied die Anzahl der freien Plätze.

Das Paar erreichte einen Faktor von 65. Ein gutes Ergebnis, doch Abree musste noch die letzte Akte prüfen und vergleichen.

Das zweite Paar war wesentlich jünger, erst Anfang 20. Das war auf der einen Seite positiv, denn so standen die Chancen gut, dass sie auch noch für ein zweites Kind zugelassen werden konnten. Schließlich sollten etwa 25% aller Familien Geschwisternachwuchs großziehen. Allerdings verfügte das Paar über ein geringeres Einkommen und eine entsprechend weniger gute Wohnsituation. Beide waren aktiv und hatten einen hohen Bildungsgrad.

Abree tippte alle Daten in die Berechnung ein und erhielt den Faktor: 65.

Beide Paare waren gleichermaßen geeignet für den letzten Platz.

Abree hasste es, wenn so etwas passierte. Und natürlich musste so etwas ausgerechnet am letzten Tag vor ihrem Urlaub passieren. Deshalb fuhr Abree nie in den Urlaub.

Sie hatte beide Akten bereits als „Begonnen“ markiert und jede begonnene Akte musste innerhalb von 24 Stunden evaluiert werden. Ein Schutzmechanismus, um zu vermeiden, dass bestimmte Akten favorisiert wurden.

Sie waren eben unbestechlich.

Abree blätterte erneut durch beide Akten. Vielleicht hatte sie irgendwo etwas übersehen. Natürlich ging die Wahrscheinlichkeit dafür gegen Null, aber in Fällen wie diesen ging Abree lieber auf Nummer Sicher. Doch leider gab es keine Zahl, keinen Indikator oder eine überblätterte Seite, die einen der beiden Faktoren in veränderte.

Erholung ohne Zahlen sollte der Urlaub werden. Doch nun würde Abree tagelang darüber nachdenken, was die optimale Entscheidung gewesen war. Sie würde im Kopf die Wahrscheinlichkeit dafür ausrechnen, dass diese Situation ausgerechnet heute eintrat. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass beide Akten zur gleichen Zeit auf ihrem Tisch landeten. Und die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Ergebnis anders ausgefallen wäre, hätte sie ihren Tagesablauf genauso verfolgt wie immer, ohne das Damoklesschwert des anstehenden Urlaubs über ihrem Kopf. Und die Wahrscheinlichkeit…

Nein. Sie musste sich jetzt konzentrieren.

Abree atmete tief durch und legte beide Akten nebeneinander. Die braune Deckpappe sah bei beiden gleich aus, die in schwarz aufgedruckte Identifizierungsnummer akkurat in der Mitte platziert. Nicht, dass sie daraus etwas über die Paare hätte lesen können.

Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Die Akten wurden anonymisiert; alle nicht relevanten Daten wurden entfernt, um Gerechtigkeit zu wahren. Doch es war nicht schwer, diese Daten einzusehen. Sie musste einfach nur die Akte im Rechner aufrufen.

In dem Moment, in dem ihr Blick auf die Namen des ersten Paares fiel, bereute Abree ihre Entscheidung.

Das Paar war Christina und Paul Hammerson.

Abrees Cousin.

Sie schaltete den Bildschirm aus, als ob sie dadurch ihr neu gewonnenes Wissen rückgängig machen konnte. Doch der Name war in ihren Kopf gebrannt. Genau wie das Wissen, dass es tatsächlich Daten gab, die Abree nicht einberechnet hatte.

Christina hatte es erst letzte Woche erwähnt, mit einem Lächeln, als ob es keine große Sache wäre. Doch für die Bewerbung hier war es eine sehr große Sache.

Paul war entlassen worden.

Die Akte musste zusammengestellt worden sein, bevor Paul oder sein Arbeitgeber die Änderung gemeldet hatten. Die Bearbeitungszeit für so etwas lag bei bis zu zwei Wochen. Doch die veränderte Einkommenssituation würde die gesamte Berechnung auf den Kopf stellen.

Abree musste den Faktor nicht neu berechnen um zu wissen, dass er unter 65 liegen würde. Wahrscheinlich sogar unter 50.

Zahlen, Daten, Fakten.

Die Entscheidung war klar.

Christina und Paul hatten sich schon immer Kinder gewünscht. Doch nun würden sie nie welche bekommen. Nächstes Jahr würden beide zu alt sein, um zugelassen zu werden. Wie sollte Abree ihnen das erklären?

Genau genommen musste sie es gar nicht erklären. Schließlich wurden die Nachgespräche von geschulten Psychologen durchgeführt. Und offiziell wusste Abree gar nicht, dass sie den Antrag bearbeitet hatte. Christina und Paul würden gar nicht erfahren, dass es Abree war, die sie abgelehnt hatte. Doch Abree würde ihnen nicht mehr in die Augen sehen können.

Paul hatte sich immer um Abree gekümmert. Abree, seine kleine Cousine, die immer in Zahlen versunken in der Ecke des Schulhofs saß und Formeln in den Sand schrieb. Er hatte sie verteidigt, wenn sie gehänselt wurde und ihr gut zugesprochen, wenn ihr die laute Welt manchmal zu viel wurde. Er sagte immer, dass Abree im Dienst der Gesellschaft stand und er es als seine gesellschaftliche Pflicht ansah, ihr dabei zu helfen. Auch wenn das bedeutete, dass er sie daran erinnern musste, etwas zu essen.

Paul und Christina verdienten es, ein Kind groß zu ziehen. Sie waren schon jetzt wunderbare Eltern.

Doch der Faktor versagte es.

Abrees Hände zitterten. Sie durchforstete die zweite Akte — Nina und Sage Focus — nach anderen Informationen, errechnete ihren Faktor mit allen vorliegenden Daten immer und immer wieder neu. Er änderte sich nicht.

Nina und Sage Focus waren besser geeignet. Sie waren jünger, sie waren gebildet und sportlich. Sie würden mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar ein zweites Kind genehmigt bekommen.

Reiß dich zusammen, Abree. Du kennst die Antwort doch schon.

Abree war unbestechlich. Jeder wusste das.

Sie atmete tief durch, bevor sie die Akten entsprechend markierte.

Ihr Schreibtisch war aufgeräumt, die Akten sortiert. Schweren Herzens zog sie sich an und nahm den Stapel mit den abgelehnten Paaren mit zum Schwesternbüro. Sie würden die Paare informieren und die tränenreichen Nachgespräche führen. Abree würde in der Zeit im Urlaub sein.

Wenn sie zurück kam, war alles schon vorbei. Neue Akten, neue Paare, würden auf sie warten. Alle in der Hoffnung, dass sie einen der Plätze ergattern konnten. Abree würde viel zu tun haben und die Gedanken an den heutigen Tag würden von allein verschwinden. Genau wie der Stein, der jetzt in ihrer Magengrube zu liegen schien.

Und Nina und Sage Focus würden sich nächstes Jahr noch einmal bewerben.


Der Name „Abree“ bedeutet angeblich „Mutter von vielen“. Findet ihr, das passt zu Abree? Ich freue mich auf eure Kommentare.

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