Anker – Eine Mikrogeschichte

Als sie klein war, hatte Luisa immer geglaubt, dass man fliegen lernen könnte. Genau so, wie man ja auch laufen erst lernen musste.

Stundenlang hatte sie in ihrem Garten gestanden und mit den Armen gewedelt, war von dem Bordstein, der Bank und einmal sogar von einem Baum gesprungen, um “Anlauf” zu nehmen. Aber es half nichts: Ihre Füße schienen so fest auf dem Boden verankert, wie nur möglich.

So hatte sie es auch empfunden: als Anker, angekettet an die Erde.

Also hatte sie sich entschieden, Astronautin zu werden – um so fliegen zu lernen

Die Aussicht aus dem Fenster erinnerte sie jedes Mal an diese Erkenntnis: Dort draußen war diese ehemals blau-grüne Kugel, die in reichlicher Entfernung düster und grau vor sich hin driftete. Aber Trauer half auch nichts.

Mit einem Kopfschütteln schob Luisa sich vom Fenster fort und hangelte sich in der Kapsel nach oben. Sie hatte die Kraftfelder nicht aktiviert, damit keiner ihrer Kameraden wach wurde. Es reichte, wenn einer Schlafstörungen hatte.

Außerdem verbrauchten die Kraftfelder zu viel Energie, die sie für ihre Reise benutzen mussten. Es gab keinen Notfallplan mehr. Kein Zurück. Nur noch nach vorn.

Begleitet von den blinkenden Lichtern der Anlagen hangelte Luisa sich in ihre Schlafkapsel. Selbst hier verzichteten sie auf die Schwerkraft, die ein Einkuscheln in eine weiche Matratze oder das Zudecken mit einer warmen Decke möglich gemacht hätte.

Wie sehr sie sich jetzt einen Anker herbei wünschte.

Eine Kette.

Einen Planeten.


Die Mikrogeschichte hat weniger als 250 Wörter und wurde vom Thema „Anker“ der Geschichten-Plattform Sweek inspiriert.


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