Berechenbar – Eine Mikrogeschichte

Ich halte die pinkfarbene Schokoladenpackung neben Amors Gesicht. “Die Ähnlichkeit ist unverkennbar.”

“Dein Humor ist ein Geschenk”, lacht er und reißt mir die Packung aus der Hand. Der darauf abgebildete halbnackte Engel ist pummelig und blond – während dem schlanken Mann vor mir lässig eine dunkle Locke in die Stirn fällt. Er betrachtet die Figur angestrengt und versucht, einen ähnlich schmollmundigen Gesichtsausdruck hinzubekommen. Ich kichere und die Blumenverkäuferin, in deren Laden wir stehen, wirft uns einen schmachtenden Blick zu.

Amor hat diesen Effekt auf Menschen – er ist nicht umsonst der Gott der Liebe.

Kauend bietet er mir ein Stück der Schokolade an.

Sie ist pink.

Genauso wie der Klebezettel, den Amor mir gerade gegeben hat und auf dem mein nächster Auftrag steht.

“Okay”, sage ich kauend, “wo sind sie?”

Er wirft einen bedeutungsschweren Blick aus dem Fenster zum Springbrunnen, an dem sich eine Gruppe Teenager versammelt hat.

Innerlich stöhne ich auf. “Interessante Wahl.”

Er weiß genau, was für eine Herausforderung diese Altersgruppe ist. Kinder erkennen uns Fae sofort, aber sie stören sich nicht daran, dass wir anders sind. Erwachsene hingegen sehen nur, was sie sehen wollen.

Aber Teenager? Teenager sind misstrauische Biester, die zwar nicht mehr die kindliche Allwissenheit besitzen, aber doch genug Verstand, um uns als anders zu erkennen.

Sie verlieben sich zwar gern und ständig, aber um das zusammen zu bringen, was zusammen gehört, erfordert es den richtigen Ort zur richtigen Zeit, jede Menge Taktgefühl, komplizierte Berechnungen … Und wenn Teenager eins nicht sind, dann ist es berechenbar.


Eine Mikrogeschichte hat weniger als 250 Wörter und wird von einem Wort inspiriert. Für diese Geschichte war das Wort Schmachten.


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