Wunschzettel – Eine Mikrogeschichte

Mein Wunschzettel, steht ganz groß auf dem Stück Papier, das in meinem Biefkasten liegt. Es ist hellblau, mit glitzernden Schneeflocken-Stickern.

Seufzend öffne ich die Mülltonne. Sie ist schon voll und wir haben es noch nicht mal Dezember.

Das habe ich davon, dass ich am Nikolausweg 24 wohne. Kinder schicken mir ihre Wunschzettel. Und ich packe sie ungelesen in die Tonne.

Drinnen mache ich mir eine Tasse heißen Kakao. Ein Blick nach draußen verrät: Es wird eine wolkenlose Nacht. Ich bin gerade dabei, eine zweite Tasse Kakao zu machen, als es klingelt.

“Es ist offen, komm rein.”

“Ho, ho, ho”, donnert es lachend aus dem Flur.

“Dir auch einen guten Abend.” Ich stelle die Tasse auf den Tisch und mein Gast lässt sich auf den Stuhl fallen. Heute ist er fast ganz in schwarz gekleidet. Allein der grüne Pullover mit einem aufgestickten Rentier, verrät, wer er ist. Und der Bart natürlich.

“Ist alles bereit?”, fragt er mich.

“Die Tonne ist voll.”

“Du hast auch nicht geschummelt?”

“Natürlich nicht. Keinen einzigen Brief habe ich gelesen. Ich kenne die Regeln. Wenn ich einen lese, geht mein Wunsch nicht in Erfüllung.” Vor meinem Küchenfenster steht ein Rentier und presst seine Nase ans Glas. Ich lege zum Gruß meine Hand an die Scheibe. “Ich glaube, du bist spät dran.”

“Recht hast du.” Er leert seine Tasse in einem Zug und geht nach draußen, um den Inhalt der Tonne in den Schlitten zu kippen.

Das Rentier schnaubt und dann ziehen die beiden davon.


Die Mikrogeschichte hat weniger als 250 Wörter und wurde vom Thema „Wunsch“ der Geschichten-Plattform Sweek inspiriert.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert