Category Archives: Geschriebene Worte

Pfefferkuchenhaus – Eine Kurzgeschichte

Seit Hänsel und Gretel die Hexe getötet und zurück in ihr Heimatdorf gekehrt sind, herrscht eine erleichterte Stimmung. Auch bei Paul und Lisa, die sich im Wald verlaufen haben. Denn wenn die Hexe tot ist, kann das Haus, vor dem sie stehen, unmöglich gefährlich sein. Oder doch?

Lesedauer ca. 18 Minuten


„Ich glaube nicht, dass Hänsel die Hexe in den Ofen geschubst hat.“

Die Baumrinde unter Lisas Händen fühlte sich rau an. Die Kälte machte ihre Haut anfälliger für die Splitter und Spitzen des Holzes. Hier unter der Tanne lag wenigstens kein Schnee und so hatten ihre Schuhe vielleicht die Möglichkeit ein wenig zu trocknen. Neben ihr stieß ihr Bruder Paul ein Lachen aus, das sich prompt in ein keuchendes Husten wandelte.

„Natürlich hat er das“, sagte er.

„Aber er war doch eingesperrt.“

Lisa rieb ihre kalten Hände aneinander. Paul tat es ihr nach. Sein Schal hatte in diesem Winter noch einige Löcher mehr bekommen.

„Er hat sich eben vorher befreit.“

Seit Hänsel und Gretel vor einigen Wochen wieder in das Dorf zurück gekehrt waren, gab es kein anderes Gesprächsthema mehr. Alle wussten, dass im Wald eine Hexe lebte, die sich immer mal wieder Kinder holte. Kinder, die im Wald nicht aufpassten, vom Weg abkamen oder nach Sonnenuntergang noch in der Dunkelheit herum stromerten. Die Kinder verschwanden spurlos. Wie Thomas damals.

Bislang war noch keines der Kinder zurück gekehrt.

„In jedem Fall ist die Hexe tot“, sagte Lisa schließlich beschwichtigend.

„Genau“, sagte Paul.

„Also ist das Haus leer.“

Sie starrten an dem Tannenstamm vorbei auf die Lichtung. Das Haus, das dort stand, war in den tollsten Farben bemalt und trotz des tiefen Winters lag auf der Wiese keine einzige Schneeflocke. Im Gegenteil, einige der Obststräuche schienen Früchte zu tragen. Keine zehn Meter von Lisa und Paul entfernt stand ein Rosenbusch in voller Blüte. Während die Bäume im Dorf alle Blätter verloren hatten und unter einer dicken Schneeschicht begraben waren, bewegten sich die grünen Baumkronen auf der Lichtung in einer leichten Brise. (mehr …)

Reinigung – Eine Kurzgeschichte

Ich sollte grundsätzlich nicht ans Telefon gehen, wenn ich nicht weiß, wer dran ist. Und ich sollte grundsätzlich nichts tun, was mir ein Unbekannter nachts am Telefon ins Ohr flüstert. Aber ich konnte nicht anders. Nicht, wenn er die richtigen Dinge flüstert…

Lesedauer ca. 12 Minuten


Ich bin schon etwa fünf Sekunden wach, bevor mein Telefon klingelt. Die Luft in meinem Zimmer steht, obwohl ich alle Fenster geöffnet habe. Die Gardinen bewegen sich langsam mit dem Luftzug, der leider nur die Wärme von draußen mit hinein bringt. In der Dunkelheit leuchtet das Display und blendet meine Augen. Ich sehe nicht, welche Nummer anruft, und nehme trotzdem ab.

„Was?“, frage ich schroff.

Am anderen Ende der Leitung höre ich ein röchelndes Atmen. Ich bereue, ans Telefon gegangen zu sein. Was zur Hölle?

„Lia.“ Die Stimme, die plötzlich in mein Ohr haucht, klingt vertraut. Aber ich bin mir sicher, dass ich sie noch nie gehört habe. „Gut, dass du wach bist. Ich brauche deine Hilfe. Bring die Critter.“

„Was?“, frage ich wieder, dieses Mal nicht ganz so schroff. Was soll das denn? „Sie haben die falsche Nummer.“

Am anderen Ende seufzt die Stimme.

„Bestimmt nicht.“ Ich höre ein Rascheln, und dann: „Ach so. Der Stern steht im Saturn.“

Ein Klicken verrät mir, dass der Anrufer aufgelegt hat.

Ich setze mich im Bett auf und suche nach meinen Schuhen. (mehr …)

Aus den Augen – Eine Kurzgeschichte

Celia ist sieben Jahre alt, als es das erste Mal passiert. Doch erst viel später wird sie verstehen, was es bedeutet. Und welche Nachteile es mit sich bringt…

Lesezeit ca. 20 Minuten


Celia war sieben, als sie das erste Mal zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wurde. Sie war so aufgeregt, dass sie stundenlang mit ihrer Mutter durch das Geschäft streifte, um das perfekte Geschenk zu finden.

Im Nachhinein glaubte Celia, dass die Einladung ihrer Mutter sogar noch mehr bedeutet hatte als ihr selbst. Es war einer der wenigen Tage gewesen, an denen ihre Mutter nicht ein einziges Mal die Worte „zu teuer“ gesagt hatte.

Anikas Haus war für die Geburtstagsfeier entsprechend dekoriert. Überall waren Luftballons und Girlanden aufgehängt und in der Küche stand ein riesiger Schokoladenkuchen auf dem Tisch. Den durften sie aber natürlich erst nach dem Spielen essen, hatte Anikas Mutter gesagt.

Celia war überrascht, wie sauber es überall in dem Haus war. Selbst dort unter Anikas Bett, wo sich Celia in fast jeder Versteckrunde zurückzog, lag nichts. Unter ihrem eigenen Bett standen Kisten mit Spielsachen. Aber ihr Zimmer war auch nicht so groß wie Anikas. (mehr …)